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Kunst mit Kindern im Krankenhaus: Krake statt Kanüle

Dtsch Arztebl 2017; 114(21): A-1044 / B-869 / C-851
THEMEN DER ZEIT
Schmitt-Sausen, Nora

Loslassen und kreativ sein heißt es zwei Mal in der Woche in der Kinderklinik des Klinikums Dritter Orden in München. Beim Arbeiten mit Ton sollen die Kinder ihre Krankheit einen Moment vergessen.

Kunststudentin Mona Marie Schulze leitet einen der Kurse.
Kunststudentin Mona Marie Schulze leitet einen der Kurse.

Felix ist in seinem Element. Er greift sich ein Stück Ton, knetet mit seiner kleinen Hand darauf herum, schnappt sich ein Plastikmesserchen, schneidet Scheiben, formt Kugeln. Es entstehen Fantasiegebilde, die er später wieder in ihre Einzelteile zerlegt und zu neuen Kreationen verarbeitet. Eine halbe Stunde geht das so, eine Stunde, die Uhr schreitet voran. „Bist Du müde, sollen wir mal eine Pause machen?“, fragt seine Mutter, die an dem runden Holztisch direkt neben ihm sitzt. Der dreijährige Lockenkopf leidet an Epilepsie, wurde gestern stationär am Klinikum Dritter Orden aufgenommen. Auf die Frage der Mutter antwortet der Junge nicht. Stattdessen knetet und formt er in aller Ruhe weiter. Von Müdigkeit keine Spur.

Bereits seit sechs Jahren können sich die Kinder der chirurgischen Station und der Kinder- und Jugendmedizin während ihres Kranken­haus­auf­enthalts durch kreative Arbeit mit Ton ablenken. Jeweils zwei Mal wöchentlich ist das Projekt „Kunst mit Kindern im Krankenhaus“ in der Kinderklinik des Klinikums Dritter Orden zu Gast. Es steht allen Kindern der Station offen, Patienten genauso wie besuchenden Geschwistern. Auch die Eltern sind eingeladen, zum Ton zu greifen. Sprich: Alle, bei denen Tonwürfel, Wasserschale und Tonwerkzeuge auf dem Tisch im offenen Spielzimmer der Stationen Interesse wecken, können sich dazu setzen. In den Kursstunden darf jeder kommen – und auch wieder gehen – wie er mag. Kein Druck, kein Stress, kein Zwang. Einzig das Interesse zählt.

Erst schüchtern, dann kaum zu bremsen

Das Prinzip funktioniert: Noch etwas schüchtern nähert sich ein neunjähriger Junge in schwarzer Jogginghose dem Geschehen auf Station 33, der Kinder- und Jugendmedizin. Er schaut verhalten, kaut an seinem Pullover. „Willst Du mitmachen?“, fragt Kunststudentin Mona Marie Schulze, die den Kurs am heutigen Nachmittag leitet. „Ja“, sagt er dann doch ziemlich deutlich, und nimmt ebenfalls an dem kleinen Holztisch Platz.

Die Kreativität der Kinder zeigt sich am unermüdlichen Kneten und Formen von Figuren aus Ton.
Die Kreativität der Kinder zeigt sich am unermüdlichen Kneten und Formen von Figuren aus Ton.

Es dauert nur einen Moment und die Hände des Jungen sind mit dem Ton in Aktion: Geschickt drückt er mit dem Spachtel den Brocken Ton platt, den ihm die Studentin zurechtgeschnitten hat, rollt den Ton auf dem Tisch aus, befeuchtet ihn mit einem Pinsel, formt Beine, Bäuche und Augen.

Die kleine Ton-Runde hat nun längst auch die Aufmerksamkeit der Geschwister des Neunjährigen auf sich gezogen. Selbst seine schüchterne kleine Schwester, 4, hat sich inzwischen dazu gesetzt. Kurze Zeit sind die zwei Jungs und das Mädchen gar nicht mehr zu bremsen und genauso in das Modellieren versunken wie ihr Tischnachbar Felix.

Seit 20 fast Jahren gibt es das Projekt bereits

Sechs Händepaare kneten, schneiden und drücken nun um die Wette. Geplauder und Kinderlachen gibt es inklusive, denn die Kinder interagieren. Sie geben sich Modellier-Tipps und kommentieren die Schaffensarbeit des Tischnachbarn. Plötzlich wird es leise – die Kindergruppe ist hoch konzentriert in die Arbeit vertieft. Zwischen Tonbröseln und Wasserflecken entstehen nach und nach frei von jeden Vorgaben die Dinge, die der Phantasie der Kinder entspringen. Heute sind das: eine Spinne, eine Krake, ein Vogel, eine Maus, ein Iglu, ein Haus, ein Elefant und eine Pizza.

