aerzteblatt.de
PDF

Lungen­trans­plan­ta­tion in Deutschland nach Einführung des Lung Allocation Score

Dtsch Arztebl Int 2017; 114(11): 179-85; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0179
MEDIZIN: Originalarbeit
Gottlieb, Jens; Smits, Jacqueline; Schramm, Rene; Langer, Frank; Buhl, Roland; Witt, Christian; Strueber, Martin; Reichenspurner, Hermann
Medizinische Hochschule Hannover, Biomedical Research in Endstage and Obstructive Lung Disease Hannover (BREATH), Mitglied des Deutschen Forschungszentrums für Lungenforschung: Prof. Dr. med. Gottlieb
Eurotransplant International Foundation, Leiden, Niederlande: Smits, MD, PhD
Herzchirurgische Klinik der Universität München: PD Dr. med. Schramm
Klinik für Thorax- und Herz-Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar:
PD Dr. med. Langer
III. Medizinische Klinik, Schwerpunkt Pneumologie, Universitätsmedizin Mainz: Prof. Dr. med. Buhl
Abteilung für Pneumologie, Campus Charité Mitte, Berlin: Prof. Dr. med. Witt
Richard DeVos Heart & Lung Transplant Program, Grand Rapids/Michigan, USA: Prof. Dr. med. Strueber
Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie, Universitäres Herzzentrum Hamburg: Prof. Dr. med. Reichenspurner

Hintergrund: Das Verteilungssystem für Spenderlungen wurde am 10. Dezember 2011 in Deutschland auf die Verteilung nach dem „Lung Allocation Score“ (LAS) umgestellt. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, zu überprüfen, ob die Umstellung das Überleben bei Patienten auf der Warteliste und derer nach Lungen­trans­plan­ta­tion (LTx) positiv beeinflusst hat.

Methode: In einer retrospektiven Analyse wurden Daten aus den 3-Jahres-Zeiträumen vor (2009–2011) und nach (2012–2014) der Umstellung auf das LAS-basierte Verteilungssystem verglichen.

Ergebnisse: Die Zahl der Patienten der aktiven Warteliste reduzierte sich von n = 606 am 31. 12. 2011 auf n = 432 am 31. 12. 2014 um 29 %. Die Zahl der verstorbenen Patienten der Warteliste fiel von n = 306 in der Periode 2009–2011 auf n = 226 im Zeitraum 2012–2014 (−26 %; p = 0,04). Die Wartelisten-Sterblichkeit verringerte sich über alle Krankheitsgruppen. Die Zahl der Lungen­trans­plan­ta­tionen nahm im Beobachtungszeitraum um 21 % von 865 auf 1 045 zu. Unter Anwendung des LAS war der Anteil von Patienten mit restriktiven Lungenerkrankungen (46  versus 31 %; p < 0,001) höher als mit obstruktiven Erkrankungen (33  versus 40 %; p = 0,003). Transplantationen bei Patienten, die vor einer Lungen­trans­plan­ta­tion auf eine Beatmung oder ein extrakorporales Verfahren angewiesen waren, nahmen von 9  auf 13 % zu. Die 1-Jahres-Überlebensrate nach Lungen­trans­plan­ta­tion lag im Zeitraum 2009–2011 bei 76 % und 2012–2014 bei 81 %.

Schlussfolgerung: Die Einführung des LAS in Deutschland war mit einem Rückgang der Patienten und der Sterbefälle auf der Warteliste assoziiert. Die Verteilung der Primärdiagnosen hat sich zugunsten von Empfängern mit restriktiven Lungenerkrankungen verschoben. In Zukunft sollten zusätzliche Parameter bei Patienten der Warteliste erhoben werden, um das Modell weiter zu verbessern.

Weltweit werden jährlich etwa 3 500 Lungen­trans­plan­ta­tionen durchgeführt (1). Die Zahl der Patienten auf der Warteliste zur Lungen­trans­plan­ta­tion hat bis 2011 in Deutschland kontinuierlich zugenommen und ist höher als die jährliche Transplantationsaktivität (2). Seit 2011 ist die Zahl der Organspender um fast 30 % zurückgegangen (3). Nach Aufnahme auf die Warteliste im Transplantationszentrum werden von Eurotransplant Spenderlungen potenziellen Empfängern auf einer Warteliste zugeordnet. Dieser Prozess der Organverteilung wird auch Allokation genannt.

