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Reproduktionsmedizin: Ein Kind auf Bestellung

Dtsch Arztebl 2017; 114(11): A-524 / B-454 / C-444
THEMEN DER ZEIT
Richter-Kuhlmann, Eva

Neue Reproduktionstechnologien haben auch eine gesellschaftliche Dimension. Über diese und mögliche gesetzliche Änderungen ist eine Debatte entbrannt.

Foto: Science Photo Library/Fredberg, Thomas
Foto: Science Photo Library/Fredberg, Thomas

Die Reproduktionsmedizin wird zur Kinderwunschmedizin. Retortenbabys werden zu Wunschkindern: Nicht nur die Begrifflichkeiten ändern sich nahezu unbemerkt, sondern auch das Selbstverständnis von Schwangerschaft und Familie. Während es früher als Schicksal galt, wenn eine Frau keine Kinder gebären konnte, ist Kinderlosigkeit heute längst kein Schicksal mehr: Zahlreiche Kinderwunschzentren bieten in Deutschland künstliche Befruchtungen an, die Palette der invasiven und nicht-invasiven Pränataluntersuchungen wächst stetig. Kinder sollen „nach Plan“ kommen und möglichst perfekt. Frauen, die das Kinderkriegen dem Schicksal überlassen wollen, werden zunehmend misstrauisch beäugt. Denn viele andere versuchen, ihre Schwangerschaft exakt zu planen oder die Geburten ihrer Kinder auf ein höheres Lebensalter zu verschieben. Auch dies ist mittels social freezing, dem Einfrieren eigener Eizellen für späteren Gebrauch, heutzutage möglich.

Angesichts dieser Entwicklung ist es kein Wunder, dass eine neue gesellschaftliche Debatte entbrannt ist. Während einige den Fortschritt preisen, plädieren andere für mehr Natürlichkeit bei Schwangerschaft und Geburt. Doch die neuen Möglichkeiten in der Fortpflanzungsmedizin sind weder einseitig gut noch einseitig schlecht, so das Ergebnis einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina Mitte Februar in Berlin. Ärzte, Ethiker, Soziologen und Theologen diskutierten dort über die Folgen der Reproduktionsmedizin für Gesellschaft und Familien.

„Die Planbarkeit der Schwangerschaft ist ethisch eine große Errungenschaft“, betonte Prof. Dr. med. Claudia Wiesemann. Die Direktorin des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen verwies auf die vergangenen 100 Jahre: „Damals lag die Säuglingssterblichkeit noch bei zehn Prozent. Jetzt ist sie um den Faktor 20 auf fünf von tausend Neugeborenen reduziert worden“, sagte sie. Vorsorge, gezielte Eingriffe und die Planbarkeit des Zeitpunkts von Schwangerschaft und Geburt hätten Millionen Kindern und Müttern das Leben gerettet, erinnerte Wiesemann.

Dunkle Seiten der Planbarkeit

„Die Planbarkeit kann aber auch dunkle Seiten haben“, räumte die Medizinethikerin ein. So könne es Bestrebungen von Eltern geben, die Eigenschaften ihres Kindes über dessen Gesundheit hinaus im Sinne eines „Designer-Babys“ zu verbessern. Eine solche Entwicklung halte sie jedoch hierzulande für äußerst unwahrscheinlich. „Die Paare, die sich für eine Untersuchung auf genetische Defekte entscheiden, haben meist eine Leidensgeschichte“, erklärte sie und plädierte dafür, diesen Eltern mehr Empathie entgegenzubringen.

Als eine weitere dunkle Seite der neuen Möglichkeiten sieht Wiesemann jedoch einen wachsenden gesellschaftlichen Druck, Schwangerschaft und die Geburt von Kindern auf ein höheres Lebensalter zu verschieben. „Wir brauchen gesellschaftliche Anstrengungen und müssen über die mit dem Alter deutlich sinkende Fertilitätsrate aufklären“, betonte sie. Social freezing sei viel zu „technisch“ sowie unklar bezüglich seiner Effektivität, als dass es ein Weg für viele Frauen sein könnte.

