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Verordnung neuer Arzneimittel: Zusatznutzen hat keinen Einfluss

Dtsch Arztebl 2017; 114(17): A-823 / B-697 / C-683
POLITIK
Osterloh, Falk

Vor zwei Jahren hat der AMNOG-Report ergeben, dass Ärzte neue Medikamente nicht ihrem Zusatznutzen entsprechend verordnen. Der aktuelle Report zeigt: Auch heute ist es noch so. Doch ein neues Modul in der Praxissoftware soll das bald ändern.

Bei der Verordnung neuer Arzneimittel ist häufig nicht deren Zusatznutzen 
ausschlaggebend. Foto: pixelfokus/stock.adobe.com
Bei der Verordnung neuer Arzneimittel ist häufig nicht deren Zusatznutzen ausschlaggebend. Foto: pixelfokus/stock.adobe.com

Niedergelassene Ärzte verordnen genauso häufig neue Arzneimittel ohne einen anerkannten Zusatznutzen wie Medikamente mit Zusatznutzen. So lautete vor zwei Jahren eines der Hauptergebnisse des ersten AMNOG-Reports der DAK, den Wissenschaftler der Universität Bielefeld erstellt hatten (, Heft 9/2015). Zwei Jahre später hat sich daran nichts geändert. Es „zeigt sich, dass das Ergebnis der Nutzenbewertung gemessen am festgestellten Zusatznutzen auch nach mehr als fünf Beobachtungsjahren nur begrenzten Einfluss auf die Marktentwicklung neuer Wirkstoffe hat“, heißt es im aktuellen AMNOG-Report der Kasse, der Mitte April veröffentlicht wurde.

Fünf Jahre beträgt der Zeitraum, den die Bielefelder Wissenschaftler inzwischen untersucht haben. Dabei haben sie analysiert, wie häufig Arzneimittel verordnet wurden, für die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) im Rahmen der frühen Nutzenbewertung einen Zusatznutzen festgelegt hat. Im Vergleich zur bisher gängigen Standardtherapie spricht der G-BA den neuen Arzneimitteln dabei einen beträchtlichen oder geringen Zusatznutzen zu. Oft kann auch kein Zusatznutzen belegt werden.

Im AMNOG-Report 2017 wurden die 93 Wirkstoffe untersucht, die nach dem G-BA-Beschluss mindestens ein Jahr auf dem Markt waren. Demnach stiegen die Verordnungszahlen bei Wirkstoffen mit einem geringen Zusatznutzen um durchschnittlich 12,9 Prozent und bei Wirkstoffen mit zumindest in einer Teilindikation beträchtlichem Zusatznutzen um 13,5 Prozent. Wirkstoffe ohne Zusatznutzen verzeichneten mit 13,8 Prozent allerdings die größten Wachstumsraten. Insgesamt erreichen Wirkstoffe mit einer großen Zielpopulation innerhalb eines Jahres nach Vorliegen des G-BA-Beschlusses im Durchschnitt stärkere Umsatzzuwächse als Wirkstoffe in kleinen Anwendungsgebieten – unabhängig vom Ausmaß des Zusatznutzens.

Neue Medikamente regional unterschiedlich verordnet

Zudem variieren die Verordnungen neuer Medikamente regional stark. „Unterschiedliche Kommunikationspraxen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), besonders hinsichtlich der Verordnung von Arzneimitteln ohne Zusatznutzen beziehungsweise mit nur zum Teil zusatznutzenhaltigen Subpopulationen, lassen die Hypothese eines regionalen Gradienten in der Verordnungsentwicklung neuer Arzneimittel zu“, heißt es im AMNOG-Report. Bei der regionalen Verordnungssteuerung arbeiteten die einzelnen KVen mit unterschiedlichen Methoden wie Wirkstoffvereinbarungen. Dabei liegen sechs der 17 KVen im Verordnungsvolumen oberhalb des Bundesdurchschnittes, allen voran Thüringen (+7,8 Prozent) und Sachsen-Anhalt (+7,5 Prozent). Am seltensten wurden neue Arzneimittel in Bremen (–5,2 Prozent) und Schleswig-Holstein (-3,7 Prozent) verordnet.

Die Autoren des Reports weisen aber darauf hin, dass auch „Wirkstoffe ohne belegten Zusatznutzen einen versorgungsrelevanten Vorteil haben“ können, der „im Rahmen der Nutzenbewertung nicht ins Gewicht fällt“. Die Verordnung eines Arzneimittels mit beträchtlichem Zusatznutzen müsse ebenso wie die von Arzneimitteln ohne belegten Zusatznutzen differenziert, im Einzelfall nach Abwägung aller Vor- und Nachteile, durch den Arzt bewertet werden.

Die Erkenntnisse aus dem ersten AMNOG-Report haben übrigens einen Anstoß für die Neuregelung gegeben, die vor Kurzem im Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz verabschiedet wurde: Künftig wird der G-BA seine Bewertungen des Zusatznutzens so aufbereiten, dass sie in der Praxissoftware abgebildet werden können. Auf diese Weise sollen Ärzte bei der Verordnung mehr Informationen über die neuen Medikamente erhalten.

Falk Osterloh