Manche Patienten auf der Warteliste zeigen einen langsam fortschreitenden Verlauf, bei anderen Patienten tritt aber eine rasche Verschlechterung des Zustands ein. Letztere Patienten sollten eine höhere Dringlichkeit in der Zuteilung bekommen. Ohne Berücksichtigung der Dringlichkeit starb im Zeitraum 1990–1996 fast jeder fünfte Patient auf der Warteliste vor Verfügbarkeit eines Organangebots (4).

Nach dem deutschen Transplantationsgesetz sollen Organe nach Dringlichkeit und Erfolgsaussicht verteilt werden. Das wartezeitbasierte System mit Dringlichkeit hat in Deutschland dazu geführt, dass über zwei Drittel der Empfänger im dringlichen oder hoch-dringlichen Status transplantiert wurden. Die Erfolgsaussicht wurde dabei nicht berücksichtigt und innerhalb dieser vielen dringlichen Fälle wurde nur nach Wartezeit verteilt (2).

Im Mai 2005 wurde für die Lungen­trans­plan­ta­tion in den Vereinigten Staaten die Allokation von einem wartezeitbasierten System auf die Verteilung nach dem Lung Allocation Score (LAS) geändert (5). Dieses System wurde am 10. Dezember 2011 auch in Deutschland eingeführt (6). Mit dem LAS wird aus verschiedenen Messwerten die Überlebenswahrscheinlichkeit auf der Warteliste und die 1-Jahres-Überlebensrate mit Lungen­trans­plan­ta­tion vorhergesagt. Patienten mit höheren LAS-Werten haben in einem solchen Verteilungssystem aufgrund des vorausgesagten höheren Überlebensvorteils Priorität.

In dieser Arbeit soll 3 Jahre nach Einführung des LAS in Deutschland überprüft werden, ob sich mit Einführung des LAS das Überleben der Patienten auf der Warteliste als Ausdruck der Dringlichkeit und das Überleben nach Lungen­trans­plan­ta­tion als Ausdruck der Erfolgsaussicht erhöht haben.

Methoden

Eine retrospektive Analyse der nationalen Daten der Vermittlungsstelle Eurotransplant vor und nach Einführung des LAS wurde durchgeführt.

Studienpopulation

Alle in Deutschland zwischen dem 1. 1. 2009 und dem 31. 12. 2014 zur Lungen­trans­plan­ta­tion bei Eurotransplant (ET) registrierten Kandidaten wurden eingeschlossen. Darüber hinaus wurden alle in diesem 6-Jahres-Zeitraum durchgeführten Transplantationen in Deutschland erfasst und der Überlebensstatus der Empfänger wurde bis zum 31. 12. 2015 nachverfolgt. Der 3-Jahres-Zeitraum 1. 1. 2009 bis 31. 12. 2011 und der 3-Jahres-Zeitraum 1. 1. 2012 bis 31. 12. 2014 wurden miteinander verglichen. Obwohl der LAS schon am 10. 12. 2011 eingeführt wurde, wurden diese Zeiträume so gewählt, damit ein Vergleich der Wartelisten- und Spenderdaten auch mit anderen Mitgliedsländern von Eurotransplant hergestellt werden konnte. Herz-Lungen-Transplantationen wurden ausgeschlossen, da diese kombinierten Organe nach den Regeln der Herztransplantation verteilt wurden.

Diagnosen

Alle Patienten wurden gemäß der Grunderkrankung in 4 Diagnosekategorien eingeteilt: Kategorie A umfasste obstruktive Atemwegserkrankungen (zum Beispiel chronisch obstruktive Lungenerkrankung [COPD]), Kategorie B Erkrankungen der Lungenstrombahn (zum Beispiel idiopathische pulmonal-arterielle Hypertonie), Kategorie C suppurative Lungenerkrankungen (zum Beispiel zystische Fibrose [CF]) und Kategorie D restriktive Lungenerkrankungen (zum Beispiel Lungenfibrosen).

Verteilungsschema

Vor Anwendung des LAS wurden Spenderlungen bei mehreren Empfängern passender Körpergröße und Blutgruppe zunächst nach Dringlichkeit und dann nach Wartezeit verteilt. Die Patienten wurden als elektiv (T), dringlich (U) oder hochdringlich (HU) eingestuft. Beim Status nichttransplantabel (NT) erhielten die Kandidaten keine Organangebote. Patienten mit Status U und HU mussten stationär behandelt sein. Bei einer Entlassung wechselten die Patienten wieder in den Status T. Die Zuordnung von HU- und U-Status wurde bei Eurotransplant durch drei unabhängige Gutachter auf Antrag des Transplantationszentrums nach festgelegten Kriterien entschieden. Vom 10. 12. 2011 an wurden die Spenderlungen bei passender Größe und Blutgruppe mehrerer Wartelisten-Patienten dann nach dem LAS verteilt.

