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Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen: Kooperation und Interdisziplinarität

Dtsch Arztebl 2016; 113(46): A-2088 / B-1737 / C-1719
THEMEN DER ZEIT
Döpfner, Manfred; Banaschewski, Tobias; Rösler, Michael; Skrodzki, Klaus

Das zentrale adhs-netz unterstützt die Versorgung von Patienten mit ADHS. Die Information von Experten, Betroffenen und der Öffentlichkeit ist eine wesentliche Aufgabe des Netzwerkes. Gerade wurden neue Eckpunkte erarbeitet.

Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS zeigen charakteristische und im Lebensverlauf sich wandelnde Merkmale von Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Foto: dpa
Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS zeigen charakteristische und im Lebensverlauf sich wandelnde Merkmale von Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Foto: dpa

Das zentrale adhs-netz mit Sitz an der Universität Köln wurde 2003 mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit aufgebaut. Hauptziel des Netzwerkes ist die Unterstützung eines umfassenden Gesundheitsmanagements für Menschen mit ADHS. Durch die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit zu ADHS auf nationaler und internationaler Ebene sollen die Rahmenbedingungen für die gesundheitliche Versorgung von betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bestimmt und optimiert werden. Die Information von Fachleuten, Betroffenen und der Öffentlichkeit über ADHS ist eine wesentliche Aufgabe des Netzwerkes. Hierzu werden zwei internetbasierte Informationsplattformen betrieben. Die Informationen auf www.zentrales-adhs-netz.de richten sich primär an Fachleute aus medizinisch-therapeutischen Bereichen. Das ADHS Infoportal www.adhs.info stellt evidenzbasierte zielgruppenspezifische Informationen für Betroffene und Angehörige sowie Pädagogen zur Verfügung. Eine enge Vernetzung mit Berufs-, Fach- und Selbsthilfeverbänden erfolgt in einem interdisziplinären Beirat. Dieser formuliert Empfehlungen an die Leitungsgruppe und bewertet die Arbeit des zentralen adhs-netzes. Ein weiterer Beirat, der sich aus Vertretern regionaler Versorgungsnetze zusammensetzt, formuliert deren Interessen und Bedürfnisse, berät die Leitungsgruppe und gibt Anregungen zur Weiterentwicklung des zentralen adhs-netzes.

Eckpunkte zur Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS sind die Grundlage für die Arbeit des zentralen adhs-netzes. Sie wurden bei einer Statuskonferenz mit 60 eingeladenen Experten aktualisiert und jetzt veröffentlicht. Folgende Eckpunkte werden von 17 Fachverbänden unterstützt:

ADHS ist eine psychische Störung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich vor allem auf kognitiver und Verhaltensebene äußert und die mit erheblichen Belastungen und Beeinträchtigungen einhergeht. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit ADHS zeigen charakteristische und im Lebensverlauf sich wandelnde Merkmale von Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die nicht notwendigerweise alle gemeinsam auftreten, jedoch in mehreren Lebensbereichen (Familie, Schule, Beruf, Freizeit) zu beobachten sind. Diese Kernsymptome gehen in der Mehrzahl der Fälle mit anderen psychischen Störungen und Auffälligkeiten einher und sie verursachen bei den Betroffenen deutliche Belastungen und Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Beziehungen, der schulischen und beruflichen Leistungsfähigkeit und der Möglichkeiten zur Teilhabe in verschiedenen Lebensbereichen. ADHS stellt somit bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine behandlungsbedürftige psychische Störung dar.

Weitere Ursachenforschung

ADHS tritt häufig auf und kann einen chronischen Verlauf vom Kindesalter bis ins Erwachsenenalter haben. Etwa drei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an ADHS und im Erwachsenenalter liegt die Häufigkeit bei etwa drei Prozent. ADHS ist eine chronische Störung und bei vielen Betroffenen persistiert die Symptomatik bis weit ins Erwachsenenalter hinein.

Über die Ursachen liegen empirisch gut gesicherte Erkenntnisse vor, die weitere Erforschung der Ursachen ist jedoch notwendig. ADHS zählt zu den psychischen Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, über die bereits viele Erkenntnisse hinsichtlich der Ursachen gut gesichert sind. Genetische Ursachen haben den größten Anteil bei der Entstehung von ADHS, wobei Umweltfaktoren wesentlich an der Entwicklung beteiligt sind.

