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Internetabhängigkeit: Dem realen Leben entschwunden

Dtsch Arztebl 2016; 113(49): A-2252 / B-1857 / C-1833
THEMEN DER ZEIT
Bühring, Petra

Die Zahl der Internetabhängigen nimmt vor allem bei Jugendlichen rasant zu. Experten fordern bessere diagnostische Standards und Screeninginstrumente. Wenn die Eltern ein dysreguliertes Internetnutzungsverhalten aufweisen, dann auch ihre Kinder.

Foto: Fotolia/fad82,123RF [m]
Foto: Fotolia/fad82,123RF [m]

Verzweifelt rufend sucht der Dreijährige das Pokémon Pikachu im Abteil der Berliner S-Bahn – in der Hand das Smartphone seiner Mutter mit dem Spiel „Pokemon Go“. Er glaubt, die digitale Figur an einem der letzten Bahnhöfe „vergessen“ zu haben. Der Kleine kann digitale und reale Welt nicht trennen – die Mutter hat die Kontrolle längst verloren.

Digitale Medien sind allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken. Doch was, wenn sie das Leben dominieren, man die Kontrolle über den Umgang verliert, Kinder verhaltensauffällig werden, sie soviel Zeit in Anspruch nehmen, dass Jugendliche aus dem realen Leben verschwinden? Wenn Beziehungen, Ausbildung oder Arbeitsplätze gefährdet sind? Das Thema Internetabhängigkeit beschäftigt inzwischen Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, die Wissenschaft und die Politik verstärkt. So hat die Bundesdrogenbeauftragte ihre diesjährige Jahrestagung allein diesem Thema gewidmet. Mit Experten suchte Marlene Mortler (CSU) Anfang November in Berlin nach Lösungen für die Probleme der „Generation Internetsüchtig“, so der Titel der Tagung. Schlaglichter warf die Drogenbeauftragte auf die Ausschläge der aktuellen Studien: Die Zahl der Internetsüchtigen bei den 12- bis 17-Jährigen hat sich seit 2011 fast verdoppelt. Bereits 17 Prozent der zwei- bis fünfjährigen Kinder „benutzen“ ein Smartphone. 70 Prozent der Eltern fühlen sich unsicher im Umgang mit dem Medienkonsum ihrer Kinder.

Die Computerspielsucht oder Internet Gaming Disorder (IGD) ist die am besten untersuchte Form der Internetabhängigkeit. Daneben gibt es die Sucht in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook unterwegs zu sein; die Online-Sexsucht, wo es um Pornografie, Sex-Chats oder Sex-Dating geht. Es gibt die Online-Kaufsucht und die Online-Glückspielsucht, beides Varianten die „analoge“ Vorläufer haben. In Bezug auf die IGD stellte Dr. phil. Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen Erkenntnisse aus der sogenannten JIM-Studie vor, einer seit 1998 durchgeführten jährlichen Basisstudie zum Umgang von zwölf bis 19-Jährigen mit Medien und Information. Danach spielen nur vier Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen keine Online-Computerspiele. Knapp 19 Prozent der Jungen spielen zehn Stunden und mehr am Tag und knapp zwei Prozent der Mädchen. Generell geht man in Deutschland von einer Prävalenz der Internetabhängigkeit für die Gesamtbevölkerung von ein bis zwei Prozent, bei Jugendlichen sogar bis zu fünf Prozent aus.

Zugang über Smartphones

„Der Zugang zum Internet über Smartphones ist inzwischen der häufigste“, betonte Michaela Goecke von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit Bezug zur Drogenaffinitätsstudie 2016, die im Dezember veröffentlicht wird. Häufiger ist die Internetabhängigkeit danach inzwischen bei Jugendlichen als bei jungen Erwachsenen, und ebenso häufiger ist sie bei Mädchen als bei Jungen. Mädchen bewegen sich vor allem in sozialen Netzwerken; Jungen spielen. Genaue Zahlen gab die BZgA aber noch nicht bekannt.

