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Ausländische Ärzte aus Drittstaaten: Integration mit Hindernissen

Dtsch Arztebl 2017; 114(7): A-312 / B-273 / C-269
THEMEN DER ZEIT
Spielberg, Petra

Die gelungene Integration von zugewanderten Ärzten hängt auch von Glück, Zufall und davon ab, wo ein Bewerber seinen Antrag einreicht.

Unter Kollegen: Iracema Rocha (unten rechts) arbeitete in einer Klinik in Sao Paulo, bevor sie nach Deutschland kam. Jetzt hofft sie, hier Fuß zu fassen. Foto: privat
Unter Kollegen: Iracema Rocha (unten rechts) arbeitete in einer Klinik in Sao Paulo, bevor sie nach Deutschland kam. Jetzt hofft sie, hier Fuß zu fassen. Foto: privat

Die Ärztin Iracema Rocha ist frustriert. Die 37-jährige Brasilianerin kam im Dezember 2015 nach Deutschland, um hier mit ihrem Ehemann zu leben und zu arbeiten. Doch obwohl sie bereits kurz nach ihrem Umzug beim zuständigen Hessischen Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen einen Antrag auf Erteilung der Approbation stellte, wartet sie noch immer auf einen Bescheid. Im November 2016 teilte ihr die Behörde lediglich mit, dass das Verfahren zur Prüfung der Gleichwertigkeit ihres brasilianischen Arztdiploms in Gang gesetzt wurde.

Rocha hoffte, bis Mitte Februar dieses Jahres endlich die ersehnte Arbeitserlaubnis in Händen halten zu können. Doch weit gefehlt. Ende Januar erhielt sie ein weiteres Schreiben, in dem es hieß, dass sich das Verfahren aufgrund von Krankheitsfällen und Arbeitsüberlastung innerhalb der Behörde verzögern würde. Rocha muss nun fürchten, dass sie die psychiatrische Weiterbildungsstelle in einer hessischen Klinik, für die sie bereits eine Zusage erhalten hat, nicht antreten kann.

Fälle wie die der brasilianischen Ärztin sind keine Seltenheit. Immer wieder kommt es zu Verzögerungen bei der Bearbeitung der Unterlagen zur Berufsanerkennung, obwohl die Bescheidungsfristen dem Gesetz nach maximal vier Monate dauern dürfen. „Ausgesetzt werden dürfen die Fristen nur in bestimmten Fällen, wenn beispielsweise Dokumente fehlen“, erläutert Ruth Wichmann, Leiterin des Auslandsreferats beim Marburger Bund (MB). Dies aber müssen die Behörden den Bewerbern innerhalb von einem Monat nach Antragstellung mitteilen.

Hinzu kommt, dass die Abschlüsse vieler Ärzte insbesondere aus Drittstaaten nicht automatisch anerkannt werden und der föderale Dschungel ein undurchschaubares bürokratisches Dickicht darstellt, in dem sie sich ohne fremde Hilfe kaum zurechtfinden können. Verwirrend ist zum einen die völlig unterschiedliche Behördenstruktur. Zum anderen werden sowohl Fachsprachkenntnisse als auch Allgemeinsprachkenntnisse von den Ämtern unterschiedlich geprüft und auch die Approbationsverfahren laufen unterschiedlich ab.

Bundesweit gibt es 22 regionale Approbationsbehörden. Zuständig für die Berufsanerkennung ist jeweils das Amt, in dessen Einzugsbereich der Arzt arbeiten will. Die Einleitung des Verfahrens soll unproblematisch auch aus dem Ausland möglich sein. Eingereicht werden müssen eine Reihe von Nachweisen zum Beispiel über die Ausbildung, die Berufserfahrung sowie die Berechtigung zur Berufsausübung im Herkunftsstaat.

