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Bürokratie in der Arztpraxis: 52 Millionen Stunden für Papierkram

Dtsch Arztebl 2016; 113(48): A-2185 / B-1807 / C-1783
POLITIK
Korzilius, Heike

Vertragsärzte und -psychotherapeuten klagen in Umfragen regelmäßig über die überbordende Bürokratie in ihren Praxen. Ein Bürokratieindex soll jetzt von Jahr zu Jahr transparent machen, wie sich diese Belastung entwickelt.

353 Informationspflichten müssen Ärzte und Psychotherapeuten allein aufgrund von Vorgaben der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen erfüllen. Foto: Georg J. Lopata
353 Informationspflichten müssen Ärzte und Psychotherapeuten allein aufgrund von Vorgaben der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen erfüllen. Foto: Georg J. Lopata

Überweisungen, Auskünfte an Krankenkassen und deren Medizinischen Dienst, Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen, die Verordnung von Krankenbeförderung, Foto-, Video- und Bilddokumentation – das sind die Top Fünf unter den aufwendigsten Informationspflichten, die Vertragsärzte und -psychotherapeuten in ihren Praxen zuweilen täglich erfüllen müssen. 52 Millionen Stunden verbringen sie mit diesen und anderen Verwaltungstätigkeiten im Jahr, wobei hier nur die Tätigkeiten erfasst sind, die auf Vorgaben der gemeinsamen Selbstverwaltung auf Bundesebene zurückgehen. Insgesamt müssen Ärzte und Psychotherapeuten 353 Informationspflichten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), des GKV-Spitzenverbandes und des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses erfüllen. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 2,3 Milliarden Euro im Jahr.

Das sind Ergebnisse des Bürokratieindexes, den die KBV zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe und der Fachhochschule des Mittelstandes (FHM) am 22. November in Berlin vorgestellt hat. Der Index soll künftig jährlich berechnet werden, um transparent zu machen, wie sich die Belastung der Ärzte und Psychotherapeuten durch Bürokratie entwickelt. Grundlage des Bürokratieindexes ist eine Messung der Bürokratiekosten für Vertragsärzte und -psychotherapeuten durch das Statistische Bundesamt im Jahr 2013. Damals beliefen sich die Kosten auf rund 2,36 Milliarden Euro, was in etwa 55 Millionen Stunden entsprach, die Ärzte, Psychotherapeuten und deren Personal für „Papierkram“ aufwenden mussten. Nicht berücksichtigt sind dabei gesetzlich vorgeschriebene Informationspflichten.

Für verpflichtendes Abbauziel

„Der Bürokratieaufwand ist zwar im vergangenen Jahr etwas gesunken. Doch er tut das immer noch auf einem viel zu hohen Niveau“, kommentierte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Gassen das Ergebnis der aktuellen Bürokratiemessung. Die Selbstverwaltung müsse deshalb ihre Anstrengungen weiter intensivieren, die Belastung für Ärzte und Psychotherapeuten dramatisch zu verringern. Gassen sprach sich dafür aus, dass sich KBV, KVen und der GKV-Spitzenverband auf ein Abbauziel für Bürokratie verpflichten. „Das würde die Intensität unserer Bemühungen noch steigern und uns dazu bringen, vernünftige und konsensorientierte Lösungen zu finden“, meinte der KBV-Chef. Denn die als überbordend empfundene Bürokratie verursache nach wie vor große Unzufriedenheit bei den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten und sei eines der Hemmnisse für den ärztlichen Nachwuchs, sich mit eigener Praxis selbstständig zu machen. Das belegten auch die Ergebnisse aus dem Ärztemonitor 2016 von KBV und NAV-Virchow-Bund. Danach erklärte mehr als die Hälfte der befragten Ärzte, nicht ausreichend Zeit für die Behandlung ihrer Patienten zu haben. Außerdem gaben sie an, durchschnittlich fast acht Stunden pro Woche für Verwaltungsarbeit aufzuwenden. Das sei Zeit, die Ärzte nicht mit ihren Patienten verbringen könnten, kritisierte Gassen.