Ob die IGD eine anerkannte klinische Diagnose ist, „ist noch nicht abschließend geklärt“, sagte Rehbein. Bisher hat die IGD nur Eingang als Forschungsdiagnose in den Anhang des amerikanischen Klassifikationssystems DSM-5 gefunden. Die Positionierung der WHO für die deutsche ICD-11 ist für 2018 vorgesehen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) spricht sich in einem Positionspapier vom März dieses Jahres dafür aus, pathologischen Computer- und Internetgebrauch, insbesondere die IGD, als „Verhaltenssucht“ in das Kapitel der Suchterkrankungen aufzunehmen. „In jedem Fall ist die verstärkte fachliche Beschäftigung auf der Basis öffentlicher Förderung unabdingbar“, heißt es in dem DGPPN-Papier. Die Kriterien des DSM-5 für die pathologische Computerspielsucht liegen als deutsche Formulierungen vor (siehe Kasten Internet Gaming Disorder). Riskante Spieler erfüllen zwei bis vier der Kriterien, pathologische Spieler fünf und mehr der neun Kriterien. „Das heißt, ob die Beschäftigung mit den Spielen pathologisch ist, hängt nicht von der Anzahl der damit verbrachten Stunden ab“, erklärt Rehbein.

Risiko, Verlauf und Folgen der Internetabhängigkeit seien bislang noch unzureichend erforscht, stellte der Psychologe klar. Man wisse indes, dass sie häufig mit Suizidgedanken, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Autismus, Aggressivität, Devianz und substanzbezogenen Suchterkrankungen einhergehen kann. „Die wenigen Längsschnittstudien die wir haben, zeigen, dass psychische Störungen sowohl der Internetabhängigkeit vorausgehen können und somit einen Risikofaktor darstellen, als auch erst parallel dazu oder in Folge auftreten“, erklärt Priv.-Doz. Dr. phil. Hans-Jürgen Rumpf, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Lübeck. Weitere Risikofaktoren sind laut Rumpf:

„Wir brauchen bessere diagnostische Standards, klinische Interviews und Screeningfragebögen für die Internetabhängigkeit“, fordert der Psychotherapeut. Offen sei zudem die Frage, ob eine einheitliche Diagnostik für alle Varianten der Internetabhängigkeit gemacht werden soll, oder differenziert für IGD, Sucht nach sozialen Netzwerken, Online-Sexsucht, Online-Kaufsucht oder -Glückspielsucht. Zur Wirksamkeit der Behandlung der Internetabhängigkeit gibt es laut Rumpf nur wenige Studien und diese untersuchen zumeist verhaltenstherapeutische Ansätze. Die Beratungs- und Behandlungsangebote zum internetbasierten Suchtverhalten haben sich nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit seit 2008 in Deutschland schätzungsweise vervierfacht und sind in allen Bundesländern vorhanden.

Wenig Präventionsangebote

Rumpf gehört neben Rehbein einer Arbeitsgruppe an, die vom Drogen- und Suchtrat der Bundesregierung beauftragt wurde, Empfehlungen zu Prävention und Frühintervention zu entwickeln, denn beides ist bislang nicht gut untersucht (siehe Kasten Präventionsmaßnahmen). „Die Möglichkeiten verhältnispräventiver Maßnahmen (Gestaltung von Spielen, Altersbeschränkungen) sind bislang wenig ausgeschöpft“, sagte der Internetsuchtexperte, „und auch die Versorgung mit Präventionsangeboten ist als defizitär anzusehen“.

Für Prävention ist auf Bundesebene die BZgA zuständig. Die hat 2011 das Präventionsprogramm www.ins-netz-gehen.de gestartet. Unter dem Motto „online sein mit Maß und Spaß“ erhalten Kinder und Jugendliche auf der Internetseite Tipps zur Selbstreflexion, können mit einem Selbsttest herausfinden, ob sie gefährdet sind und werden auf regionale Beratungsstellen hingewiesen. „Das Problembewusstsein der Jugendlichen in Bezug auf ihren Internetkonsum ist nicht groß“, sagt BZgA-Mitarbeiterin Goecke. Nicht allzu viele haben indes das Präventionsprogramm im Internet gefunden – „die Nutzung ist noch nicht so hoch“, so die Präventionsexpertin. Die BZgA hat sich deshalb zur Zusammenarbeit mit einem „Youtuber“ entschieden: Ronny Türk alias „MrWissen2go“ dreht kinder- und jugendgerechte Videos über Sachthemen, Hintergründe von Nachrichten oder Unterrichtsthemen und stellt diese auf Youtube. Mit mehr als 440 000 Abonnenten ist er ein Schwergewicht in dem Kommunikationskanal und soll nun helfen, suchtgefährdeten Internetnutzern die BZgA-Seite näherzubringen.