Die Berechnung des LAS erfolgte durch die Vermittlungsstelle Eurotransplant nach den Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer (6) und ist im eKasten nachzulesen. Der LAS kann Werte zwischen 0 und 100 annehmen, dabei entsprechen höhere Werte einer erhöhten Dringlichkeit und Erfolgsaussicht.

Berechnung des Lung Allocation Score (LAS)
Berechnung des Lung Allocation Score (LAS)

Statistik

In der explorativen Datenanalyse lag keine Null-Hypothese vor, auf multiples Testen wurde verzichtet. Demografische Daten von Spendern, Empfängern und Transplantationen wurden entweder als Gesamtzahl mit prozentualer Häufigkeit oder bei metrischen Variablen als Median und 25- sowie 75-%-Quartile angegeben. Kategoriale Variablen wurden mit einem Chi-Quadrat-Test und kontinuierlichen Variablen mit dem Mann-Whitney-U-Test verglichen. Überlebensraten nach Lungen­trans­plan­ta­tionen (LTx) wurden mit der Kaplan-Meier-Methode dargestellt und mit dem Log-Rank-Test verglichen.

Ergebnisse

Anmeldungen auf der Warteliste

Die Zahl der neu registrierten LTx-Kandidaten ist in den 3 Jahren vor Einführung des LAS (N = 1 389) und in den Jahren danach (N = 1 350) konstant geblieben. Mit 548 (41 %) gegenüber 450 (32 %) wurden mehr Patienten mit restriktiven Lungenerkrankungen in die Warteliste nach Einführung des LAS aufgenommen (p < 0,001).

Die Zahl der aktiven, das heißt sich nicht im Status NT befindlichen Kandidaten auf der Warteliste hat von 606 am 31. 12. 2011 auf 432 am 31. 12. 2014 abgenommen. Die Zahl der als nichttransplantabel gemeldeten Patienten betrug zu denselben Zeitpunkten 247 und 248. Der mediane LAS-Wert für diese Wartelisten-Kohorte am 1. 12. 2014 betrug 34 (25- und 75-%-Quartile: 31 und 36), das 90-%-Perzentil betrug 40. 2,6 % der Patienten zeigten LAS-Werte von 50 und höher am Stichtag 1. 12. 2014. In den Jahren 2009–2011 verließen insgesamt 1 271 Patienten die Warteliste, 865 davon wurden transplantiert (68 %), 306 verstarben (24 %), der Rest wurde abgemeldet (8 %). Im Zeitraum 2012–2014 wurden insgesamt 1 454 Patienten von der Warteliste ausgetragen, 1 045 davon wurden transplantiert (72 %), 226 verstarben (16 %) und 170 wurden abgemeldet (12 %). Die Hazard Ratio, bei Eintragung in der Warteliste innerhalb von 3 Jahren zu sterben, ergab für den Zeitraum nach Einführung des LAS im Vergleich zur Zeit davor einen Wert von 0,65.

Von den Verstorbenen der Warteliste 2009–2011 waren 98 (32 %) zuletzt im Status U oder HU und 103 im Status NT (34 %). Im Zeitraum 2012–2014 starben 24 (11 %) Patienten mit einem LAS von zuletzt 50 und höher und 126 im Status NT (56 %). In den Diagnosegruppen fiel auf der Warteliste die Zahl der Verstorbenen von 99 auf 78 in Kategorie D (überwiegend Lungenfibrosen), von 59 auf 28 in Kategorie C (überwiegend CF-Patienten), von 33 auf 21 in Kategorie B (Patienten mit pulmonaler Hypertonie), auch in der Kategorie A (typischerweise COPD-Patienten) fielen sie von 106 auf 98 in den beiden Zeiträumen (Grafik 1).

Anteil der
Primärdiagnosen
Anteil der Primärdiagnosen

Transplantationsaktivität

In den 3 Jahren vor Einführung des LAS (2009–2011) wurden 865 Lungen­trans­plan­ta­tionen durchgeführt, in den 3 Jahren danach (2012–2014) waren es 1 045 und damit 20,8 % mehr. Die Anzahl der Organspender fiel in der LAS-Periode um 29,5 %, die der Lungenspender stieg aber an (Tabelle).

