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Betäubungsmittelgesetz: Schmerzfreiheit rund um die Uhr

Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A-1655 / B-1467 / C-1447
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Klinkhammer, Gisela
Gisela Klinkhammer,
Chefin vom Dienst (Text)
Gisela Klinkhammer, Chefin vom Dienst (Text)

Nur selten stoßen geplante Gesetzesänderungen der Bundesregierung auf fast einhellig positive Resonanz. Doch genau das ist jetzt der Fall. Die Koalitionsfraktionen haben sich nämlich am 17. August darauf geeinigt, dass künftig auch in Einrichtungen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) und in stationären Hospizen ärztlich verschriebene und nicht mehr benötigte betäubungsmittelhaltige Schmerzmittel für andere Patientinnen und Patienten weiterverwendet werden dürfen. Gleichzeitig wird auch die rechtliche Möglichkeit geschaffen, Notfallvorräte von Betäubungsmitteln in stationären Hospizen und in der SAPV vorzuhalten. Damit wird erlaubt, was seit langem gängige Praxis ist. „Der behandelnde Arzt stand allerdings bereits mit einem Bein im Knast“, sagte dazu Dr. med. Matthias Thöns, Vorstandsmitglied im Palliativnetz Bochum. Jetzt werden diese Strafvorschriften erfreulicherweise entschärft, denn, so brachte es Thomas Sitte von der Deutschen Palliativstiftung treffend auf den Punkt: „Schmerzen halten sich nicht an Öffnungszeiten der Apotheken.“

Diese Aussage wird durch eine im Juli veröffentlichte Umfrage unter Palliativmedizinern gestützt (Schmerz 2010.24: 367–72). Danach fanden es 99 Prozent von 208 Befragten wichtig, dass ambulant tätige Palliativmediziner jederzeit auf einen gewissen Pool an Betäubungsmitteln zugreifen können. 86,3 Prozent der Befragten hielten die Versorgung durch öffentliche Apotheken für unzureichend. Teilweise wurde sogar über eklatante Missstände berichtet. Besonders in ländlichen Gebieten sind die Anfahrten zu lang, die notwendigen Medikamente oft nicht vorrätig und gerade am Wochenende nicht verfügbar. Die Weitergabe von Betäubungsmitteln in Hospizen und Pflegeheimen mittels Neuausstellung eines Betäubungsmittelrezepts hielten 89 Prozent der Palliativmediziner für praxisuntauglich.

Das dürfte sich künftig erfreulicherweise ändern. Schwerstkranke Patientinnen und Patienten könnten durch die Verbesserung im Bereich der Palliativmedizin zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie in Notfallsituationen betäubungsmittelhaltige Schmerzmittel erhalten, um ihre oft unerträglichen Schmerzen zu lindern. Außerdem sollen auch cannabishaltige Fertigarzneimittel künftig unter den strengen Voraussetzungen des Arzneimittelgesetzes zugelassen und auf Betäubungsmittelrezept verschrieben werden dürfen. Diese Entscheidung, „Cannabis aus der Schmuddelecke“ zu holen, wie es der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. med. H. H. Gerhard Müller-Schwefe, ausdrückte, ist ebenfalls überfällig. Denn mit dem teilsynthetisch produzierten Cannabinoid Dronabinol, das aus natürlichen Cannabinoiden gewonnen wird, haben die Schmerztherapeuten nach eigenen Angaben bisher gute Erfahrungen gemacht. Zum Einsatz kommt die Substanz beispielsweise bei Schmerzen nach Polioerkrankungen oder Schmerzformen wie Fibromyalgie, die durch eine mangelhafte körpereigene Schmerzkontrolle verursacht werden. Spastische Schmerzen bei multipler Sklerose können mit dem Hanfwirkstoff besser behandelt werden als mit anderen Medikamenten. Wenn Cannabinoide also aufgrund der Gesetzesänderung generell leichter erforscht, zugelassen und verordnet werden, kann dies neue Therapieoptionen eröffnen. Der Handel und die Verwendung von Cannabis zu Rauschzwecken bleiben übrigens weiterhin verboten.

Gisela Klinkhammer
Chefin vom Dienst (Text)