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Gesundheit im Internet: Krank gegoogelt

Dtsch Arztebl 2017; 114(8): A-382 / B-328 / C-320
MANAGEMENT
Gießelmann, Kathrin

Die Informationsflut zum Thema Gesundheit im Internet sehen die einen als Chance, die anderen als Problem. Mit der richtigen Anleitung sollte es gelingen „Dr. Google“ in die korrekten Bahnen zu leiten, sodass Patient und Arzt gleichermaßen profitieren.

Immer mehr Patienten fragen „Dr. Google“ um Rat, bevor sie zum Arzt gehen. Foto: Fotolia/utkamandarinka
Immer mehr Patienten fragen „Dr. Google“ um Rat, bevor sie zum Arzt gehen. Foto: Fotolia/utkamandarinka

Statt Ratgeberbücher oder Großeltern zu befragen, konsultieren immer mehr Menschen das Internet, bevor sie entscheiden, ob ein Arztbesuch nötig ist. Eine Ursache für das Ausweichmanöver kann die Unzufriedenheit mit dem Hausarzt sein. Das ergab eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung (1). Viele wollen für das kurze Gespräch mit dem Arzt aber auch nur gut vorbereitet sein. Sie tippen ihre Krankheitsanzeichen direkt in die Googlesuchleiste ein und bedienen sich der Treffer auf der ersten Seite. Es ist daher wenig verwunderlich, dass zu den beliebtesten Quellen Wikipedia, Seiten der Krankenkassen und Gesundheitsportale zählen (siehe eGrafik). Wohingegen die von Fachleuten empfohlenen Seiten, beispielsweise des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) oder der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), eher selten aufgesucht werden. Denn bei Google erscheinen sie fast nie auf den ersten Seiten. Dabei ist ein gutes Googleranking kein Garant für Qualität. Inhaltliche Mängel sind an der Tagesordnung. Das bescheinigen mehrere Studien für somatische als auch psychische Erkrankungen (2). Noch fehleranfälliger als redaktionell betreute Webseiten sind Foren und Blogeinträge. Der Social-Media-Analyse des aktuellen Werte-Index zufolge diskutiert hier fast jeder zweite User über Diagnosen und Therapien (3).

Genutzte Onlineangebote mit Gesundheitsbezug
Genutzte Onlineangebote mit Gesundheitsbezug

Die Leidtragenden sind nicht nur die Patienten. Bei überzeugten Selbstdiagnostizierten, ist es die Aufgabe des Arztes, die falschen Informationen wieder ins evidenzbasierte Gleichgewicht zu bringen. Dabei könnten Arzt und Patient prinzipiell von informierten Praxisbesuchern profitieren. Verschiedene Strategien helfen, Patienten zu verantwortungsvollen Internetnutzern zu machen. Eine eigens recherchierte Liste mit vertrauenswürdigen Links sollte dabei an erster Stelle stehen. Damit zeigt der Arzt, dass auch er sich im Netz auskennt. Es lohnt sich zudem, den Patienten zu Beginn des Gesprächs zu fragen, ob und wo er sich informiert hat. Einige verschweigen ihre Quellen bewusst, weil sie die Autorität des Arztes nicht infrage stellen wollen. Regel Nummer drei lautet daher, die Recherchearbeit des Patienten wertzuschätzen. Ärzte sollten akzeptieren, dass in Zeiten des Internets ihre uneingeschränkte Fachautorität aufgeweicht wird. Der Wunsch nach einem speziellen Leitfaden für die Aus-, Fort- und Weiterbildung wurde 2016 bereits in einem Antrag der CSU im Bayerischen Landtag artikuliert.