Der KBV-Vorsitzende räumte zugleich ein, dass man in der Diskussion um einen Abbau von Bürokratie zwischen ärztlichem Tun, wie dem Ausstellen eines Rezepts oder einer Verordnung, und fachfremden Handlungen, die nichts mit der Interaktion zwischen Arzt und Patient zu tun hätten, unterscheiden müsse. Ein Ärgernis seien beispielsweise die häufigen freien Anfragen der Krankenkassen auf jeweils unterschiedlichen Formularen. „Hier ist Entschlackung nötig“, forderte Gassen. Ob die erfolgreich verlaufe oder nicht, könne man zukünftig mit dem Bürokratieindex sichtbar machen.

Formularlabor fördert Dialog

Nach dem Index entsteht die höchste zeitliche Belastung für Ärzte und Psychotherapeuten durch das Ausstellen von Verordnungen und Bescheinigungen, wie Prof. Dr. rer. pol. Volker Wittberg von der FHM ausführte. Das sei in erster Linie auf die hohen jährlichen Fallzahlen zurückzuführen. Denn gemessen am Einzelfall sei die Informationspflicht aus dem Bundesmantelvertrag zum Ausstellen von Überweisungen nicht besonders zeitaufwendig. Umgekehrt befinden sich Wittberg zufolge unter den Top-25-Informationspflichten auch solche, die zwar eine relativ geringe jährliche Fallzahl haben, aber im Einzelfall sehr zeitaufwendig sind und deshalb eine hohe Belastung darstellen. Hierzu zähle beispielsweise der Antrag auf eine Langzeittherapie, der vor einer entsprechenden psychotherapeutischen Behandlung gestellt werden müsse, für den insbesondere Psychotherapeuten im Schnitt 221 Minuten aufwenden müssten.

Im Vergleich zu 2013 hat es Wittberg zufolge neben Entlastungen in einigen Bereichen neue Belastungen in anderen gegeben. Steigende Fallzahlen unter anderem bedingt durch eine alternde Gesellschaft hätten auf der einen Seite beispielsweise zu einem Anstieg bei den Verordnungen von Krankentransporten oder Heilmitteln sowie bei der Ausstellung von Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen geführt. Auf der anderen Seite sei es durch den Wegfall der Praxisgebühr zu Entlastungen bei den Überweisungen gekommen. Auch die Zusammenlegung der Muster 1 und 17 bei der Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung sowie geänderte Dokumentationsvorgaben für das Qualitätsmanagement hätten für weniger bürokratischen Aufwand in den Praxen gesorgt.

Nur Formulare zu vereinfachen, reicht jedoch nach Ansicht von Dr. rer. soc. Thomas Kriedel nicht aus. „Bürokratie darf gar nicht erst entstehen und muss bereits vor Einführung verhindert werden“, erklärte der KV-Vorstand aus Westfalen-Lippe. Allein dort beliefen sich die zeitlichen Bürokratielasten auf gut fünf Millionen Stunden. Das entspreche 57 Arbeitstagen im Jahr, die jede Praxis für Büroarbeiten aufwenden müsse.

Die KV Westfalen-Lippe setzt beim Bürokratieabbau auf ihre Formularlabors, die sie seit fünf Jahren betreibt. Dort diskutieren Vertreter von Ärzten, Krankenkassen und Medizinischem Dienst gemeinsam über die Praxistauglichkeit von Formularen und Richtlinien und deren – oft mühsame und langwierige – Anpassung. In den Formularlabors gehe man sehr offen miteinander um und entwickele ein Verständnis für die Sicht des jeweils anderen, erklärte Kriedel: „Den Kassen entstehen durch Bürokratie ja auch Kosten.“ Sein Wunsch wäre, dass geänderte Richtlinien und Formulare künftig vor ihrer Einführung in diesen Formularlabors echten Praxistests unterzogen werden.

Heike Korzilius