Auf eine große Kluft zwischen Kinderwunsch und tatsächlich realisierter Elternschaft wies die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Anette Eva Fasang von der Humboldt-Universität Berlin hin. Der gesellschaftliche Druck zur Elternschaft sei einerseits hoch: „Kinder sind ein selbstverständliches Lebensziel“, erläuterte sie. Mehr als die Hälfte der Deutschen hielten derzeit zwei Kinder für ideal, nur zehn Prozent wollten keine. „Demgegenüber stehen aber 25 Prozent Kinderlosigkeit“, sagte Fasang.

Woran liegt das? „Der gesellschaftliche Druck zum Hinauszögern der Geburt des ersten Kindes ist hoch – gerade für Frauen, die eine berufliche Karriere anstreben“, erläutert sie. „27 Prozent der Akademikerinnen in Westdeutschland sind dauerhaft kinderlos.“ In Ostdeutschland sei die Rate deutlich geringer, was auf ein anderes gesellschaftliches Verständnis hindeute. „Die moderne Reproduktionsmedizin ermöglicht zwar eine flexiblere Elternschaft und hat auch das Potenzial, ungewollte Kinderlosigkeit zu vermeiden“, sagte Fasang, „Vorsicht ist aber bezüglich einer Überanpassung an gesellschaftliche Wünsche geboten.“ Schnell werde sonst eine vorerst gewollte Kinderlosigkeit zur ungewollten Kinderlosigkeit.

Größerer sozialer Druck

Eine ungewollte Kinderlosigkeit setzt Frauen wiederum einem gesellschaftlichen Druck aus, beobachtet der Lüneburger Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Bernard: „Heute darf das Verhängnis der Infertilität quasi nicht mehr vorkommen“, sagte er. Es herrsche eine problematische „Man-kann-etwas-tun“-Atmosphäre: Teilweise ließen Frauen im Rahmen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung bis zu 30 Eizellbiopsien vornehmen, um endlich schwanger zu werden. Zunehmend schwieriger werde es für Paare, nicht alles medizinisch Machbare für ihren Kinderwunsch getan zu haben.

Dies treffe vor allem für gut situierte, verheiratete, heterosexuelle Paare zu, erläuterte Fasang und verwies auf eine Korrelation von Inanspruchnahme von Reproduktionsmedizin und sozialem Status. „Verknüpft ist dies teilweise auch mit transnationaler Ausbeutung, wie jetzt die aktuelle Kinderwunsch-Messe in Berlin gezeigt hat“, so Fasang. Während durch die angebotenen Möglichkeiten für einige Frauen hierzulande die Selbstbestimmung steige, würden gleichzeitig Ungleichheiten unter Frauen erhöht, analysierte die Soziologin. Angebote im Ausland, wie Eizellspende oder Leihmutterschaft, belasteten andere Frauen stark, die sie nicht aus altruistischen, sondern oft aus finanziellen Gründen anbieten.

Tendenz zum perfekten Kind

Nicht nur ein Kind ist möglich, sondern auch ein gesundes Kind – auch diese gesellschaftliche Tendenz stellen Soziologen und Kulturwissenschaftler fest. Neue pränatale Diagnosemethoden stellten Eltern und Ärzte vor teilweise schwierige Entscheidungen: „Untersuchungen in der Schwangerschaft lassen gefahrlos und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit genetische Unregelmäßigkeiten erkennen“, bestätigte Prof. Dr. med. Wolfgang Holzgreve, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Bonn. Dies sei jedoch nicht gleichzusetzen mit einer Entscheidung gegen das Kind: „Die Pränataldiagnostik hat mehr Schwangerschaften und damit Leben gerettet, als dass es zu Abbrüchen kam“, betonte er. Es ließen sich viele schwerwiegende Erkrankungen beim Ungeborenen ermitteln, über die Paare gern frühzeitig Bescheid wissen, um sich darauf einzustellen und Notfallsituationen in der Geburtshilfe zu vermeiden. Sein Fazit: „Pränataldiagnostik und Menschen mit Behinderung schließen sich nicht aus.“