Vorteile selbstinformierter Patienten nutzen

In den meisten Fällen profitiert der Arzt von selbstinformierten Patienten. Denn sie können das Gespräch bereichern, die Compliance erhöhen und das Krankheitsverständnis verbessern. Eventuell benutzt der Patient zudem Gesundheitsapps, die gewinnbringend in die Behandlung eingebracht werden können. Eine besondere Herangehensweise ist bei schwierigeren Fällen vom Typ „Besserwisser“ gefragt. Im Gegensatz zum „Schweigsamen“ will dieser Patient mit seinem recherchierten Wissen auftrumpfen, er wünscht sich Anerkennung dafür und nimmt Kritik schnell persönlich. Der Arzt sollte daher selbst falsche Aussagen zunächst unkommentiert lassen und in Form einer Frage wiederholen. Erst im nächsten Schritt kann der Arzt vorsichtig umformulieren und Wissen aus zuverlässigen Internetquellen ergänzen. Wenn wissenschaftliche Fakten gar nicht angenommen werden, heißt es umdenken. Eine Mischung aus Evidenz und persönlicher Erfahrung wirkt in solchen Fällen oft überzeugender. Noch mehr Fingerspitzengefühl ist beim dritten Typ gefragt: Der Cyberchonder leidet unter einer Art moderner Hypochondrie. Das Internet macht es ihm besonders leicht, selbst aus unspezifischen Symptomen schwerwiegende Krankheiten abzuleiten. Hohe Trefferquoten liefern etwa Symptomchecker schon anhand weniger Fragen. Rückenschmerz, Müdigkeit, Stress und eine kleine Schnittwunde führen hier schon mal zu Diagnosen wie Tetanus, Fibromyalgie, Gallensteinen, Gebärmutterhalskrebs, Migräne oder Gürtelrose. Die naheliegende Muskelverspannung scheint nur in seltenen Fällen eine Option zu sein. Für den Cyberchonder sollte der Arzt sich etwas mehr Zeit nehmen und auf dessen Ängste eingehen. Eine Liste qualitätsgesicherter Internetseiten als Orientierung ist ein Muss für diesen Patienten.

Weitere „Problemtypen“ und wie man am besten mit ihnen umgeht, wurden kürzlich im Deutschen Ärzteblatt vorgestellt (www.aerzteblatt.de/17280). Aber egal welcher Patiententyp in der Praxis wartet, die Therapiehoheit dürfen Mediziner auch in Zeiten von Dr. Google nicht aus der Hand geben.

Kathrin Gießelmann

eGrafik im Internet:
www.aerzteblatt.de/17382
oder über QR-Code.

Praxistipps

Individuelle Linkempfehlungen für das Wartezimmer

1. Google-Selbsttest: Nach welchen Begriffen suchen die Patienten?

2. Vertrauenswürdige Seiten und Apps auswählen

3. Liste ausdrucken und im Wartezimmer auslegen.

 

Webtipps für Patienten

  •  Übersicht zu vielen Krankheitsbildern

www.gesundheitsinformation.de (IQWIG)

  • Übersicht zu vielen Krankheitsbildern inklusive Patientenleitlinien

www.patienten-information.de (BÄK, KBV)

  • Evidenzbasierte Patientenleitlinien

www.awmf.org/leitlinien/patienteninformation.html (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.)

  • Infos über Infektionskrankheiten und Impfen

www.rki.de ( Robert Koch-Institut)

  • Infos über Infektionskrankheiten und Impfen

www.pei.de (Paul-Ehrlich-Institut)

  • Infos zu allen Krebsarten

www.krebsinformationsdienst.de (Deutsches Krebsforschungszentrum)

Patienten können ihre ärztlichen Befunde kostenlos von Medizinstu-

denten in eine leicht verständliche Sprache übersetzen lassen.

www.washabich.de ( „Was hab‘ ich?“ gemeinnützige GmbH )

  • Experten beantworten medizinische Fragen zu ihren Fachgebieten

www.frag-den-professor.de (Frag den Professor Productions GmbH)

  • Experten beantworten im Zwei-Wochen-Rhythmus Fragen rund um das Thema Diabetes, Ernährung und Adipositas.

www.diabetesde.org/chat (Deutsche Diabetes Hilfe)

  • Informationen der Krankenkassen

Drei Typen, die Dr. Google benutzen

  •  Der Schweigsame – will die Autorität des Arztes nicht infrage stellen

Tipp: Nachfragen und Wertschätzen kann sich positiv auswirken.

  • Der Besserwisser – wünscht sich für sein Wissen Anerkennung

Tipp: Aussagen als Frage formuliert wiederholen und vorsichtig durch Fakten ergänzen.

  • Der Cyberchonder – hat unbegründete Angst vor Krankheiten

Tipp: Auf die Ängste eingehen und Webtipps empfehlen.

 

Best Practice: Kommunikation mit selbstinformierten Patienten

1. Den Patienten nach seinen Informationsquellen fragen.

2. Den Patienten nach Gesundheitsapps fragen.

3. Eigeninitiative des Patienten anerkennen und loben.

4. Gegebenenfalls über vertrauenswürdige Internetquellen aufklären.

5. Den informierten Patienten als Kooperationspartner und nicht als Kontrahenten einbeziehen.

6. Skeptikern mit einer Mischung aus Fakten und persönlichen Erfahrungen begegnen.