In vielen Familien führt die Mediennutzung der Kinder zu Konflikten. Foto: Fotolia/nadezhda1906
In vielen Familien führt die Mediennutzung der Kinder zu Konflikten. Foto: Fotolia/nadezhda1906

Ein weiteres Modellprojekt der Bundeszentrale, die „Net-Piloten“, wurde im September erfolgreich abgeschlossen (www.multiplikatoren.ins-netz-gehen.de/net-piloten). In dem Peer-Projekt, das in Bayern, Berlin und Nordrhein-Westfalen getestet wurde, werden Schüler zwischen 16 und 18 Jahren ausgebildet, die als Vorbilder für Mitschüler ab der sechsten Jahrgangsstufe dienen. Die „Net-Piloten“ sollen sensibel auf die Gefahren der digitalen Medien hinweisen und gleichzeitig bei exzessiver Internetnutzung zur Verhaltensregulation anleiten. Die BZgA will Net-Piloten als bundesweites Projekt nun verstetigen.

Verhaltensauffälligkeiten

Kinder- und Jugendärzte sind oftmals mit Verhaltensauffälligkeiten ihrer jungen Patienten konfrontiert, für die auch eine übermäßige Internetnutzung verantwortlich sein kann. „Mütter kommen in unsere Praxen und verlangen, dass wir Ergotherapie oder Logopädie verordnen, die Lehrerin hätte das gefordert“, berichtete Dr. med. Uwe Büsching vom Berufsverband der Kinder Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ). „Wenn ich dann genauer nachfrage, steckt oft ein übermäßiger Medienkonsum dahinter.“ Um besser zu verstehen, wie sich die Nutzung digitaler Medien auf die kindliche Entwicklung auswirkt, hat sich der BVKJ an der BLIKK(Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation)-Medien-Studie* beteiligt. Zwischenergebnisse dieser Studie, die bisher mit rund 3 000 Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde, zeigen:

„Für uns war auch ganz überraschend zu sehen, dass kleine Kinder kaum noch Kinderbücher anschauen oder lesen oder Hörbücher hören“, berichtete Prof. Dr. med. Rainer Riedel, der für die Rheinische Fachhochschule Köln an der BLIKK-Studie beteiligt war. Die Erkenntnisse der Studie zeigten die Basis für die mögliche Ausbildung einer späteren Internetabhängigkeit, so der Psychiater.

Wie kann man gegensteuern? Die Bundesdrogenbeauftragte Mortler fordert Änderungen beim Jugendschutz. Sie sprach sich dafür aus, bei Online-Spielen die Alterseinstufung ab null Jahren zu überdenken. Außerdem müssten die Alterskennzeichnungen des Jugendschutzrechts (Stufen 0, 6, 12 und 16 Jahre) überdacht werden. Bei der Altersbewertung dürfe es zudem nicht nur um Gewalt und Sexualität gehen, sondern auch darum, wie hoch das Suchtpotenzial der Spiele sei. Schließlich sprach sich die Drogenbeauftragte für eine neue Forschungsstrategie des Bundes zu den individuellen und gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung aus, zu denen in jedem Fall auch das Thema Internetabhängigkeit gehöre.

Zuerst die reale Welt erleben

Für den Kinderarzt Büsching ist ganz klar, dass Kinder bis zum Alter von fünf Jahren überhaupt keinen Kontakt mit digitalen Medien haben sollten. „Kleine Kinder müssen primär die reale Welt kennen lernen und nicht beides, das überfordert sie.“ Einig waren sich alle Experten, dass Medienkompetenz im häuslichen Umfeld aufgebaut werden muss. Der „Elternratgeber Computerspiele“, aktuell herausgegeben von dem Verband Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kann dabei helfen**.