Zuverlässig diagnostizierbar

ADHS lässt sich zuverlässig diagnostizieren. Wie alle psychischen Störungen ist die Erkrankung durch ein typisches Muster definiert, das sich aus mehreren Einzelsymptomen zusammensetzt, die in den international anerkannten Diagnosekriterien (von ICD-10, DSM-5) definiert sind und die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Bei diesen Symptomen gibt es einen fließenden Übergang zu Normvariationen, wie dies bei psychischen Störungen immer und auch bei körperlichen Erkrankungen nicht selten der Fall ist. ADHS kann aber von Normvariationen durch die Zahl und Schwere der Symptome und die damit einhergehende deutliche Beeinträchtigung meist in mehreren Lebensbereichen abgegrenzt werden. In Einzelfällen kann, wie bei vielen psychischen Störungen und körperlichen Erkrankungen, die Differenzialdiagnostik und Abgrenzung zu anderen Störungen und Erkrankungen oder auch zur Normvariation schwierig sein. Insbesondere die differenzialdiagnostische Abgrenzung zu anderen Störungsbildern sowie die Diagnostik assoziierter psychischer Störungen bedürfen besonderer Expertise. Insgesamt lässt sich ADHS mit gleicher Sicherheit und Verlässlichkeit wie andere psychische Störungen diagnostizieren.

Die frühzeitige Verminderung von ADHS-Symptomen und die Prävention ihrer negativen Auswirkungen sind möglich und sollten flächendeckend umgesetzt werden. Mehrere auch im deutschen Sprachraum entwickelte Interventionsprogramme haben sich in der Prävention von expansiven Verhaltensauffälligkeiten einschließlich von ADHS-Symptomen bewährt. Mehrere Studien belegen, dass sich diese Symptome und assoziierte Auffälligkeiten durch psychosoziale Interventionen stabil vermindern lassen

Die Behandlung von ADHS erfordert einen individuellen multimodalen Ansatz. In der Regel ist für eine wirkungsvolle Therapie eine Kombination verschiedener individuell angepasster Behandlungskomponenten notwendig, die als multimodale Therapie bezeichnet wird. Neben verhaltenstherapeutisch fundierten Behandlungen im Einzel- und Gruppensetting (im Kindes- und Jugendalter einschließlich Elterntraining und Interventionen im Kindergarten und in der Schule) hat sich besonders die pharmakologische Therapie bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen als wirkungsvoll erwiesen. Die Pharmakotherapie ist daher ein wesentlicher Behandlungsbaustein, sie ist jedoch nicht bei allen Patienten notwendig und sie bedarf einer Einbettung in ein multimodales Behandlungskonzept, das zumindest eine intensive Beratung der Betroffenen (im Kindes- und Jugendalter einschließlich ihrer Bezugspersonen) umfasst. Häufig, jedoch nicht immer, sind zusätzlich verhaltenstherapeutische Interventionen indiziert. Die spezielle Indikationsstellung zur medikamentösen Behandlung und zu weiteren Interventionen ist – ebenso wie die Entscheidung über Zeitpunkt, Dauer und Dosis – in jedem Einzelfall sorgfältig und entsprechend dem aktuellen wissenschaftlichen Standard zu treffen. Langfristige Kontrollen von Wirkungen und Nebenwirkungen sind bei medikamentöser Therapie, wie bei allen anderen Behandlungsformen notwendig.

Enge disziplinäre Kooperation

Die Diagnostik, Prävention und Therapie von Patienten mit ADHS orientiert sich an den evidenzbasierten Leitlinien, die international weitgehend vergleichbare Standards definieren. Diese Standards sind gegenwärtig noch nicht flächendeckend realisiert.

Eine wirkungsvolle Prävention sowie die bedarfsgerechte diagnostische und therapeutische Versorgung von Patienten mit ADHS erfordert eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Psychotherapeuten und Heilmittelerbringern (zum Beispiel Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten, Mototherapeuten) sowie mit Psychologen, Pädagogen und weiteren Fachkräften. In vielen Regionen haben sich Versorgungsnetze gebildet, die weiter gestärkt werden müssen und deren Aufbau in unterversorgten Regionen unterstützt werden muss. Die bestehenden ADHS-Verträge einzelner Krankenkassen mit Leistungserbringern können dabei hilfreich sein. Sie müssen weiter ausgebaut und flächendeckend von allen Krankenkassen übernommen werden.

Eine umfassende Versorgung von Patienten mit ADHS erfordert spezifische Hilfestellungen in anderen gesellschaftlichen Systemen sowie eine enge Vernetzung mit dem Gesundheitssystem. Da Patienten mit ADHS unter Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensbereichen leiden, sind neben der Therapie in diesen Bereichen gezielte Unterstützungen und Hilfen in allen betroffenen Lebensbereichen notwendig, die weiter verbessert werden müssen. Dabei kommt den Bereichen Schule und Jugendhilfe eine besondere Bedeutung zu. Um diese zusätzlich notwendigen Maßnahmen in Kindertageseinrichtungen, in Schulen (zum Beispiel Inklusion), in der Jugendhilfe, in der Berufsförderung und der Rehabilitation zu optimieren, ist eine weitere Stärkung der Kooperation im Rahmen regionaler Netzwerke notwendig.

Prof. Dr. med. Manfred Döpfner,
Dr. med.
Tobias Banaschewski,
Dr. med. Michael Rösler,

Dr. med. Klaus Skrodzki,
zentrales adhs-netz

@Die Eckpunkte im Internet: http://d.aerzteblatt.de/EU68