Empfänger- und Spendercharakteristika, Lungentransplantierte 2009–2014 in Deutschland
Empfänger- und Spendercharakteristika, Lungentransplantierte 2009–2014 in Deutschland

Mit dem LAS erhöhte sich der Anteil der Patienten in Kategorie D von 31 auf 46 %, in Kategorie A fiel er von 40 auf 33 %. Die Anteile der Kategorien B (5 % vor LAS-Einführung, 4 % danach) und C (19 % vorher, 17 % nachher) blieben in etwa konstant (Grafik 2). 53 (5,0 %) der Empfänger hatten vor LAS-Einführung eine Alpha-1-Antitrypsin-Defizienz, nach LAS-Einführung 24 (2,3 %). Die Diagnosen der Kategorie D waren vor LAS-Einführung bei 149 (17,2 %) Patienten als idiopathische Lungenfibrose (IPF) klassifiziert, nach LAS-Einführung bei 284 (27,2 %). Die Zahl der Patienten mit anderen interstitiellen Lungenerkrankungen stieg von 102 auf 123, der Anteil blieb aber mit 11,8 % konstant. Der Anteil der Re-Transplantationen nahm von 11 (1,3 %) auf 46 (4,4 %) zu. 37 (3,5 %) gegenüber vorher 22 (2,5 %) Empfänger hatten eine Sarkoidose. Im Zeitraum 2009–2011 waren 127 Transplantierte zuletzt im Status U und 468 im Status HU (zusammen 68,7 %). Die LAS-Einführung war mit einem Rückgang der medianen Wartezeit für die Transplantierten von 199 auf 84 Tage assoziiert (p < 0,001). 28 % der Patienten, die im Zeitraum 2012–2014 transplantiert wurden, hatten einen LAS-Wert von 50 und höher. Der mediane LAS-Wert aller Transplantierten lag bei 41.

Primärdiagnosen
Lungen­trans­plan­ta­tion
Primärdiagnosen Lungen­trans­plan­ta­tion

Patienten an mechanischen Lungenersatzverfahren

Detaillierte Angaben zu mechanischen Unterstützungsverfahren (zum Beispiel Beatmung, extrakorporale Membranoxygenierung [ECMO]) waren aus den Daten der Vermittlungsstelle erst ab dem Jahr 2011 verfügbar. Der Anteil von mechanisch unterstützen Patienten vor Transplantation stieg von 9 % (27/300) im Jahr 2011 auf 13 % (134/1045) in den 3 Jahren nach LAS-Einführung (p = 0,072). Der Einsatz eines extrakorporalen Verfahrens nahm in dieser Gruppe von 67 % (18/27) auf 87 % (117/134) (p = 0,008) zu. Das 1-Jahres-Überleben mechanisch unterstützter Patienten betrug in den Jahren 2011–2014 56 % gegenüber 80 % bei Transplantierten ohne mechanische Unterstützung (p < 0,001). Unter den Verstorbenen der Warteliste stieg der Anteil mechanisch unterstützter Patienten von 21 % (22/107) im Jahr 2011 auf 27 % (62/227) in den Jahren 2012–2014 (p = 0,184).

Pädiatrische Patienten

Im Vergleich der 3-Jahres-Zeiträume vor (2009–2011) und nach (2012–2014) Einführung des LAS stieg die Zahl der Transplantationen bei pädiatrischen Patienten unter 12 Jahren von 4 auf 12, während sie bei den 12- bis 17-Jährigen von 24 auf 21 fiel.

Beschleunigtes Vermittlungsverfahren

Der Anteil der Transplantationen im beschleunigten Vermittlungsverfahren („rescue allocation) lag 2009–2011 vor LAS-Einführung bei 27,9 % und in den 3 Jahren danach bei 36,5 %. Unter den 343 vermittelten Organen im Jahr 2014, nachdem das „extended allocation“-Verfahren (eKasten) eingeführt wurde, wurden 199 (58 %) primär nach LAS zugeordnet, 42 (12 %) in der „extended allocation“ verteilt und 102 (30 %) in weiteren Schritten des beschleunigten Verfahrens vermittelt. Empfänger dieser „rescue allocation“ waren mit 57 % primär Empfänger der Kategorie A in beiden Zeiträumen. Primär über den LAS zugeteilte Transplantationspatienten hatten einen höheren LAS (Median 46,9; 25- und 75-%-Quartile 39,6 und 63,2; p < 0,001), als die in dem „extended allocation“-Verfahren (36,3; 33,5 und 41,5) oder in dem weiteren beschleunigten Verfahren (34,2; 32,6 und 37,7) vermittelten Empfänger.

