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Westjordanland: Medizin unter israelischer Besatzung

Dtsch Arztebl 2017; 114(20): A-988 / B-820 / C-802
THEMEN DER ZEIT
Korzilius, Heike

In Palästina fehlen Medikamente, medizinische Geräte und gut ausgebildete Ärzte. Der Zugang zur Versorgung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass Patienten einen israelischen Passierschein benötigen, wenn sie außerhalb ihrer Heimatregion behandelt werden müssen.

Jeden Tag in einem anderem Dorf: Die Palestinian Medical Relief Society (PMRS) versorgt mit fünf mo-bilen Kliniken im Westjordanland Patienten, die sonst kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung hätten. Chirurg Hussein Sarghali arbeitet seit drei Monaten für die Hilfsorganisation. Fotos: Heike Korzilius
Jeden Tag in einem anderem Dorf: Die Palestinian Medical Relief Society (PMRS) versorgt mit fünf mo-bilen Kliniken im Westjordanland Patienten, die sonst kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung hätten. Chirurg Hussein Sarghali arbeitet seit drei Monaten für die Hilfsorganisation. Fotos: Heike Korzilius

Es ist ein trüber Dienstag Ende Februar. Im Dorf Arab ar-Ramadin, rund 40 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv im Westjordanland, prägen Wellblechhütten und Zeltplanen das Bild. Im Schulgebäude der Beduinengemeinschaft ist die Sprechstunde der Mobilen Klinik der Palestinian Medical Relief Society (PMRS) bereits im vollem Gange. In einem Klassenraum kümmern sich Chirurg Dr. Hussein Sarghali und Kinderarzt Dr. Yousef Khaled um jeweils einen Patienten. Draußen warten geduldig eine ältere Frau sowie eine junge Mutter mit Kind, bis sie an der Reihe sind.

Die Ärzte der Hilfsorganisation kommen einmal in der Woche nach Arab ar-Ramadin. Die meisten Patienten, die sie dort behandeln, leiden an den typischen allgemeinmedizinischen Erkrankungen. „Wir kümmern uns in der Regel um die Grundversorgung und leisten auch Erste Hilfe“, sagt Sarghali.

Nur mit Passierschein

Dass die Dorfbewohner überhaupt auf die Mobile Klinik angewiesen sind, liegt an „der einzigartigen Lage“ von Arab ar-Ramadin, wie Sarghali es formuliert. Der kleine Ort wurde durch die Mauer, die der damalige israelische Präsident Ariel Sharon während der zweiten Intifada (2000 bis 2005) als Schutz vor Selbstmordattentätern bauen ließ, vom übrigen Westjordanland abgetrennt. Die Folge: Wann immer die Bewohner ihr Dorf verlassen wollen, müssen sie einen israelischen Checkpoint überqueren. Auch für den Weg ins nächste Krankenhaus benötigen sie einen Passierschein der israelischen Behörden. Doch viele Kranke scheuen die bürokratischen Hürden und die oftmals stundenlangen Wartezeiten. „Die Leute sind arm. Wenn wir nicht hierher kommen würden, ginge es vielen noch sehr viel schlechter“, erklärt PMRS-Chirurg Sarghali.

Auch er und sein Team leiden unter der beschränkten Freizügigkeit. „Heute hat es eine halbe Stunde gedauert, bis wir den Checkpoint überqueren durften“, sagt der Chirurg. „Wir wurden durchsucht, mussten all unsere Geräte und Kartons ausräumen. Und dann haben sie uns gefragt, warum wir heute kommen“, ergänzt seine Kollegin, Gesundheitshelferin Zuhair Odeh, die Erwachsene und Kinder in Gesundheitsfragen und Erster Hilfe unterrichtet. Denn normalerweise hält das PMRS-Team nicht dienstags, sondern donnerstags seine Sprechstunde in Arab ar-Ramadin ab. „Dabei haben wir eine Genehmigung, die den täglichen Besuch erlauben würde“, erklärt Odeh. Sie will später noch eine junge Frau besuchen, die unter großen psychischen Problemen leidet, weil ihr Mann eine zweite Frau geheiratet hat. Auch eine Mutter mit behindertem Sohn steht noch auf ihrer Liste.

„Als ich 1996 mit der Arbeit in dieser Region anfing, gab es zwar Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern, aber man konnte sich frei bewegen“, sagt die Gesundheitshelferin. Jetzt sei alles anders. Überall gebe es Kontrollen: „Wenn wir einen Krankenwagen brauchen, müssen wir das mit dem Checkpoint abstimmen.“ Die Fahrt von der Bezirkshauptstadt Qalqilya nach Arab ar-Ramadin dauere zehn Minuten. „Aber man braucht bis zu 45 Minuten, um den Checkpoint zu passieren, weil alles kontrolliert wird.“ Für Krankenwagen würden keine Ausnahmen gemacht. Auf die Frage warum, erhalte man stets dieselbe Antwort: Sicherheitsgründe.

