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Unnötige Diagnostik in der Umweltmedizin

Dtsch Arztebl Int 2016; 113(46): 773-80; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0773
MEDIZIN: Originalarbeit
Greiner, Annette; Drexler, Hans
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin,
Universität Erlangen-Nürnberg: Dr. med. Greiner, Prof. Dr. med. Drexler

Hintergrund: Patienten in der Umweltmedizin wünschen oft eine intensive Abklärung unspezifischer Beschwerden. Unkonventionelle Verfahren und konventionelle Verfahren außerhalb der etablierten Indikationen können zu falschen Diagnosen führen und ausgeprägte negative psychische, soziale und finanzielle Folgen für Patienten haben. Ziel dieser monozentrischen Studie war, inadäquate Vordiagnostik bei den Patienten einer universitären umweltmedizinischen Sprechstunde zu erfassen.

Methode: Es wurden die Unterlagen von 653 konsekutiven Patienten der Sprechstunde an dem Institut und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin in Erlangen von 2010 bis 2015 ausgewertet und inadäquate Diagnostikinstrumente erfasst.

Ergebnisse: 9 % der Patienten hatten mindestens ein inadäquates Diagnoseverfahren durchlaufen. Am häufigsten fand sich bei ihnen eine ungeeignete Schwermetalldiagnostik (26 %), gefolgt von inadäquat eingesetzter Haaranalyse (15 %) und Biomonitoring im Blut/Urin mit fehlerhafter Wahl der Untersuchungsmatrix oder fehlerhafter Bewertung (15 %). Ein unsererseits durchgeführtes Biomonitoring bestätigte die umweltmedizinische Verdachtsdiagnose in keinem Fall. Referenzwertüberschreitungen traten hierbei seltener auf als bei den Sprechstundenpatienten, bei denen wir ohne Vordiagnostik selbst die Indikation zum Biomonitoring stellten.

Schlussfolgerung: Eine inadäquate Diagnostik war bei einem relevanten Anteil der Patienten in der Umweltmedizin durchgeführt worden. In der Folge ist meist ein lege artis durchgeführtes Verfahren erforderlich, um den Befund zu bestätigen oder auszuschließen. Eine vertiefte Bearbeitung und Quantifizierung dieses Phänomens ist angezeigt.

Angesichts der vielfältigen medizinischen Testverfahren ist es Aufgabe des Arztes, den Patienten über deren Wertigkeit aufzuklären. Gerade im umweltmedizinischen Bereich fordern viele Patienten diagnostische Maßnahmen zur Abklärung diverser, oft unspezifischer Beschwerden (1) oder sie kommen bereits mit einem Vorbefund. Gemäß der Verpflichtung „primum non nocere“ soll der Patient vor einem schädlichen Zuviel an medizinischen Maßnahmen geschützt werden; dies wird als quartäre Prävention bezeichnet (2, 3). Neben einer exakt erhobenen Anamnese sind eine richtige Auswahl und Durchführung der Untersuchungen die Voraussetzung für korrekte Diagnosen (1, 4, 5). Der Einsatz nicht validierter Methoden oder eine nicht sachgemäße Interpretation von Ergebnissen kann zu Fehldiagnosen und überflüssigen Behandlungen führen und – auch nach unserer Erfahrung – gravierende negative psychische, soziale und finanzielle Folgen für Patienten haben (4, 68). Wir stellten uns die Frage, welche inadäquate (das heißt wissenschaftlich nicht begründbare) Diagnostik bei den Patienten unserer Sprechstunde im Vorfeld zum Einsatz kam und wie häufig dies der Fall war.

Methoden

Ausgewertet wurden alle 653 Patientenakten aus der Sprechstunde des Instituts für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen aus dem Zeitraum von September 2010 bis Dezember 2015. Alle Patienten waren von niedergelassenen Ärzten zur weiteren Abklärung überwiesen worden. Die Übergänge zwischen arbeits-, sozial- und umweltmedizinischen Fragestellungen waren häufig fließend, und die Probleme der Patienten betrafen oft zwei oder alle drei Bereiche. Daher wurde keine Aufteilung der Patienten in umwelt-, arbeits- und sozialmedizinische Kollektive vorgenommen. Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen und Eignungsuntersuchungen fanden im Rahmen dieser Sprechstunde nicht statt.