Anfragen für einen „exceptional Lung Allocation Score“

Anfragen für einen „exceptional Lung Allocation Score“ (eLAS) wurden im Zeitraum 2012–2014 bei 54 Patienten gestellt (5 % bezogen auf die Zahl der Transplantationen). Je ein Drittel (n = 18) entfielen auf die Kategorien B und C. Ein Drittel (n = 18) der Anträge wurde akzeptiert, allerdings in 56 % der Fälle mit einem niedrigeren LAS-Wert als bei Antragstellung angegeben.

Überleben nach Lungen­trans­plan­ta­tion

Das 1-Jahres-Überleben nach der Transplantation war nach LAS-Einführung in den Jahren 2012–2014 besser als 2009–2011, obwohl mehr kritisch Kranke transplantiert wurden (Grafik 3). In der Kategorie A betrug es vor LAS 79,4 % und nach LAS 85,8 % (p = 0,022), in der Kategorie B bei kleiner Fallzahl (n = 90) fiel es von 83 % vor LAS auf 73 % nach LAS (p = 0,257). In der Kategorie C betrug es vor LAS 82,6 % und nach LAS 87,3 % (p = 0,221), in der Kategorie D lag es vor LAS bei 67,4 % und nach LAS bei 78,3 % (p = 0,001).

Kaplan-Meier-Kurve
Kaplan-Meier-Kurve

Diskussion

In den ersten drei Jahren nach Anwendung des Lung Allocation Score in Deutschland wurde die Sterblichkeit von Empfängern auf der Warteliste zur Lungen­trans­plan­ta­tion um ein Viertel reduziert. Patienten mit obstruktiven Atemwegserkrankungen wurden seltener und Patienten mit restriktiven Lungenerkrankungen häufiger transplantiert. Dies galt vor allem für Patienten mit idiopathischer Lungenfibrose. Das Überleben nach der Transplantation war etwas besser nach Einführung des LAS.

Seit Beginn der Anwendung des LAS in den Vereinigten Staaten im Mai 2005 sind zahlreiche Berichte über Auswirkungen für die Patienten der Warteliste, Transplantationsaktivität und -ergebnisse publiziert worden (713). Die positiven Erfahrungen haben die deutschen Entscheidungsträger ermutigt, die bisherige Verteilung nach Wartezeit und Dringlichkeit durch das LAS-basierte System im Jahre 2011 zu ersetzen. Auch in den USA starben, bei höherem Transplantationsvolumen nach Einführung des LAS, jährlich etwa 200 Patienten weniger auf der Warteliste (13).

In Deutschland hatten mehr als zwei Drittel der Patienten vor LAS-Einführung den Status HU und U, somit wurde bei den dringlichen Stufen auch nach Wartezeit verteilt. Diese Tatsache erklärt ebenso wie in den USA die Abnahme der Sterblichkeit, weil dort vor Einführung auch nur nach Wartezeit verteilt wurde. Aufgrund kürzerer Distanzen ist in Deutschland mit dem LAS eine primär nationale Allokation möglich, während in den USA primär eine lokale Verteilung auch nach Einführung des LAS gilt. Es konnte gezeigt werden, dass 53 % der Lungen in den USA lokal (innerhalb von 58 Bezirken) verteilt wurden, und für jede lokale Allokation im Mittel 6 Empfänger in einer größeren Region (es gibt landesweit 11) höhere LAS-Werte hatten (14). Durch die rein nationale Allokation kann die relativ stärkere Reduktion der Sterblichkeit auf der deutschen Warteliste durch die Einführung des LAS erklärt werden. Der mediane LAS der transplantierten Patienten ist in Deutschland etwas höher als in den USA (41 gegenüber 40) (15). Dieser Unterschied kann auch auf die primär regionale Verteilung in den USA zurückgeführt werden (14).