Die treibende Kraft hinter der Initiative ist der Bildhauer Peter Tischler. Er ist seit 15 Jahren Kopf des Projektes, das es in München schon seit fast 20 Jahren gibt. Tischler organisiert die Kurse über das Atelier Regenbogen. Bei der Realisierung helfen ihm aktuell fünf Studenten der Akademie der bildenden Künste; sie geben die Kurse auf Honorarbasis.

Die Kinderklinik des Klinikums Dritter Orden ist nicht die einzige Klinik, in der das Team Tischler die „Kunst mit Kindern im Krankenhaus“ möglich macht. Auch an der Haunerschen Kinderklinik modellieren die Kinder regelmäßig mit Ton. Damit arbeitet die Initiative derzeit an zwei von drei Kinderkrankenhäusern in München.

Die Kliniken müssen für die Kurse nichts bezahlen. Das Projekt finanziert sich über Gelder von der Stadt München, dem Land Bayern sowie Zuwendungen von gemeinnützigen Institutionen wie Stiftungen. 260 Termine hat Tischler im Jahr 2016 anbieten können – 1 000 kranke Kinder, Geschwister und Eltern haben daran teilgenommen.

Der Bildhauer Peter Tischler ist die treibende Kraft hinter der Initiative. Er ist seit 15 Jahren Kopf des Projektes. Fotos: Lukas Barth picture alliance für Deutsches Ärzteblatt
Der Bildhauer Peter Tischler ist die treibende Kraft hinter der Initiative. Er ist seit 15 Jahren Kopf des Projektes. Fotos: Lukas Barth picture alliance für Deutsches Ärzteblatt

Prof. Dr. med. Jochen Peters, Chefarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Dritter Orden, empfindet das Projekt als Bereicherung für sein Haus – auch wenn es abseits der klassischen medizinischen Arbeit angesiedelt ist. „Es entspricht unserem Verständnis, dass krank sein und gesund werden im Kindesalter mehr als die Behandlung von Symptomen ist“, sagt er.

Einfacher zu den Kindern Kontakt aufbauen

Peters ist sich sicher: Die Arbeit mit dem Ton wirkt sich positiv aus. „Es sagt mir allein der gesunde Menschenverstand, dass es gut für die Patienten ist, auch wenn der Erfolg nicht streng messbar ist“, urteilt er. Er sieht, was das Arbeiten mit Ton Gutes für seine jungen Patienten leistet: für Ablenkung sorgen, die eigene Schaffenskraft entdecken, positive Momente erleben, in zwanglosen Austausch mit anderen treten.

Im Stationsalltag hat der etablierte Kurs noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Die Tongebilde helfen Peters und dem Rest des ärztlichen Teams, mit den Patienten in Kontakt zu kommen: „Bei den Visiten sehen wir die Tonwerke in den Zimmern stehen. Wir können im Gespräch gut darauf eingehen, die Kinder bestärken und für ihre Leistung loben.“

Die KInder sind richtig stolz auf ihre Figuren

Auch Sabine Beck, leitende Kinderkrankenschwester der Station, bestätigt, dass den Kindern die Arbeit mit dem Ton gut tut. Sie und ihr Team erleben hautnah, wie viel Spaß den Patienten das Kneten macht. Das Stationszimmer mit der Aufnahme ist direkt neben dem offenen Spielzimmer der Station 33.

Prof. Dr. med. Jochen Peters, Chefarzt in der Klinik für Kinderund Jugendmedizin des Klinikums Dritter Orden, empfindet das Projekt als Bereicherung für sein Haus – auch wenn es abseits der klassischen medizinischen Arbeit angesiedelt ist.
Prof. Dr. med. Jochen Peters, Chefarzt in der Klinik für Kinderund Jugendmedizin des Klinikums Dritter Orden, empfindet das Projekt als Bereicherung für sein Haus – auch wenn es abseits der klassischen medizinischen Arbeit angesiedelt ist.

„Es ist ein tolles Angebot. Die Kinder sind richtig stolz, wenn sie mit ihren Figuren aus dem Kurs kommen“, sagt sie. Und: Der Effekt geht bei einigen der Kinder und Jugendlichen gar weit über den Faktor Spaß und Ablenkung hinaus: „Bei manchen kann man es wirklich als Therapie ansehen. Sie verarbeiten ihre Krankheit über das Arbeiten mit dem Ton. Das Formen hilft ihnen, mehr Klarheit in ihre Gedanken zu bekommen.“

Besonders erstaunt ist Beck über die starke Kreativität, die etwa bei den vielen Anorexie-Patienten zutage kommt, die in der Klinik behandelt werden. „Ich habe gerade bei diesen Patienten den Eindruck, dass in ihnen viel Talent und Begabung schlummert, was über die Arbeit mit dem Ton herauskommt“, sagt Beck.

