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Start-ups: Neue Partner im Gesundheitssytem

Dtsch Arztebl 2016; 113(42): A-1860 / B-1566 / C-1554
THEMEN DER ZEIT
Mey, Stefan

Junge Internetunternehmen bringen neue Ideen und eine neue Dynamik in die Gesundheitsbranche. Was machen sie, und wie funktioniert die ganz eigene Welt der E-Health-Startups?

Foto: Fotolia/FColoures-pic
Foto: Fotolia/FColoures-pic

Für 19 Euro im Monat lässt sich ein handelsübliches Smartphone in ein Therapieinstrument für Tinnituspatienten verwandeln. Die App „Tinnitracks“ moduliert Musik auf dem Handy so, dass die Aktivität der für den Tinnitus verantwortlichen Nervenzellen mit der Zeit reduziert wird.

Tinnitracks ist keine Entwicklung eines Medizinlehrstuhls oder eines etablierten Medizinproduktekonzerns. Hinter der App steht ein Hamburger Jungunternehmen, gegründet von einem Toningenieur, einem Kaufmann und einem IT-Experten. Sie sind Teil einer noch wachsenden Szene an E-Health-Start-ups, die kleine und größere Anwendungen für Patienten und Ärzte entwickeln. Der Berliner Unternehmer Ulli Jendrik Koop, Gründer des auf Gesundheitsanwendungen spezialisierten Risikokapitalfonds Digital Health Ventures, schätzt, dass es in Deutschland einige Tausend Start-ups im Bereich Gesundheit gibt. Er unterscheidet zwischen fünf Betätigungsfeldern:

Dabei steigt von Stufe 1 bis Stufe 5 die Interaktion der Jungunternehmen mit dem traditionellen Gesundheitssystem.

Bei Tinnitracks, das zum fünften Typ gehört, sind HNO-Ärzte eng ins Konzept eingebunden. Sie ermitteln die individuelle Tinnitusfrequenz von Patienten, auf deren Basis die App dann die individuelle Musik auf dem Nutzer-Smartphone manipuliert. Patienten sollen diese Musik mindestens ein Jahr lang täglich 90 Minuten hören, was, so das Versprechen der Tinnitracks-Gründer, die Störgeräusche merklich reduziert, um bis zu 50 Prozent. Ärzte überwachen die Therapie.

Tinnitus-App als Kassenleistung

Im Oktober 2015 war den Hamburger Gründern ein erster Coup gelungen: eine Partnerschaft mit der Techniker Krankenkasse. Die übernimmt in der Pilotregion Hamburg seitdem die monatlichen Kosten in Höhe von regulär 19 Euro. Und mittlerweile haben andere Versicherungen nachgezogen, unter anderem der Privatversicherer AXA. Das Start-up ist mit zurzeit zehn Mitarbeitern in Deutschland, Österreich und den Niederlanden aktiv und bemüht sich aktuell um eine Zulassung für den US-amerikanischen Markt. Die medizinische Kompetenz soll ein Expertennetzwerk aus Medizinern, Neurobiologen und Psychologen sicherstellen.

Medlanes lässt sich dem dritten Typ zuzuordnen, der digitalen Organisierung des Arzt-Patienten-Verhältnisses. Das Berliner Start-up vermittelt Hausbesuche von Ärzten und stellt Patienten als Nutzen kürzere Wartezeiten und einen bequemen Rund-um-die-Uhr-Zugang zu ärztlicher Versorgung in Aussicht. Mit diesem Konzept steht man noch am Anfang. Bisher werden erst die Ballungsräume Berlin, München und Hamburg abgedeckt. Dort verfüge man, so heißt es, über ein Netzwerk von 300 Ärzten, das Start-up selbst hat zurzeit 20 Mitarbeiter.

Digital health Ventures ist ein spezialisierter Investmentfonds, der in medizinische Gründungen investiert.
Digital health Ventures ist ein spezialisierter Investmentfonds, der in medizinische Gründungen investiert.

Auf der Webseite von Medlanes können Nutzer Fragen stellen, die dann von Ärzten als Basisinformation beantwortet werden. Medlanes verfolgt dabei ein zweistufiges Modell, meint Geschäftsführer Dr. med. Emil Kendziorra: „Wir bieten einen qualifizierten Erstkontakt zur Medizin vor allem als Gegenkonzept zu unverständlichen medizinischen Information auf Google und Wikipedia. Wenn Online-Informationen nicht ausreichen und eine Diagnose oder Behandlung nötig ist, vermittelt Medlanes einen Arzt der zum Patienten nach Hause kommt.“ Kendziorra ist selbst Arzt, sein Mitgründer ist Informatiker. Solche multidiszplinären Teams, oft kommt noch ein BWLer hinzu, finden sich bei vielen E-Health-Startups. Allerdings gehören Ärzte nicht immer zum Gründungspersonal. Mitunter wird die Fachexpertise auch später ins Boot geholt, in Form von Mitarbeitern mit Arzthintergrund oder eines Fachbeirats.