Eingeschlossen: Das palästinensische Dorf Arab ar-Ramadin wurde durch den israelischen Mauerbau vom Westjordanland abgetrennt.
Eingeschlossen: Das palästinensische Dorf Arab ar-Ramadin wurde durch den israelischen Mauerbau vom Westjordanland abgetrennt.

Kranke haben weite Wege

Dorfbewohner, die schwerer erkrankt sind oder eine weitergehende Diagnostik benötigen, werden in der Regel ins Krankenhaus von Qalqilya überwiesen. Doch das palästinensische Gesundheitssystem, das das Westjordanland, Ost-Jerusalem und Gaza umfasst und von der Palästinensischen Autonomiebehörde finanziert wird, leidet unter chronischem Geldmangel. Es fehlen Medikamente, medizin-technische Geräte sowie gut ausgebildete Ärzte und Pflegekräfte. Das führt dazu, dass schwer kranke Patienten häufig nicht in ihrer Heimatregion behandelt werden können. Sie werden in der Regel nach Ost-Jerusalem überwiesen, wo mehrere palästinensische Kliniken der Maximalversorgung zur Verfügung stehen, oder in israelischen Krankenhäusern weiterbehandelt. Manche Patienten aus Gaza und dem Westjordanland fahren zur Weiterbehandlung auch nach Jordanien oder Ägypten.

Doch nicht nur die Bewohner der Enklave Arab ar-Ramadin müssen für die Fahrt ins nächste Krankenhaus eine Genehmigung der israelischen Behörden beantragen. Die Palästinensische Autonomiebehörde verwaltet im gesamten Westjordanland lediglich eine Vielzahl nicht miteinander verbundener Regionen, während die israelische Armee rund 60 Prozent des Gebiets kontrolliert (siehe Karte). „Alle Patienten aus dem Westjordanland oder Gaza, die zur Behandlung nach Ost-Jerusalem oder Israel müssen, benötigen einen Passierschein“, sagt Mahmoud Abo Arisheh von der israelischen Nicht-Regierungsorganisation Physicians for Human Rights (PHR) im Büro der Organisation in Jaffa. Jedes Jahr beantragten rund 110 000 palästinensische Patienten eine solche Genehmigung. Der größte Teil von ihnen (82 Prozent) stamme aus dem Westjordanland, der Rest aus Gaza. Ari-sheh zufolge ist das Problem, dass die israelischen Behörden bei manchen Patienten das Genehmigungsverfahren verzögern oder die Genehmigung ganz verweigern. „Der Prozentsatz der Ablehnungen steigt von Jahr zu Jahr“, klagt Arisheh. Wurden 2014 zum Beispiel noch 82 Prozent aller Anträge aus Gaza genehmigt, waren es 2016 nur noch 64 Prozent. Das Antragsverfahren sei dabei weder transparent noch verlaufe es fristgerecht. „Das sind zum Teil völlig willkürliche Entscheidungen“, kritisiert Arisheh. Ablesen lasse sich das auch daran, dass Ablehnungen ohne Begründung zurückgenommen würden, nachdem PHR sich eingeschaltet habe. Jedes Jahr würden 200 bis 300 Fälle an die Organisation herangetragen. In der Hälfte gelinge es, doch noch eine Genehmigung für die Patienten zu erwirken. 2016 seien allerdings nur 27 Prozent der Einsprüche von PHR erfolgreich gewesen. In letzter Zeit nehme auch die Zahl der Krebspatienten zu, denen man einen Passierschein zur Weiterbehandlung in Ost-Jerusalem verweigere.

Mehr als Medizin: Yousef Khaled ist Kinderarzt im Team von PMRS. Zuhair Odeh (r.) arbeitet als Gesundheitshelferin in der Region. Viele Patienten kennt sie von Kindheit an.
Mehr als Medizin: Yousef Khaled ist Kinderarzt im Team von PMRS. Zuhair Odeh (r.) arbeitet als Gesundheitshelferin in der Region. Viele Patienten kennt sie von Kindheit an.