Letztendlich ist das eigene Medienverhalten der Eltern entscheidend für den Umgang von Kindern mit digitalen Medien. Sie müssen vorleben, dass das Leben auch ohne Smartphone in der Hand spannend sein kann. Sie müssen sich mit den Inhalten, die Kinder und Jugendliche im Internet interessieren, auseinandersetzen. Und sie müssen Grenzen setzen und auch durchsetzen.

Petra Bühring

* Die BLIKK-Medien ist ein gemeinnütziges Projekt des Instituts für Medizinökonomie & Medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln, der Universität Duisburg-Essen, der Deutschen Gesellschaft für Ambulante Allgemeine Pädiatrie und des BVKJ.

** Die Broschüre „Elternratgeber Computerspiele“ kann angefordert werden: Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, Telefon : 030/24 08 86 60, kontakt@usk.de, www.usk.de

Präventionsmaßnahmen

Empfehlungen zur Verhältnisprävention:

Verhaltensprävention:

Frühintervention:

Internet Gaming Disorder*

1. Nahezu ausschließliche Beschäftigung mit Internetaktivitäten

2. Entzugssymptome

3. Toleranzentwicklung

4. Kontrollverlust: missglückte Versuche aufzugeben oder einzuschränken

5. Fortgeführter exzessiver Gebrauch trotz Wissen um negative Folgen

6. Interessenverlust (Hobbys, Unternehmungen) als Resultat des Internetgebrauchs

7. Gebrauch um dysphorischen Gefühlszuständen zu entrinnen

8. Täuschung von Familie, Therapeuten oder anderen über das Ausmaß der Aktivitäten

9. Verlust oder Gefährdung von Beziehungen, Arbeit, Ausbildung oder Karriere durch Internetaktivitäten

* Kriterien nach DSM-5

3 Fragen an . . .

Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte

Es gibt keine Screeninginstrumente für Kinder- und Jugendärzte zur Internetsucht. Wie begegnen Sie dem Problem?

Thomas Fischbach: Wir machen eine Anamnese und nehmen uns ausreichend Zeit. Wir haben mit wissenschaftlicher Unterstützung neue Kindervorsorgen für das Schulalter entwickelt. Da fragen wir gezielt sowohl nach dem täglichen Medienkonsum als auch nach dem Anteil der täglichen Bewegung.

Viele Kollegen wenden den „Mannheimer Elternfragebogen“ an, der auf psychosoziale Fragen und Probleme eingeht. Leider hat der Gemeinsame Bundes­aus­schuss bei der Neufassung der Kinderrichtlinien in diesem Jahr für die Kindervorsorgeuntersuchungen kein solches Fragebogeninventar zur psychosozialen Anamnese zugelassen. Dies hatte unser Verband bereits lange gefordert.

Ist die Diagnose immer eindeutig?

Fischbach: Oftmals kommen Kinder in die Praxis mit der Verdachtsdiagnose ADHS, weil der Kindergarten oder die Schule sich beschwert hat. Das Kind ist vielleicht unaufmerksam, wibbelig und unkonzentriert. Wir wissen oftmals nicht, welche Ursachen das wirklich hat: Ob es den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzt und sich niemand kümmert, was dann zu einer emotionalen Störung führt. Die täglich erlebten Negativerfahrungen eines ADHS-Patienten hingegen können andererseits ebenfalls emotionale Störungen verursachen. Das herauszufinden, ist schwierig.

Was tun Sie dann?

Fischbach: An solch einem Punkt überwiese ich an einen Kinder- und Jugendpsychiater, einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder in ein sozialpädiatrisches Zentrum. Aber Fakt ist, dass wir einfach zu wenige dieser Spezialisten haben und die Wartezeiten sehr lang sind. Manchmal verweisen wir Eltern auch an die Jugendhilfe.