Gesucht wurde in den Patientenakten nach vorangegangenen inadäquaten diagnostischen Methoden. Als inadäquat wurden diagnostische Maßnahmen eingestuft, wenn es sich entweder um unkonventionelle, das heißt wissenschaftlich nicht etablierte Verfahren handelte, oder um konventionelle Verfahren, die außerhalb ihrer etablierten Indikationen eingesetzt wurden. Die Einstufung der Methoden beruht auf Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts, auf Stellungnahmen medizinischer Fachgesellschaften oder Kommissionen und weiteren wissenschaftlichen Publikationen.

Bei allen Patienten wurde anhand der Aktenlage Alter, Geschlecht, Versicherungsstatus und Berufstätigkeit ermittelt. Bei Berufstätigkeit wurde untergliedert in berufstätig, arbeitslos, arbeitsunfähig, Rentner und sonstiges/unbekannt. In die Gruppe der Berufstätigen wurden Patienten aufgenommen, die einer bezahlten Arbeit nachgingen. Arbeitsunfähige Erwerbstätige wurden nicht in der Gruppe der Berufstätigen, sondern in einer eigenen Gruppe erfasst, da es sich oftmals um eine langfristige Arbeitsunfähigkeit handelte. Des Weiteren wurde dokumentiert, wie häufig im Rahmen der Sprechstunde ein Biomonitoring, das heißt eine quantitative Untersuchung von Fremdstoffen oder deren Metaboliten in Patientenproben (meist Blut oder Urin), veranlasst worden und ob es dabei zu Referenz- oder Grenzwertüberschreitungen gekommen war. Als Beurteilungskriterium dienten, sofern für den jeweiligen Stoff vorhanden, die Referenzwerte für die Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung aus den Umweltsurveys des Umweltbundesamtes. Als Referenzwert wird das 95. Perzentil aller aus einer repräsentativen Stichprobe der Allgemeinbevölkerung oder einer Bevölkerungsgruppe ermittelten Konzentrationen eines Fremdstoffs oder eines Fremdstoffmetaboliten bezeichnet (9). Falls diese Referenzwerte für einen Stoff nicht vorlagen, wurden die biologischen Arbeitsstoff-Referenzwerte (BAR) der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder laborinterne Referenzen verwendet. Die biologischen Arbeitsstoff-Referenzwerte beschreiben eine „zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Referenzpopulation aus nicht beruflich gegenüber dem Arbeitsstoff exponierten Personen im erwerbsfähigen Alter bestehende Hintergrundbelastung mit diesem Arbeitsstoff“ (10) und sind in Analogie zu den Referenzwerten der Kommission „Human-Biomonitoring“ (HBM) über das jeweilige 95. Perzentil der Fremdstoff- oder Metabolitenkonzentrationen definiert. Sowohl die Referenzwerte der Kommission „Human-Biomonitoring“ als auch die biologischen Arbeitsstoffreferenzwerte nehmen keinen Bezug auf mögliche gesundheitliche Effekte. Eine Überschreitung dieser Werte ist keinesfalls mit einer gesundheitlichen Gefährdung gleichzusetzen (9).

Des Weiteren wurde nach Grenzwertüberschreitungen gesucht. Grenzwerte sind im Gegensatz zu Referenzwerten toxikologisch begründet. Es wurden primär die von der Kommission „Human-Biomonitoring“ veröffentlichten HBM-I- und HBM-II-Werte herangezogen (9) (Tabelle 1).

Interpretation von HBM-Werten des Umweltbundesamtes
Interpretation von HBM-Werten des Umweltbundesamtes

Die Gruppe der Patienten, bei denen inadäquate Diagnostik im Vorfeld zum Einsatz gekommen war, wurde mit den übrigen Patienten der Sprechstunde verglichen, die im Folgenden als Vergleichsgruppe bezeichnet werden. Bei den statistischen Analysen, durchgeführt mit SPSS Statistics 23, wurde der exakte Test nach Fisher verwendet. Auf die Festlegung eines Alpha-Niveaus (Signifikanzniveaus) unter Berücksichtigung der Bonferroni-Korrektur wurde verzichtet, die Darstellung der p-Werte erfolgt deskriptiv.

