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Wie kann die Compliance zur Händedesinfektion verbessert werden?

Dtsch Arztebl Int 2017; 114(3): 27-8; DOI: 10.3238/arztebl.2017.0027
MEDIZIN: Editorial
Daeschlein, Georg
Editorial zum Beitrag: „Förderung der hygienischen Händedesinfektion: Clusterrandomisierte kontrollierte Studie PSYGIENE zur Evaluation maßgeschneiderter Interventionen“ von Thomas von Lengerke et al. auf den folgenden Seiten
Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten, Universitätsmedizin Greifswald:
PD Dr. med. Daeschlein

Auf deutschen Intensivstationen sind 19 % aller Infektionen auf eine nosokomiale Infektion zurückzuführen (1). In einer Beobachtungsstudie wurde in einer deutschen Universitätsklinik eine Prävalenz nosokominaler Infektionen von 28 % festgestellt (2). Dieser hohe Anteil besteht trotz intensiver Bemühungen, die Hygiene in Krankenhäusern zu verbessern. Ein wesentlicher Faktor einer erfolgreichen Krankenhaushygiene beruht auf der Händehygiene (3, 4), und es ist Konsens, dass eine direkte Beziehung zwischen einer verbesserten Händehygiene und dem Rückgang nosokomialer Infektionen besteht (57). Somit sollte bei hohen Infektionsraten als Basismaßnahme die hygienische Händedesinfektion verbessert werden. Ein entsprechendes Projekt wurde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) nun abgeschlossen.

Maßgeschneiderte Interventionen zur Förderung der Compliance

Nachdem sich im Rahmen der „Aktion saubere Hände“ (ASH) die Compliance der hygienischen Händedesinfektion initial verbessert hatte, musste festgestellt werden, dass sie bei einigen Teilen des medizinischen Personals – vor allem bei Ärzten – erneut zurückging.

In ihrer randomisierten kontrollierten Studie (PSYGIENE), deren Ergebnisse in diesem Heft vorgestellt werden, haben von Lengerke und Koautoren die Wirkungen einer verhaltenspsychologischen Intervention untersucht (8). Die PSYGIENE-Studie ist die erste Studie in Deutschland, die eine Förderung der Compliance der hygienischen Händedesinfektion nach einem Rückfall in alte Verhaltensmuster anstrebte und in der maßgeschneiderte Verhaltensänderungen zum Tragen kamen.

Im Rahmen der Studie wurde auf zehn Intensiv- und zwei Knochen­mark­transplantations­stationen der MHH die Compliance der Ärzte und des Pflegepersonals mittels Fragebogen und Interview ermittelt. Zudem wurden die Mitarbeiter zum Thema Händehygiene befragt und unter Einbeziehung selbstreflexiver Techniken geschult. Dabei wurden im Interventionsarm (6 Stationen) 29 Verhaltensänderungstechniken in Schulungen und Feedbackgesprächen umgesetzt. Als Kontrolle erfolgten Schulungen im Rahmen der ASH.

Primärer Endpunkt war die Veränderung der Compliance-Raten zur hygienischen Händedesinfektion in den Jahren 2014 und 2015 im Vergleich zum Vorjahr (2013).

Durch die Intervention verbesserte sich die Compliance in beiden untersuchten Folgejahren (2014 signifikant auf 64 % und 2015 auf 70 %). Demgegenüber lag sie im Kontrollarm im ersten Folgejahr im Vergleich zur Intervention mit 68 % etwas höher, fiel jedoch nach diesem Anstieg 2015 auf 64 % ab.

Die Compliance-Zuwächse von 2013 bis 2015 und die Compliance-Raten 2015 waren im Interventionsarm signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Dieser Effekt wurde bei den Pflegenden nachgewiesen, bei den Ärzten zeigten sich keine Verbesserungen im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Die maßgeschneiderten verhaltenspsychologischen Interventionen beeinflussten die Compliance positiv. Gleichwohl deuten die Ergebnisse auf einen weiteren Optimierungsbedarf hin, was nicht ungewöhnlich ist angesichts der erstmalig angewandten Technik.