Besorgniserregend findet Ari-sheh zudem, dass Patienten aus Gaza vermehrt von den israelischen Sicherheitsbehörden unter Druck gesetzt werden, als Gegenleistung für einen Passierschein Informationen über die Hamas preiszugeben, die in Gaza regiert und im Westen als Terrororganisation gilt. Die israelischen Sicherheitsbehörden rechtfertigten ihre Strategie damit, dass die Hamas Patienten für terroristische Aktivitäten benutze, zum Beispiel zum Schmuggel von Geld oder Informationen. Arisheh gibt zu bedenken, dass die Hamas nicht dafür bekannt sei, dass sie zimperlich mit Kollaborateuren umgehe. „Die Patienten sitzen damit zwischen Baum und ziemlich harter Borke“, so der PHR-Mitarbeiter.

Weniger Genehmigungen

Obwohl zwischen Israel und Palästina zurzeit eine relative Ruhe herrscht, hat sich nach Ansicht von PHR die Genehmigungspolitik der israelischen Behörden bestimmten Patientengruppen gegenüber verschärft. Eine Analyse der Situation findet sich in der Broschüre „Denied 2“, die die Organisation im August 2016 veröffentlicht hat. Dort heißt es, dass abgesehen von einer zunehmenden Zahl an Krebs- und Herzkranken generell diejenigen Patienten Schwierigkeiten haben, einen Passierschein zu bekommen, die an nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen leiden. In Gaza hätten zudem Begleitpersonen unter 55 Jahren nur noch schlechte Chancen, eine Ausreisegenehmigung zu erhalten.

Westjordanland
Westjordanland

Für die Organisation ist die mangelnde Freizügigkeit zwischen den palästinensischen Gebieten aufgrund der fortdauernden israelischen Besatzung großer Teile des Westjordanlands mit ein Grund für den desolaten Zustand des Gesundheitssystems. Der Bruch zwischen der Fatah, die im Westjordanland regiert, und der Hamas in Gaza sowie die daraus folgenden Machtkämpfe verschärften die Situation zusätzlich. PHR kritisiert zudem, dass auch das palästinensische Ge­sund­heits­mi­nis­terium, das für die medizinischen Überweisungen seiner Bürger und die Übernahme der Behandlungskosten zuständig ist, nicht immer offen und nachvollziehbar handelt. So gebe es beispielsweise keine offiziellen Zahlen über die Häufigkeit von Überweisungen und nach welchen Kriterien diese genehmigt oder abgelehnt würden.

Auch in Israel sieht man die Hürden für palästinensische Patienten als Problem an. „Mir bereitet es Sorgen, dass manche Patienten Schwierigkeiten haben, israelische Krankenhäuser zu erreichen, gefährlich lange an Checkpoints festgehalten oder Verhören unterzogen werden“, sagt der Präsident der Israelischen Ärztekammer, Dr. med. Leonid Eidelmann. „Wir wollen, dass palästinensische Patienten, die Hilfe benötigen, diese auch umgehend bekommen.“ Er selbst habe über die Situation bereits mehrfach mit hochrangigen Verantwortlichen in der israelischen Armee gesprochen. Diese hätten zwar ihr Vorgehen mit Sicherheitserfordernissen begründet, aber auch zugesagt, den Zugang zur medizinischen Versorgung für Patienten zu erleichtern. Ob die Zusagen eingehalten würden, könne man aber immer nur im Einzelfall überprüfen, sagt Eidelmann dem Deutschen Ärzteblatt.

Überweisungen nach Israel

Eidelmann betont, dass die meisten palästinensischen Patienten innerhalb des palästinensischen Gesundheitssystems behandelt werden. Er hält es dennoch für bedenklich, dass sich die Zahl derer, die an israelische Krankenhäuser überwiesen wurden, in den Jahren 2013 bis 2016 auf 1 500 halbiert habe. Zu diesem Rückgang trügen unter anderem drastische Einschnitte der Palästinensischen Autonomiebehörde in das Gesundheitsbudget bei. „Ich mache mir Sorgen, dass sich die Versorgungssituation für die palästinensischen Patienten dadurch weiter verschlimmert“, sagt Eidelmann.

Heike Korzilius

Die Lage im Westjordanland

1967 besetzt Israel das Westjordanland, Ost-Jerusalem und den Gazastreifen. 1993 wird das Westjordanland aufgeteilt (Osloer Abkommen): Die A-Gebiete stehen unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung, die B-Gebiete unter palästinensischer Zivil- und gemeinsamer Sicherheitsverwaltung. Die C-Gebiete werden von Israel kontrolliert. Das palästinensische Gesundheitssystem umfasst das Westjordanland, Ost-Jerusalem und Gaza. Die Patienten können sich nicht ohne Passierschein der israelischen Behörden zwischen den Regionen bewegen. Der Artikel basiert auf einer Pressereise der deutschen Nichtregierungsorganisation medico international, die seit 1984 in den besetzten palästinensischen Gebieten Partnerorganisationen unterstützt.