Zusätzlich wurde eine systematische Suche nach der verfügbaren Literatur zur Häufigkeit inadäquater Diagnostik durchgeführt. Hierbei wurde die Datenbank PubMed sowie die Suchmaschine Google („google.de“ für deutsche Suchbegriffe, „google.com“ für englische Suchbegriffe) verwendet. Es wurden insgesamt 23 Suchbegriffe verwendet. Es wurden nur deutsch- und englischsprachige Artikel einbezogen. Ergaben sich in diesen Suchergebnissen Hinweise auf weitere relevante Dokumente, wurden diese ebenfalls überprüft.

Ergebnisse

In der Kohorte wurden neun Arten unkonventioneller Diagnostik identifiziert, die nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand (1136) keine oder eine unzureichende Aussagekraft für die jeweilige Fragestellung haben. Bei 57 der 653 Sprechstundenpatienten waren diese inadäquaten Verfahren im Vorfeld dokumentiert, dies entspricht 9 % der Patienten. Teilweise hatte ein einzelner Patient mehrere verschiedene Verfahren durchlaufen. Es fanden sich 65 Verfahren bei 57 Patienten. Die mehrmalige Anwendung des gleichen Verfahrens bei ein und demselben Patienten wurde aufgrund oft ungenauer anamnestischer Angaben nicht erfasst. Einen Überblick über die Art und die Häufigkeit der 65 gefundenen Verfahren gibt Tabelle 2.

Art und Häufigkeit inadäquater Diagnostik in der Kohorte
Art und Häufigkeit inadäquater Diagnostik in der Kohorte

Einige der Verfahren haben wissenschaftlich etablierte Einsatzmöglichkeiten, werden jedoch häufig inadäquat verwendet. Der Kasten 1 bietet einen Überblick über deren Indikationen und Limitationen. Durch neue Erkenntnisse und technische Weiterentwicklungen können sich Änderungen für die Indikationen ergeben. Die Angaben zur Indikation und zum inadäquaten Einsatz (Kasten 1) orientieren sich am aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand.

Weiterführende Informationen
Weiterführende Informationen
Inadäquater Einsatz wissenschaftlich etablierter
Verfahren bei den Patienten der Kohorte
Inadäquater Einsatz wissenschaftlich etablierter Verfahren bei den Patienten der Kohorte

Bioresonanz, Kinesiologie im Sinne von Applied Kinesiology und Pendeln weisen keine wissenschaftlich anerkannten Indikationen auf (22, 2836).

Bioresonanz-Verfahren basieren auf dem Postulat, dass der Mensch und auch potenzielle Allergene ein ultrafeines Schwingungsspektrum ausstrahlen, das mit konventionellen physikalischen Messmethoden nicht nachweisbar sei. Mit Hilfe eines Sensorelements wird das „Resonanzverhalten“ beurteilt (28). Bioresonanzdiagnostik darf gemäß der Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses zu Untersuchungs- und Behandlungsmethoden der vertragsärztlichen Versorgung nicht als vertragsärztliche Leistung zu Lasten der Krankenkassen erbracht werden (29).

Applied Kinesiology nutzt zur Diagnostik einen Muskeltest. Beurteilt wird die Reaktion eines Muskels des Patienten auf den manuellen Druck des Untersuchers bei gleichzeitigem Kontakt zu beispielsweise einem vermuteten Allergen (32).

Beim Pendeln gibt es verschiedene Vorgehensweisen. Beispielsweise konzentriert sich der Untersucher geistig auf die zu klärende Frage, während er ein frei schwingendes Pendel hält. Was die jeweiligen Ausschläge bedeuten, wurde zuvor festgelegt (22, 36).

Bei 70 % (n = 40 von 57) der Patienten mit inadäquater Vordiagnostik wurde im Rahmen der Sprechstunde die Indikation für ein validiertes Biomonitoring gestellt, da ein vermeintlich pathologischer Befund überprüft werden musste. In der Vergleichsgruppe gab es die Indikation für ein Biomonitoring bei 26 % (n = 157 von 596) der Patienten. In der Gruppe mit inadäquater Vordiagnostik zeigte sich nur in 13 % (n = 5 von 40) eine Referenzwertüberschreitung. Zu einer Überschreitung gesundheitsbasierter Grenzwerte kam es in keinem der Fälle. In der Vergleichsgruppe zeigte sich etwa doppelt so häufig, nämlich in 26 % der Fälle, eine Referenzwertüberschreitung (p = 0,093) (Tabelle 3). In zwei Fällen wurde in der Vergleichsgruppe eine Grenzwertüberschreitung festgestellt, beide Male im Zusammenhang mit einer beruflichen Exposition.