Kein Arbeitsplatznachweis

„Nicht erlaubt ist es hingegen, für die Einleitung des Antragsverfahrens eine Arbeitsplatzzusicherung oder den Nachweis eines Wohnsitzes im Einzugsbereich der Behörde zu verlangen“, betont Wichmann. Sie gibt an, dass sich viele Ärzte hilfesuchend an den MB wenden, da sie von den Behörden aufgefordert werden, derartige Bestätigungen beizubringen. Da viele Arbeitgeber jedoch verständlicherweise nicht bereit seien, Stellenzusicherungen zu erteilen, solange der Arzt noch keine Approbation oder Berufserlaubnis besitzt, gerate dieser in einen Teufelskreis.

Auch im Internet werden derartige Fehlinformationen verbreitet. So weist die zuständige Stelle beim Regierungspräsidium Gießen in einem Merkblatt darauf hin, dass die Vorlage eines Arbeitsvertrages in Kopie beziehungsweise eine Stellenzusage erforderlich ist. Außerdem prüft Hessen neben den in der Approbationsordnung Ärzte festgelegten Kernprüfungsfächern Innere Medizin und Chirurgie grundsätzlich das Fach Allgemeinmedizin ab. Dies jedoch ist nur erlaubt, wenn die Behörde aufgrund eines individuellen Gutachtens wesentliche Unterschiede beim Kenntnisstand eines ausländischen Arztes im Fach Allgemeinmedizin ableiten kann.

Ungeordnete Zuwanderung

Ungelöst bleibt ferner die ungeordnete Zuwanderung von Ärzten, die sich seit dem Wegfall der sogenannten Vorrangprüfung im Jahr 2011 direkt aus dem Ausland auf eine Stelle bewerben und bei Zusage durch den Arbeitgeber eine Berufserlaubnis erhalten können. „Dieser niedrigschwellige Einstieg öffnet leider auch unseriösen Personalvermittlungen Tür und Tor“, sagt Dr. Matthias Klug, der am VIA-Institut in Nürnberg seit 1995 Lehrgänge zur Integration zugewanderter Ärzte leitet. Für viele werde der Weg nach Deutschland dadurch zu einem Irrweg zwischen Behördenwillkür, einem undurchsichtigen Arbeitsmarkt und unprofessionellen Dienstleistern bei der Anerkennungs- und Bildungsberatung sowie der Vermittlung.

Um ausländischen Ärztinnen und Ärzten die Integration in das deutsche Gesundheitssystem zu erleichtern, hat sich das VIA-Institut deshalb darauf spezialisiert, die Zuwanderer auf die erforderlichen Sprach- beziehungsweise Kenntnisprüfungen zur Erlangung der Approbation vorzubereiten. Dabei würden nach Aussage von Klug Interessenten und Bewerber schon im Vorfeld nach einem Profiling fair und transparent beraten. „Dazu gehört auch, Illusionen durch eine realistische Karriereplanung zu ersetzen“, sagt Klug.

Das Lehrangebot umfasst neben der Vermittlung von Kenntnissen der allgemeinen deutschen sowie der medizinischen Fachsprache und Kommunikation viele einschlägige klinische Fächer, um auf die deutsche klinische Routine und die Kenntnisprüfung zugleich vorzubereiten. Im Rahmen der öffentlichen Förderung durch die Arbeitsverwaltung können Ärzte, die Flüchtlingsstatus haben, auch ein legales ärztliches Praktikum in einem Krankenhaus absolvieren. In den über 20 Jahren des Wirkens des VIA-Instituts haben so über 900 internationale Ärztinnen und Ärzte die Chance erhalten, sich auf den deutschen Arbeitsmarkt vorzubereiten, die deutsche Approbation zu erwerben und eine reguläre Weiterbildung zu beginnen. „Viele sind heute Oberärzte oder haben eine eigene Praxis“, so Klug.