Tinnitracks und Medlanes haben externes Kapital im einstelligen Millionenbereich von verschiedenen Investoren eingesammelt. Wie die meisten Start-ups finanzieren die beiden Jungunternehmen ihr Wachstum mithilfe externer Geldgeber. Die gehen mit ihren „Investments“ stets eine ungewisse Wette ein. Auf Basis eines Businessplans wird eine fiktive Unternehmensbewertung ermittelt, und Investoren kaufen sich in unterschiedlichen Finanzierungsrunden in das wachsende Unternehmen ein. Die Hoffnung ist, dass sich der Wert des Unternehmens nach einigen Jahren verzehn- oder gar verhundertfacht.

Investoren buhlen um Start-ups

Um die E-Health-Start-ups herum hat sich in Deutschland ein wachsendes kommerzielles Ökosystem entwickelt. Zum einen haben etablierte Akteure der Gesundheitsbranche Programme für Start-ups aufgebaut, von denen sie sich einen frühen Zugang zu neuen Konzepten versprechen. Grants4Apps etwa ist ein Programm des Pharmakonzerns Bayer, bei dem fünf Start-ups aus unterschiedlichen Ländern 50 000 Euro Kapital, Büroplätze für 100 Tage und Beratung durch Mentoren aus dem Konzern erhalten. In der aktuellen Runde ist unter anderem die Online-Plattform Viomedo, die interessierte Patienten und klinische Tests matchen will.

DocCheck Guano unterstützt Startups mit Kapital und Knowhow.
DocCheck Guano unterstützt Startups mit Kapital und Knowhow.

Auch Merck hat ein Programm für Start-ups. Und auch etablierte Unternehmen aus dem Bereich Gesundheits-IT versuchen, Gründer an sich zu binden. Die DocCheck AG, die mit einem Identifizierungsdienst für Ärzte und Pharmazeuten groß geworden ist, beteiligt sich über die Tochter DocCheck Guano an Start-ups, stellt Kapital und Know-how zur Verfügung sowie Zugang zu Ärzten. Zum Portfolio gehört unter anderem das Arzt-Empfehlungs-Portal BetterDoc. Aus dem Umfeld der Koblenzer CompuGroup, die Software für Ärzte, Apotheken und Krankenhäuser entwickelt, entstammt ein anderer wichtiger Akteur, der Fond XLHealth. Einer der Investments ist die Wiener App MySugr, die Diabetespatienten anhält, ärztliche Empfehlungen einzuhalten und so auf spielerische Art durch Therapie-Compliance das „Diabetes-Monster“ in Schach zu halten.

Medlanes will mit der Vermittlung von
Hausbesuchen verdienen.
Medlanes will mit der Vermittlung von Hausbesuchen verdienen.

Zudem gibt es eine kleine Szene an Unternehmen, die früh in Startups investieren und sie mit mitunter auch mit aufbauen. Das Ziel ist in der Regel, nach einigen Jahren forcierten Wachstums, die Anteile in einem „Exit“ mit möglichst hohen Wertsteigerungen zu verkaufen. Das Unternehmen Flying Health in München gründet und begleitet seit 2013 als „Start-up-Manufaktur“ selbst junge Gesundheitsunternehmen in Serie. Geschäftsführender Gesellschafter und Mitgründer ist der Arzt und Gesundheitsmanager Markus Müschenich, der auch im Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin sitzt. Schon seit 2008 investiert die Berliner Fond-Gesellschaft Peppermint VenturePartners in medizinische Gründungen. Und der Berliner Unternehmer Ulli Jendrik Koop, der vorher beim Compu-Group nahen Fond XLHealth war, baut zurzeit mit Digital Health Ventures in Berlin selbst einen spezialisierten Investmentfond auf.

Auch Pharmakonzerne wie Merck investieren in Startups. Merck hat ein Innovationscenter in Darmstadt.
Auch Pharmakonzerne wie Merck investieren in Startups. Merck hat ein Innovationscenter in Darmstadt.