Vergleich beider Gruppen bezüglich Biomonitoring, Berufsstatus, Alter, Geschlecht und Krankenversicherung
Vergleich beider Gruppen bezüglich Biomonitoring, Berufsstatus, Alter, Geschlecht und Krankenversicherung

Beide Gruppen wiesen eine vergleichbare Altersstruktur auf (Median: 48 Jahre in der Gruppe mit inadäquater Diagnostik versus 46 Jahre, oberes Quartil: 56 versus 54 Jahre, unteres Quartil: 37 versus 35 Jahre). Der Frauenanteil im Kollektiv mit der inadäquaten Diagnostik lag höher als in der Gruppe der übrigen Patienten (60 % versus 43 %, p = 0,025). Bei inadäquater Diagnostik betrug der Anteil privat Versicherter 25 %, in der Vergleichsgruppe fanden sich nur 13 % privat Versicherte (p = 0,025).

Bei Betrachtung des Berufsstatus fiel vor allem der geringere Anteil Berufstätiger (47,4 % versus 72,1 %; p = 0,0002) und der höhere Anteil Arbeitsunfähiger (10,5 % versus 3,0 %; p = 0,013) und Arbeitsloser (15,8 % versus 4,2 %; p = 0,001) in der Gruppe mit inadäquater Diagnostik auf. Rentner waren tendenziell etwas häufiger vertreten (10,5 % versus 6,0 %; p = 0,250), während in der Gruppe „sonstiges/unbekannt“ nahezu kein Unterschied bestand (15,8 % versus 14,6 %; p = 0,844).

Die systematische Literatursuche nach Informationen über die Anwendung unkonventioneller Diagnostik ergab insgesamt 2 456 Treffer, wovon 7 Suchergebnisse Angaben zur Häufigkeit unkonventioneller diagnostischer Methoden enthielten. Diese Studien und ihre wesentlichen Inhalte finden sich in Tabelle 4.

Angaben zur Häufigkeit unkonventioneller oder unkonventionell angewandter Diagnostik in anderen
umweltmedizinischen Einrichtungen
Angaben zur Häufigkeit unkonventioneller oder unkonventionell angewandter Diagnostik in anderen umweltmedizinischen Einrichtungen

Zu unkonventionellen diagnostischen Verfahren liegen darüber hinaus Stellungnahmen maßgeblicher Einrichtungen aus Deutschland und anderen Ländern vor. Dies lässt ebenfalls Rückschlüsse auf den Einsatz dieser Methoden zu (Tabelle 5).

Stellungnahmen/Empfehlungen maßgeblicher Institutionen Deutschlands und anderer Länder mit Aussagen zu unkonventionellen
diagnostischen Verfahren
Stellungnahmen/Empfehlungen maßgeblicher Institutionen Deutschlands und anderer Länder mit Aussagen zu unkonventionellen diagnostischen Verfahren

Im Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung an den Deutschen Bundestag wird darauf hingewiesen, dass sich ein Teil der Patienten wegen des oft fehlenden verlässlichen Wissens im umweltmedizinischen Bereich unkonventionellen Verfahren zuwendet (e17). In Deutschland wurde zur Erarbeitung von umweltmedizinischen Stellungnahmen und Expertisen eine eigene Kommission am Robert Koch-Institut eingerichtet, die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ (13).

In zahlreichen Veröffentlichungen wird die weite Verbreitung unkonventioneller Methoden erwähnt, ohne dass dies quantifiziert wird (zum Beispiel 12, 13, e6, e18–e23). So weist die italienische Forscherin de Luca darauf hin, dass die unkontrollierte Anwendung von Diagnostik und Therapie, die nicht ausreichend validiert und auf ihre Sicherheit und klinische Effizienz überprüft ist, eine stetig wachsende Patientenzahl in vielen Ländern betrifft (e24).

Diskussion

Diagnosemethoden sollten vor der Anwendung beim Patienten bezüglich ihrer Validität, Reproduzierbarkeit, analytischen Empfindlichkeit, Sensitivität, Spezifität et cetera überprüft und evaluiert werden (5).