Dieser Ansicht ist auch der ehemalige Direktor der Frauenklinik des Universitätsklinikums Schleswig-Holsteins in Lübeck, Prof. Dr. med. Klaus Dietrich. „Frauen haben das Recht auf die bestmögliche Behandlung“, sagte er. „Unser Ziel sollte es sein, die Fortpflanzungsmedizin dem internationalen Standard anzupassen.“ Seine Forderung: „Einige Paragrafen des Embryonenschutzgesetzes (ESG), die mittlerweile überholt sind, müssen angepasst werden.“

Debatte über Novellierung

Über eine Novellierung des mehr als 25 Jahre alten ESG wird bereits in verschiedenen Gremien diskutiert, unter anderem im Deutschen Ethikrat, der sich Ende März mit der Problematik der Eizellspende im Ausland beschäftigt. „Es ist schwierig, in der psychosozialen Beratung mit dem Phänomen der Eizellspende im Ausland richtig umzugehen“, bestätigte Dr. sc. hum. Tewes Wischmann vom Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg dem Deutschen Ärzteblatt. Die Anfragen dazu würden stetig zunehmen, insbesondere von Frauen mit vorzeitig erschöpfter Eizellreserve. Der Frage, ob die Eizellspende in Deutschland legalisiert werden sollte, steht der in der Kinderwunschberatung tätige Psychologe allerdings ambivalent gegenüber: „Einerseits empfinde ich ein Verbot als unsinnig, wenn Frauen die Leistung ja doch im Ausland in Anspruch nehmen – und das zu meist schlechten psychosozialen Konditionen. Denn in den vielen Ländern erfolgt die Eizellspende anonym. Damit hat das Kind später keine Möglichkeit, etwas über seine Herkunft und leibliche Mutter zu erfahren“, erklärte er. Andererseits sei es problematisch, die Eizellspende mit der Samenzellspende gleichzusetzen und zu legalisieren. „Die Eizellspende ist ein nicht risikofreier Eingriff. Ihrer Kommerzialisierung muss klar Einhalt geboten werden.“

Auch die Zentrale Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer hat das Thema auf der Agenda (Kasten). Zum Umgang mit medizinischen Angeboten im Ausland und ethischen und rechtlichen Fragen des „Medizintourismus“ hatte sie sich bereits im November vergangenen Jahres geäußert.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Stellungnahme der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer:
http://d.aerzteblatt.de/GA41

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer (ZEKO)

Wie ist die rechtliche Situation bezüglich der Eizellspende in Deutschland?

Nach § 1 Abs. 1 Nr. 1 Embryonenschutzgesetz (ESG) wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft, wer auf eine Frau eine fremde unbefruchtete Eizelle überträgt. Dieses Verbot der Eizellspende ist eindeutig formuliert und als solches unbestritten. Allerdings wird darüber diskutiert, ob es rechtspolitisch sinnvoll ist und ob es mit der Verfassung in Einklang steht. Denn das Verbot stellt einen erheblichen Eingriff in die Fortpflanzungsfreiheit und in das Recht auf Familiengründung dar. Erfahrungen im Ausland zeigen, dass bei dem Kind in der Regel keine seelischen Konflikte oder Identitätsfindungsprobleme entstehen, wenn es erfährt, dass es zwei Mütter hat.

Wie wird mit dem Phänomen der Eizellspende im Ausland umgegangen?

Das in Deutschland geltende Verbot der Eizellspende kann von deutschen Frauen leicht im Ausland umgangen werden. Allerdings macht sich jeder strafbar, der von Deutschland aus Anstiftung oder Beihilfe zu einer Eizellspende im Ausland leistet. Dies kommt etwa in Betracht, wenn ein Fortpflanzungsmediziner in Deutschland seiner Patientin den konkreten Rat gibt, eine bestimmte Klinik im Ausland zum Zweck der Eizellspende aufzusuchen. Gleiches gilt, wenn er vorbereitende medizinische Untersuchungen vornimmt.

Müsste das ESG nach Ihrer Ansicht novelliert werden?

Es wäre zu begrüßen, wenn das strikte Verbot der Eizellspende aufgehoben würde.