Regulierung als Herausforderung

Mit der Logik des extern finanzierten Wachstums und der Orientierung auf einen „Exit“ ähneln die jungen E-Health-Unternehmen Startups in anderen Branchen, es gibt aber doch entscheidende Unterschiede. Medizin und Gesundheit gehören zu den am stärksten regulierten Gesellschaftsbereichen. Viele Geschäftsmodelle sind deswegen nicht einfach so möglich. Die Gründer von Medlanes beispielsweise waren ursprünglich mit einem deutlich radikaleren Modell gestartet. Das sah vor, dass die vermittelte Arzt-Patienten-Interaktion ausschließlich über Online-Kommunikation abläuft und digital medizinische Gutachten angefordert werden können. Das Konzept scheiterte allerdings an der Ständeordnung, die eine reine Telemedizin ohne jeglichen physischen Kontakt nicht gestattet.

 Das Team hinter Tinnitracks
(unten). Foto: Tinnitracks
Das Team hinter Tinnitracks (unten). Foto: Tinnitracks

Neben der ärztlichen Berufsordnung gibt als Regelungsrahmen unter anderem das Medizinproduktegesetz und seit Anfang 2016 ein eigenes E-Health-Gesetz, das Mindeststandards für sichere, digitale Gesundheitstechnologien definiert. Start-up-Gründer aller Branchen klagen gern über zu viel Regulierung als Innovationshemmnis. Ulli Jendrik Koop vom Risikokapital-Fonds Digital Health Ventures reagiert allerdings deutlich gelassener: „Für Start-ups sind die Regulierungen im Gesundheitssystem zusätzliche Herausforderungen, aber, das Gesundheitssystem ist ein sensibler Markt und daher sind Regulierungen immer auch ein Schutz der Patienten und Anwender und damit unerlässlich.“ Gerade im Gesundheitswesen erwarten Anwender und Patienten höchste Standards an Qualität und Sicherheit, meint Koop. Bestehende Regulierungen bieten dabei nicht nur zusätzliche Sicherheit, sondern für Start-ups auch die Chance, mithilfe von erworbenen Zertifizierungen und Qualitätssiegeln das Vertrauen von Patienten und Anwendern zu verdienen. Im europäischen Vergleich scheine es in Deutschland an der ein oder anderen Stelle jedoch noch ungenutzte Potenziale zu geben: „In anderen Ländern sind zum Beispiel die Kooperationsformen zwischen Gesundheitssystem und Kostenträgern auf der einen Seite und Digital-Health-Start-ups auf der anderen Seite zum Teil schon stärker ausgeprägt. Gerade in Bereichen wie Telemedizin nimmt die Diskussion aber gerade auch in Deutschland Fahrt auf.“

Mit Tinnitracks gegen den Tinnitus: Über mindestens
zwölf Monate muss die Therapie 90 Minuten täglich durchgeführt werden. Foto: Tinnitracks
Mit Tinnitracks gegen den Tinnitus: Über mindestens zwölf Monate muss die Therapie 90 Minuten täglich durchgeführt werden. Foto: Tinnitracks

Während Tinnitracks aufgrund der überschaubaren monatlichen Gebühren nicht zwingend auf eine Kostenerstattung angewiesen ist, ist das bei Medlanes ein sehr viel drängenderes Thema. Einige private Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für die Hausbesuche. Gesetzlich versicherte Patienten hingegen müssen als Selbstzahler die Behandlungen auf Grundlage der Gebührenordnung für Ärzte selbst zahlen. Dieses Angewiesensein auf eine Kostenübernahme mache das Überzeugen von Investoren deutlich schwerer, erzählt Tinnitracks-Gründer Jörg Land: „Im Bereich digitale Gesundheitswirtschaft fragt ein Investor dann: ,Woher weiß ich, ob und wann ihr eine Kostenerstattung bekommt, wenn es doch so wenige Beispiele gibt.ʻ“

Die Kassen, die sich anfangs mit den neuen Akteuren im Gesundheitssystem sehr schwergetan haben, öffnen sich langsam jedoch, meint Jörg Land. Insgesamt ist sein Eindruck, dass hierzulande zwar noch nicht unbedingt von einem Boom im Bereich E-Health-Startups gesprochen werden könne, dass aber doch sehr viel passiere. Nur geschehe das eben etwas langsamer als in anderen Branchen, das Thema digitale Gesundheitswirtschaft sei nun mal eine Herausforderung für alle, Ärzte, Versicherungen, Gesetzgeber und die ärztliche Selbstregulierung. „Ganz neue Technologien und Ideen dringen in eine Branche ein, die nicht unbedingt auf so viel Dynamik vorbereitet war.“

Stefan Mey