Die genannten inadäquaten Verfahren konnten im Patientenkollektiv unserer Sprechstunde retrospektiv identifiziert werden. Es ist davon auszugehen, dass nicht alle betroffenen Patienten berichten, dass sie zuvor eine andere Diagnostik in Anspruch genommen haben. Eventuell wurden Verfahren weit jenseits der wissenschaftlichen Medizin weniger häufig in der Anamnese erwähnt als unkonventionell angewendete wissenschaftliche Methoden. Insgesamt dürfte die Zahl der Patienten mit tatsächlich in Anspruch genommener inadäquater Diagnostik höher liegen als hier dargestellt. Da nur ein Teil der Patienten, die von alternativmedizinischen Therapeuten betreut werden, auch die wissenschaftsbasierte Universitätsmedizin konsultieren, ist anzunehmen, dass derartige Verfahren bei Patienten mit umweltassoziierten Erkrankungen wesentlich häufiger durchgeführt werden.

Die systematische Literatursuche zeigte, dass nur wenige Daten zu der Häufigkeit inadäquater Diagnostik und ihren Folgen für die Patienten sowie für das Gesundheits- und Sozialsystem vorliegen. In der umweltmedizinischen Ambulanz des „Hessischen Zentrums für klinische Umweltmedizin“ in Gießen wurde häufiger als in unserer Sprechstunde unkonventionelle Diagnostik dokumentiert. Angesichts der kleinen Fallzahlen sind Prozentzahlen großen Schwankungen unterworfen, dennoch wurden zur besseren Anschaulichkeit sowohl in dieser Studie als auch in den Gießener Veröffentlichungen Angaben in Prozent gemacht. Des Weiteren ist eine unterschiedliche Zusammensetzung des Patientenkollektivs zu berücksichtigen (gemischtes arbeits-, sozial- und umweltmedizinisches Kollektiv unserer Sprechstunde). Bei den vier Erhebungen in der umweltmedizinischen Ambulanz Gießen sind Kollektivüberschneidungen anzunehmen.

Auch wenn bei Patienten mit inadäquater Diagnostik im Vorfeld zum Ausschluss einer Belastung oder nur zur Beruhigung des Patienten häufiger ein Biomonitoring durchgeführt werden musste, fanden sich erheblich weniger Referenzwertüberschreitungen als bei den Patienten, bei denen ein Arzt unserer Poliklinik unabhängig von einem Vorbefund die Indikation zum Biomonitoring stellte. Die Indikation zum Biomonitoring ergab sich hier in der Regel aufgrund einer hinweisenden Expositions- und/oder Beschwerdeanamnese. Nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass die zwischen der Vordiagnostik und der bei uns durchgeführten Diagnostik verstrichene Zeit zu einem Rückgang der Belastung geführt hat und dass deswegen beim Biomonitoring im Rahmen unserer Sprechstunde seltener Referenzwertüberschreitungen und keine Grenzwertüberschreitungen vorkamen. Jedoch bestanden bei den Patienten weiterhin Symptome. Bei Rückgang der Belastung wäre auch eine Symptombesserung zu erwarten gewesen.

Bezüglich des Geschlechterverhältnisses fiel auf, dass sich in der Gesamtgruppe weniger Frauen als Männer befanden. Dagegen zeigten Studienergebnisse von Hornberg et al. (e25), dass in den Patientenkollektiven umweltmedizinischer Ambulanzen/Beratungsstellen überwiegend Frauen vertreten waren. Ermittlungen in der eigenen Poliklinik für die Jahre 1979–1992 ergaben, dass 55 % der Patienten mit umweltmedizinischer Verdachtsdiagnose weiblich waren. Der Anteil arbeits- und sozialmedizinischer Patienten könnte für dieses Ergebnis der aktuellen Untersuchung eine Rolle spielen. In der Gruppe mit inadäquater Diagnostik fanden sich mehr Frauen als Männer. In Deutschland beträgt der Frauenanteil in der Bevölkerung 51 % (e26). Ob sich das Geschlechterverhältnis in vergleichbaren Ambulanzen oder Beratungsstellen inzwischen generell gewandelt hat, ist derzeit nicht zu beantworten.

Es zeigte sich ein etwa doppelt so hoher Anteil Privatversicherter in der Gruppe mit inadäquater Vordiagnostik. Hier sind sozioökonomische Gründe für die Indikationsstellung vorstellbar. Für etliche der oben genannten Diagnoseverfahren und die damit verbundenen Therapien werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen (e27), bei privaten Krankenversicherungen hängt das Erstattungsverhalten von der jeweiligen Vertragsgestaltung ab. Die Folgekosten (weiterführende Diagnostik, nicht erforderliche Therapie) einer nicht adäquaten Diagnostik werden aber in der Regel von der Gemeinschaft aller Versicherten getragen.