Auch Rocha hofft, das sie bald im deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen kann. Als sie vor über einem Jahr nach Deutschland kam, sprach sie immerhin noch kein Wort Deutsch. Inzwischen beherrscht sie die Sprache sowohl auf dem allgemeinsprachlichen als auch auf dem fachsprachlichen Niveau fließend.

Um die Fachsprachenprüfung zu bestehen, müssen ausländische Ärztinnen und Ärzte in fast allen Regionen Deutschlands auf dem Niveau C1 gemäß den Vorgaben der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder vom Juni 2014 kommunizieren können. So müssen die Prüflinge nach Informationen der Ärztekammer Bremen beispielsweise in der Lage sein, ein rund 20-minütiges Anamnesegespräch zu führen, Verdachtsdiagnosen zu formulieren und die Aussagen in Form eines Kurzberichts zusammenzufassen. Prüfungsbestandteil ist darüber hinaus eine 20-minütige Arzt-zu-Arzt-Kommunikation sowie das Abfragen gebräuchlicher medizinischer Fachbegriffe.

Anderes Sprachniveau

Doch auch hier gibt es Ausnahmen. In Bayern zum Beispiel genügt es, wenn sich ausländische Ärzte auch im beruflichen Alltag auf dem allgemeinsprachlichen B2-Level verständigen können. Erst ab April will der Freistaat endlich mit den meisten anderen Bundesländern gleichziehen.

Der MB fordert indes schon seit Langem bundesweit einheitliche Vorgaben für die Sprach- und die Gleichwertigkeitsprüfungen, damit zuwandernde Ärztinnen und Ärzte in allen Regionen Deutschlands dieselben Chancen für das Erlangen einer Approbation erhalten. Von einer eigens für Gesundheitsberufe bei der Kultusministerkonferenz eingerichteten zentralen Gutachtenstelle erhofft sich der MB künftig schnellere und einheitliche Entscheidungen bei der Gleichwertigkeitsprüfung von Arztdiplomen aus Drittstaaten.

Die Bonner Stelle hat im September letzten Jahres ihre Arbeit aufgenommen. Unabhängige Experten verschiedener Behörden von Bund und Ländern bewerten seither die Qualifikationen in enger Zusammenarbeit. Die Entscheidungen über die Anerkennungen von Berufsqualifikationen werden allerdings weiterhin durch die Anerkennungsbehörden der Länder getroffen. Auch die Einleitung der Verfahren erfolgt wie bisher auf Landesebene.

Wichmann moniert, dass Berufserfahrung und sonstige nachgewiesene Kenntnisse und Fähigkeiten, die zum Ausgleich von Unterschieden in der ärztlichen Ausbildung und damit zum Erlangen der Gleichwertigkeit dienen können, weiterhin auf Landesebene evaluiert werden. „Das eröffnet den Behörden nach wie vor große Ermessensspielräume und steht der Einheitlichkeit der Prüfungsverfahren entgegen“, so die Auslandsexpertin.

Petra Spielberg

Zentrale Gutachtenstelle

Die zentrale Gutachtenstelle für Gesundheitsberufe (GfG) in Bonn ist zunächst als Pilotprojekt für drei Jahre angelegt, um alle bundesweit eingereichten Anträge im Rahmen der Berufsanerkennungsverfahren zu begutachten. Ausgelegt wurde die Gutachtenstelle zunächst auf ein
Arbeitsvolumen von 3 000 Aufträgen. Insgesamt sollen
16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort arbeiten.

Ärzteverbände helfen

Neben dem Marburger Bund (http://www.marburger-bund.de/mitgliederservice/faq-auslaendische-aerzte) leistet auch der Hartmannbund Hilfe bei der Integration ausländischer Ärzte. Über seine Stiftung „Ärzte helfen Ärzten“ vergibt der Verband unter anderem Zuschüsse zu verschiedenen berufsrelevanten Fortbildungskursen sowie immaterielle Hilfestellung durch Beratungen und persönliche Kontakte: www.hartmannbund.de