Auch Tischler, der bei unzähligen Kursen selbst dabei war, hat schon mehrfach erlebt, dass manche Kinder und Jugendliche erst beim Töpfern erfahren, was in ihnen steckt. „Es sind manchmal Teilnehmer dabei, von denen ich denke, dass sie unbedingt dabei bleiben sollten. Sie haben eine unfassbare Kreativität. Ein Patient hat mal ein Pferd modelliert, da habe ich Gänsehaut bekommen“, erzählt er.

Für Künstler Tischler steht die Kunst im Vordergrund. Das Kreativ sein. Der sinnliche Spaß am Umgang mit der Materie. Der Prozess des eigenen Schaffens. Das Entdecken des eigenen Talents. Und ja: natürlich auch das Loslassen von der Krankheit.

Auch Tischler ist sich nach den vielen Jahren, die er das Projekt Kunst mit Kindern im Krankenhaus nun schon betreibt, sicher: „Die Arbeit mit dem Ton gibt den Kindern die Möglichkeit, zu verarbeiten, was ihnen widerfährt, innerhalb wie außerhalb der Klinik.“ Sie könnten dank des Materials gestalterisch tätig werden und unmittelbar abbauen, was sie erlebt haben. Es sei manchmal schon „krass, was zum Vorschein kommt“, etwa wenn Patienten mit Essstörungen Körper modellierten oder ein Flüchtlingskind Panzer formt.

Für die Verantwortlichen an der Kinderklinik des Klinikums Dritter Orden passt das Angebot auch losgelöst von den positiven Effekten der künstlerischen Arbeit sehr gut in das Gesamtkonzept des Hauses. Denn: Die Münchner betrachten nicht allein das Kind als Individuum, sondern die ganze Familie. „Wenn es durch ein Angebot gelingt, für Kinder und Familien einen räumlich-emotionalen Rahmen herzustellen, in dem sie sich wohlfühlen, wo es nicht nur um den Krankheitsfall geht, dann ist das ein großer Erfolg“, sagt Peters.

In München zeigt sich in der Tat: Nicht nur die Patienten und ihre Geschwister profitieren von dem Angebot. Sondern das ganze System Familie.

Felix und seine Mutter töpfern inzwischen im Teamwork: Die Mama hat eine Schildkröte geformt – und Felix sticht in seiner eigenen Kreativität mit einem Stiel Löcher hinein. Seine Mutter lacht darüber laut auf.

Beide Elternteile der drei Geschwister sind mit in der Klinik. Der Große ihres Trios, der Junge in der schwarzen Jogginghose, leidet unter „unklaren Kopfschmerzen“. Deshalb sind sie hier. Die beiden Erwachsenen sitzen mit im offenen Raum, nur wenig abseits vom Tisch. Sie beobachten ihre werkelnden Kinder amüsiert und stecken immer wieder tuschelnd die Köpfe zusammen. Und sie lachen mit den Kindern gemeinsam über die Tiere, die ihre drei in unermüdlicher Arbeit schaffen. „Das ist schön. Das macht den Kindern Spaß“, kommentiert die Mutter das kreative Treiben.

Für einen Moment ist das Krankenhaus vergessen

Am Ende des Kurses sind vier Kilogramm Ton verarbeitet. Längst hat sich das Wasser in der Schüssel vom vielen Pinsel-Eintauchen eingetrübt. „Können wir die Sachen mitnehmen?“, fragt der Junge in der schwarzen Jogginghose Kunststudentin Schulze. Auf ihr „Ja, klar, dürft ihr das“ strahlt er übers ganze Gesicht.

Er packt die Tierchen vorsichtig in die bereitstehenden Schalen, geht die wenigen Schritte hinüber zu seinen Eltern, setzt sich zwischen die beiden und präsentiert das Geschaffene voller Stolz. Der Vater streichelt seinem kranken Sohn liebevoll über den Kopf. Die Mutter greift in eine der Schalen und betrachtet schmunzelnd die etwas eigenwillige Kreation einer Maus.

Für einen Moment ist das Setting Krankenhaus vollständig vergessen.

Nora Schmitt-Sausen

Kunst mit Kindern

Im Herbst 2016 wurde das Projekt „Kunst mit Kindern im Krankenhaus“ im Rahmen einer Bachelor-Arbeit an der Universität Bremen, Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften, untersucht. Die Arbeit ging der Frage nach, ob Kunst gesundheitsförderndes Potenzial hat; dies wurde anhand der Münchner Initiative analysiert.

Das Fazit der Arbeit: „Bildende Kunst trägt nachweislich gesundheitsfördernde und rehabilitierende Potenziale in sich und kann nachhaltig zur Gesundheit beitragen.“

Die gesamte Bachelorarbeit im Internet:

http://kunstundhygiene.de/
http://daebl.de/TX57