Auffallend war ein erheblich höherer Anteil arbeitsunfähiger (10,5 %) und arbeitsloser (15,8 %) Patienten in der Gruppe mit inadäquater Vordiagnostik. Zum Vergleich: die Arbeitslosenquote in Deutschland lag im Januar 2016 bei 6,7 % (e28). Ob die Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise Arbeitslosigkeit Ursache oder Folge der Inanspruchnahme inadäquater Diagnostik ist, müsste noch in Studien geklärt werden.

Limitation

Es handelt sich um eine monozentrische Studie. Inwieweit diese Ergebnisse auf andere umweltmedizinische Ambulanzen übertragbar sind, lässt sich nicht sagen. Eine Voraussetzung für den Besuch der Sprechstunde ist die Überweisung eines Arztes. Ein Selektionseffekt ist insbesondere bei solchen Patienten, die von alternativmedizinischen Therapeuten betreut werden und der wissenschaftlichen Medizin einer Hochschule eher skeptisch gegenüberstehen, zu bedenken. Es handelt sich nicht um eine rein umweltmedizinische, sondern um eine arbeits-, sozial- und umweltmedizinische Sprechstunde. In der Regel wurden im Rahmen der Konsultation sowohl umwelt- als auch arbeits- und sozialmedizinische Aspekte betrachtet. Einige Patienten mit inadäquater Vordiagnostik vermuteten eine Exposition am Arbeitsplatz als Ursache ihrer Beschwerden. Unterschiede zum Kollektiv einer rein umweltmedizinischen Sprechstunde sind nicht auszuschließen.

Schlussfolgerung

Inadäquate diagnostische Verfahren kommen bei einem relevanten Prozentsatz der umweltmedizinischen Patienten zum Einsatz. Sie führen zu Verunsicherung der Patienten und fehlerhaften Diagnosen. Über die sozioökonomischen Folgen kann nur spekuliert werden.

Im Sinne der Quartärprävention müssen sowohl Patienten als auch Therapeuten besser aufgeklärt werden. Für ein adäquates Biomonitoring sind unter anderem Kenntnisse über die Aussagekraft der jeweiligen Analysemethode, das passende Untersuchungsmaterial, die Halbwertszeit des untersuchten Fremdstoffes und die für diese Analyse vorliegenden Referenzwerte und toxikologischen abgeleiteten Beurteilungswerte nötig (9).

Es besteht weiterhin erheblicher Forschungsbedarf zu diagnostischen Verfahren bei umweltmedizinischen Fragestellungen und zu den Auswirkungen inadäquater Diagnostik auf das Gesundheits- und Sozialversicherungssystem. Auf eine fundierte wissenschaftliche Grundausbildung im Rahmen des Medizinstudiums sollte auch in Zukunft Wert gelegt werden. Da die Methoden der Medizin einem raschen Wandel unterliegen, muss dem/der angehenden Arzt/Ärztin die wissenschaftliche Kompetenz vermittelt werden, die erforderlich ist, um die Aussagekraft von neuen Verfahren sicher bewerten zu können.

Die umweltmedizinischen Ambulanzen der Hochschulen beraten Patienten, die eine inadäquate Diagnostik durchlaufen haben oder nach diagnostischen Verfahren bei möglicherweise umweltbedingten Beschwerden suchen. Sie wirken den negativen Folgen einer inadäquater Diagnostik entgegen. Eine gute Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und gegebenenfalls Ärzten weiterer Fachrichtungen ist hierbei wichtig. Universitäre umweltmedizinische Ambulanzen arbeiten in der Regel nicht kostendeckend, dürften aber die Gesamtkosten für die Solidargemeinschaft senken.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 15. 6. 2016, revidierte Fassung angenommen: 30. 8. 2016

Anschrift für die Verfasser

Dr. med. Annette Greiner
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin

Universität Erlangen-Nürnberg

Schillerstraße 29, 91054 Erlangen

annette.greiner@fau.de

Zitierweise
Greiner A, Drexler H: Unnecessary investigations in environmental medicine—a retrospective cohort study. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 773–80.
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0773

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