Aus den Resultaten der Studie kann man folgern, dass die eingesetzten verhaltenspsychologischen Maßnahmen in Verbindung mit der Selbstreflexion der Teilnehmer anscheinend mehr zu leisten vermochten als die bisher übliche Praxis. Es ist plausibel anzunehmen, dass die Autoren auf Widerstände bei den Studienteilnehmern gestoßen sind. Dies vorausgesetzt, könnte der gewählte Ansatz noch weitaus wirksamer sein, was auf eine bisher noch ungenügend wahrgenommene Schlüsselrolle verhaltenspsychologischer Aspekte bei der Händehygiene deutet.

Auf jeden Fall hilft die Methode offenbar zumindest dabei, das Erlahmen der Compliance zur hygienischen Händedesinfektion nach anfänglichen Erfolgen zu überwinden. Man kann jedoch noch deutlich mehr erwarten: Der eingeschlagene Weg erscheint gerade wegen der ad hoc erzielten Erfolge geeignet zu sein, die Händehygiene in medizinischen Bereichen zu optimieren. Für den Erfolg entscheidend ist dabei:

Händehygiene dient der Prävention von Infektionen

Ein wesentlicher Aspekt darf bei der Betrachtung der Ergebnisse nicht außer Acht gelassen werden: Die Methode sollte nicht nur die Compliance verbessern, sondern muss sich selbstverständlich auch bei der Erreichung des Kernziels, der Infektionsprävention, bewähren. Leider wird die Rate nosokomialer Infektionen in dieser Arbeit (8) nicht erfasst. Auch wenn es nach vielen Studien der vergangenen Jahrzehnte zur hygienischen Händedesinfektion als gesichert gilt, dass über eine verbesserte Händehygiene nosokomiale Infektionen erfolgreich bekämpft werden können, sollte dies auch im Setting der PSYGIENE-Studie gezeigt werden.

Offen ist auch die Frage, ob durch die Maßnahmen nicht andere Aspekte der Infektionsprävention konterkariert werden. Die Antwort hierauf müssen Folgestudien erbringen. Aus diesem Grund sind bei allen Maßnahmen grundsätzlich die Compliance-Daten mit den parallel erhobenen nosokomialen Infektionsraten in Beziehung zu setzen und im Auge zu behalten.

Nutzen der PSYGIENE-Studie für die Infektionsprävention

Es ist vollkommen klar, dass diese Intervention nicht einfach auf die Masse der Krankenhäuser übertragen werden kann. Für den gezeigten Erfolg bedarf es an Erfahrung mit der Intervention, und die entsprechenden personellen und materiellen Ressourcen müssen bereitstehen. Diese sind in der Regel in den Krankenhäusern (noch) nicht vorhanden. Somit handelt es sich um ein krankenhaushygienisches Projekt mit Vorbildcharakter (sogenanntes Leuchtturmprojekt), und die Implementierung in der Routineanwendung in anderen Häusern ist ein weiter Weg.

In künftigen Forschungsprojekten wird es darum gehen, die Effizienz auszuloten und die Machbarkeit für die Krankenhaushygiene auch außerhalb von Zentren zu entwickeln und ebenfalls anhand der Inzidenz nosokomialer Infektionen zu evaluieren. Es gilt zu prüfen, ob sich auch hier Rebounds, das heißt Rückfälle der Compliance, einschleichen.

Folgerichtig betonen die Autoren den Forschungs- und Entwicklungsbedarf, um Qualitätskriterien für das Maßschneidern von Interventionen als einer geeigneten Anpassung von Techniken zur Verhaltensänderung (BCTs, Behaviour Change Techniques) zu definieren, die auf den theoretisch fundierten Interventionen basieren (9). Auch müsste die Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf Normalstationen sowie Krankenhäuser der Regel- und Schwerpunktversorgung evaluiert werden.

Wir können nur hoffen, dass dieser innovative Ansatz seinen Widerhall in möglichst zahlreicher, kompetenter sowie selbstreflektiver und kreativer Weiterverfolgung findet.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Georg Daeschlein
Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten
Sauerbruchstraße 1-4
17475 Greifswald

georg.daeschlein@uni-greifswald.de

Zitierweise
Daeschlein G: How can compliance with hand disinfection be improved? Dtsch Arztebl Int 2017; 114: 27–8. DOI: 10.3238/arztebl.2017.0027

@The English version of this article is available online:
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