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Geschichte der Medizin: Versuche an Menschen

Dtsch Arztebl 2003; 100(45): A-2915 / B-2413 / C-2269
POLITIK
Gerst, Thomas
Tödliche Unterkühlungsversuche im KZ Dachau
Foto: dpa
Tödliche Unterkühlungsversuche im KZ Dachau Foto: dpa
Staatlich geförderter Forschungsmissbrauch des menschlichen Körpers war Thema einer Tagung in Heidelberg.

Lange Zeit wurde hierzulande der Mythos gepflegt, nur zu einem verschwindend geringen Anteil seien die deutschen Mediziner in der Zeit des Nationalsozialismus an Menschenversuchen in den Konzentrations- oder Kriegsgefangenenlagern beteiligt gewesen. Dass es sich nicht allein um die Untaten einzelner Ärzte handelte, sondern dass das deutsche Wissenschaftssystem mit seinen tragenden Institutionen im Rahmen der medizinischen Forschung insgesamt sehr viel stärker mit dem NS-Unrechtssystem verstrickt war, wird erst seit wenigen Jahren mehr und mehr zur Kenntnis genommen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat mittlerweile die Zeichen der Zeit erkannt und ein Forschungsprojekt gestartet, das sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt und insbesondere darauf abzielt, institutionelle, personelle und forschungsstrategische Brüche und Kontinuitäten vor und nach 1933 sowie vor und nach 1945 zu untersuchen.
Inwieweit der Staat mit seiner Forschungsförderung durch die DFG, durch den Reichsforschungsrat oder durch seine militärischen Institutionen zwischen 1933 und 1945 ein medizinisches Forschungshandeln ermöglichte, das Menschen im Dienste eines höher erachteten allgemeines Zieles instrumentalisierte, misshandelte und tötete, war Schwerpunkt einer vom Institut für Geschichte der Medizin der Universität Heidelberg veranstalteten Tagung. Diese befasste sich unter dem Titel „Man, Medicine and the State: The Human Body as an Object of Government Sponsored Research, 1920–1970“ aber nicht ausschließlich mit den (pseudo)medizinischen Forschungen an Menschen in der NS-Zeit. Auch im internationalen Kontext suchte man die Bedingungen auszumachen, unter denen es der Staat und seine Institutionen für nötig erachten, unter Missachtung der individuellen Rechte bestimmte Bevölkerungsgruppen medizinisch auszubeuten.
Die Syphilis-Experimente des Breslauer Dermatologen Albert Neisser führten bereits ausgangs des 19. Jahrhunderts in Deutschland zu einer breiten öffentlichen Debatte um die Zulässigkeit von Versuchen an Menschen. In einer Anweisung des preußischen Kultusministeriums an die Krankenanstalten wurde 1900 vorgeschrieben, dass solche medizinischen Eingriffe
nur nach Belehrung und Einwilligung der Patienten zulässig seien. Die vom Reichsministerium des Innern 1931 erlassenen „Richtlinien für die neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche an Menschen“ setzten bereits Standards, die hinter denen der (erst nach dem Zweiten Weltkrieg formulierten) Deklarationen von Helsinki und Tokio nicht zurückstehen. Die Richtlinien von 1931 waren allerdings zwei Jahre später mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dann insbesondere mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nur noch Makulatur.
Unter den Bedingungen des andauernden Krieges gab es kaum mehr ethische Bedenken bei der experimentellen Nutzung des menschlichen Körpers, der in den Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern in ausreichender Zahl zur Verfügung stand. Malaria- und Fleckfieberexperimente, Unterdruck- und Kälteversuche, kriegschirurgische Experimente, Ernährungs(entzugs)forschung, Versuche mit biologischen und chemischen Kampfstoffen – das Spektrum der von Ärzten durchgeführten Menschenversuche, bei denen der Tod der Probanden billigend in Kauf genommen wurde, ließe sich noch um viele Beispiele erweitern. Diese menschenverachtenden Experimente kann man nicht – dies geht aus den in Heidelberg vorgestellten historischen Forschungsprojekten hervor – als isolier-
te krankhafte Einzeltaten von Medizinern klassifizieren, sondern sie waren verwoben in ein Geflecht von institutionalisierter Forschungsförderung sowie von Mitwisser- und Mittäterschaft.
Aufgezeigt wurde aber auch, dass solche verwerflichen Humanversuche kein isoliertes Phänomen der deutschen NS-Vergangenheit darstellen, sondern dass es weltweit im 20. Jahrhundert immer wieder zu einer missbräuchlichen Ausbeutung bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Ärzte kam. Ein Beispiel hierfür sind die groß angelegten Menschenversuche der japanischen Armee vor allem an chinesischen Kriegsgefangenen im Verlauf des chinesisch-japanischen Krieges (1937–1945). In den USA haben mittlerweile Berichte über die dort in den Jahren 1945 bis 1970 insbesondere an Strafgefangenen durchgeführten Strahlenexperimente für großes Aufsehen gesorgt. Gleiches gilt für das „Tuskegee Syphilis Experiment“ in Alabama, in dessen Verlauf in den Jahren 1932 bis 1972 mehr als 400 US-Amerikanern afrikanischer Herkunft, die an Syphilis erkrankt waren, zu Studienzwecken jegliche medizinische Therapie vorenthalten wurde. Thomas Gerst