Trotz dieser grundlegenden Unterschiede ergab die Einführung des LAS in Deutschland und den USA einen weiteren Trend, in dem häufiger Transplantationen bei Patienten mit restriktiven Lungenerkrankungen (12) und auch bei kritisch kranken Empfängern (9, 10, 16) durchgeführt wurden. In Deutschland ist das Lebensalter der LTx-Empfänger in den 3 Jahren nach Einführung des LAS im Median um 2 Jahre gestiegen. In den USA ist die Altersgruppe der über 65-jährigen Patienten die am raschesten wachsende Patientengruppe (12).

Die rückläufigen Neuanmeldungen auf der Warteliste und der abnehmende Anteil an Transplantation von Patienten der Diagnosegruppe B (zuletzt nur circa 5 %) wird durch Verbesserungen in der konservativen Therapie erklärt (1). Initial wurde über eine erhöhte Sterblichkeit auf der Warteliste von Kandidaten mit pulmonaler Hypertonie (PH) berichtet (7). Eine aktuelle Analyse einer größeren Kohorte hat aber das Gegenteil gezeigt (11), dies wird durch die deutschen Daten bestätigt. Das Überleben nach LTx war in der Kategorie B als einzige niedriger als vor der Einführung des LAS. Dies ist möglicherweise ein Ausdruck des vermehrten Einsatzes extrakorporaler Verfahren.

Der Anteil der Patienten am Beatmungsgerät und/oder mit extrakorporalen Verfahren hat sich im Untersuchungszeitraum erhöht. Dies betraf vor allem Patienten mit extrakorporalen Verfahren – eine Entwicklung, die auch in den USA beobachtet wurde (17). Diese Patienten haben schlechtere Überlebenschancen nach LTx, der LAS weist ihnen aber aufgrund des höher gewichteten Anteils der Dringlichkeit bevorzugt Organe zu. Deutsche Transplantationsergebnisse bei Patienten mit extrakorporaler Unterstützung scheinen deutlich schlechter als die US-amerikanischen. Bei uns wurden mehr als doppelt so viele Patienten dieser Gruppe transplantiert (13 gegenüber 6,4 %) (18).

Die Zunahme des Anteils am beschleunigten Vermittlungsverfahren und die Zunahme des medianen Spenderalters von 46 auf 50 Jahre nach LAS-Einführung sind Ausdruck erweiterter Spenderkriterien der Transplantationszentren und wesentlich für die Zunahme der Transplantationszahlen im Untersuchungszeitraum. Dies ist nach unserer Ansicht nicht durch die Einführung des LAS begründet. Die zunehmende Zahl von Spendern aus dem Ausland ist auch mit den erweiterten Spenderkriterien im Zeitraum nach Einführung des LAS erklärbar.

Im Gegensatz zu den langjährigen Erfahrungen mit dem LAS bei entsprechend großen Patientenzahlen in den USA sind die deutschen Erfahrungen begrenzter. Die Möglichkeit, den LAS weiterzuentwickeln („LASplus“ [19]) wird stark davon abhängen, wie zuverlässig die zusätzlichen Parameter bei Kandidaten der Warteliste durch die Transplantationszentren erfasst werden.

Resümee

Die Umsetzung des LAS-basierten Verteilungssystems in Deutschland hat zu einer Abnahme der Wartelisten-Sterblichkeit und zu mehr Transparenz im Vermittlungsverfahren geführt. Das Überleben nach LTx hat sich verbessert. Künftig müssen zusätzliche Parameter (zum Beispiel Herzindex, Bilirubin, Exazerbationen) durch die Zentren erfasst und durch die Ständige Kommission Organtransplantation analysiert werden, um das Modell zu verbessern. Die Qualität der erhobenen Daten muss in Zukunft besser gesichert werden.

Interessenkonflikt
Prof. Witt bekam Kongressgebühren und Reisekostenerstattung von der Firma Astellas GmbH. Er erhielt Studienunterstützung (Drittmittel) von der Firma Novartis.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 4. 7. 2016, revidierte Fassung angenommen: 23. 11. 2016

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Jens Gottlieb
Medizinische Hochschule Hannover, Klinik für Pneumologie OE 6870
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
gottlieb.jens@mh-hannover.de

Zitierweise
Gottlieb J, Smits J, Schramm R, Langer F, Buhl R, Witt C, Strueber M,
Reichenspurner H: Lung transplantation in Germany since the introduction of the Lung Allocation Score—a retrospective analysis. Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 179–85. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0179

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

Zusatzmaterial:
eKasten:
www.aerzteblatt.de/17m0179 oder über QR-Code