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Yoga bei Frauen mit zentraler Adipositas

Dtsch Arztebl Int 2016; 113(39): 645-52; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0645
MEDIZIN: Originalarbeit
Cramer, Holger; Thoms, Meral Sushila; Anheyer, Dennis; Lauche, Romy; Dobos, Gustav
Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken Essen-Mitte, Medizinische Fakultät,
Universität Duisburg-Essen, Essen: PD Dr. rer. medic. Cramer, Frau Thoms, Herr Anheyer, Dr. rer. medic. Lauche, Prof. Dr. med. Dobos
Australian Research Centre in Complementary and Integrative Medicine (ARCCIM), University of Technology Sydney, Australien: PD Dr. rer. medic. Cramer, Dr. rer. medic. Lauche

Hintergrund: Zentrale Adipositas zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Morbidität und Mortalität. Ziel dieser Studie war es, die Wirkung von Yoga auf den Bauchumfang und weitere anthropometrische sowie selbstbeurteilte Parameter bei Frauen mit zentraler Adipositas zu untersuchen.

Methode: 60 Frauen mit zentraler Adipositas (Bauchumfang ≥ 88 cm; Body-mass-Index [BMI] ≥ 25) wurden 2:1 in eine 12-wöchige Yoga-Intervention (n = 40) oder eine Warteliste (n = 20) randomisiert. Hauptzielparameter war die Bestimmung des Bauchumfangs. Sekundäre, explorativ ausgewertete Zielparameter umfassten Taille-Hüft-Verhältnis, Körpergewicht, Body-mass-Index (BMI), Körperfettanteil, Körpermuskelmassenanteil, Blutdruck, gesundheitsbezogene Lebensqualität, Selbstwertgefühl, subjektives Stressempfinden, Körperbewusstsein und körperliche Änderungssensibilität sowie Sicherheit der Intervention. Die Datenerheber waren gegenüber der Gruppenzuordnung verblindet.

Ergebnisse: Im Mittel nahmen die Teilnehmerinnen der Yoga-Gruppe an 30,2±9,2 von maximal 42 Stunden supervidierter Yoga-Praxis teil. Sie reduzierten ihren Bauchumfang signifikant im Vergleich zu den Teilnehmerinnen der Warteliste mit einem Gruppenunterschied von –3,8 cm (95-%-Konfidenzintervall: [−6,1; –1,5]; p = 0,001). Weitere moderate Gruppenunterschiede fanden sich für Taille-Hüft-Verhältnis, Körpergewicht, BMI, Körperfettanteil, Körpermuskelmassenanteil, psychisches und körperliches Wohlbefinden, Selbstwertgefühl, subjektives Stressempfinden, Körperbewusstsein sowie körperliche Verbundenheit und Körpervertrauen (alle p < 0,05). Es traten keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse auf. Keine Teilnehmerin begann während der Studie mit einer kalorienreduzierten Diät.

Schlussfolgerung: Die 12-wöchige Yoga-Intervention zeigte positive, wenn auch moderate Effekte auf anthropometrische Maße und selbstbeurteilte Parameter bei Frauen mit zentraler Adipositas. Da Yoga in dieser Population eine sichere Intervention darstellte, kann das Verfahren zur Reduktion zentraler Adipositas bei Frauen empfohlen werden.

Weltweit ist eine steigende Adipositas-Prävalenz zu verzeichnen, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dabei liegt die Punkt-Prävalenz bei Frauen (15 %) höher als bei Männern (11 %), entsprechend einem relativen Risiko von 1,4 (1). Insbesondere die zentrale Adipositas, eine ungünstige bauchbetonte und nicht nur auf übergewichtige Personen beschränkte Fettverteilung, hat sich als bedeutsamer Risikofaktor für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen erwiesen (2, 3). Da – neben inadäquaten Ernährungsgewohnheiten – vor allem ein sitzender Lebensstil die Hauptursache für Adipositas darstellt (4), wird regelmäßige körperliche Aktivität in den medizinischen Leitlinien als die wichtigste Behandlungsoption bei nichtmorbider Adipositas empfohlen (5). Weil jedoch ein beträchtlicher Anteil adipöser Personen diese Empfehlungen nicht einhält (6), erscheint die Untersuchung alternativer Bewegungsformen zur Gewichtsreduktion gerechtfertigt.

Eine solche alternative Bewegungsform, die in zunehmendem Maße zur Gesund­heits­förder­ung angewandt wird, ist Yoga (7, 8). In Nordamerika und Europa umfasst Yoga hauptsächlich Körperhaltungen (Asanas), Atemübungen (Pranayama) und Meditation (Dhyana) (7, 9). Yoga gewinnt auch zunehmend an Beliebtheit als therapeutische Maßnahme. So berichteten etwa 80 % der amerikanischen Yoga-Praktizierenden (mehr als 16 Millionen Menschen), sie hätten mit dem ausdrücklichen Ziel, ihren Gesundheitszustand zu verbessern, mit der Praxis begonnen (10, 11). Eine erhoffte Gewichtsreduktion war dabei einer der wichtigsten Gründe, mit Yoga zu beginnen (12).

Obwohl zur Wirksamkeit des Yoga auf die Gewichtskontrolle und die Verbesserung der Körperzusammensetzung erste Evidenz aus Umfragen (13) und klinischen Studien (14) vorliegt, wurden die Wirkungen von Yoga auf zentrale Adipositas bisher nicht untersucht. Ziel dieser Studie war daher die Untersuchung der Wirkung von Yoga auf den Bauchumfang und weitere anthropometrische Maße bei Frauen mit zentraler Adipositas.

Methode

Studiendesign

Die Studie wurde als monozentrische einfachblinde randomisierte kontrollierte Studie (RCT) konzipiert. Vor Beginn der Patientenrekrutierung wurde ein Votum der Ethik-Kommission der Universität Duisburg-Essen eingeholt (Zulassungsnummer: 15–6194-BO) und die Studie bei ClinicalTrials.gov registriert (Registrierungsnummer: NCT02420145). Die Studie wurde in Übereinstimmung mit dem CONSORT 2010 Statement durchgeführt und berichtet (15).

Studienteilnehmerinnen

Die Rekrutierung der teilnehmenden Frauen erfolgte über Aufrufe in der lokalen Presse und über E-Mail-Listen lokaler Unternehmen. Interessierte Frauen wurden telefonisch von einem Studienassistenten befragt und nach einer ersten Vorauswahl zu einer ärztlichen Untersuchung einbestellt. Diese umfasste eine körperliche sowie eine Krankheits- und Medikamentenanamnese. Geeignete Teilnehmerinnen (Kasten) wurden ausführlich schriftlich und mündlich über die Studie informiert, und es wurde von ihnen eine schriftliche Einwilligungserklärung eingeholt.

Ein- und Ausschlusskriterien
Ein- und Ausschlusskriterien

Randomisierung

Die Studienteilnehmerinnen wurden mittels Block-Randomisierung mit zufällig variierender Blocklänge im Verhältnis 2:1 einer Yoga- und einer Wartegruppe zugewiesen. Die Randomisierungsliste wurde durch einen nicht an der Patientenrekrutierung oder Datenerhebung beteiligten Biometriker mittels Random Allocation Software erstellt (16) und durch ein Passwort gesichert, so dass nur der Biometriker auf diese Liste zugreifen konnte. Nach Erhalt der schriftlichen Einwilligungserklärung und Abschluss der ersten Datenerhebung wurden die Studienteilnehmerinnen zentral durch den Biometriker randomisiert.

Interventionen

Yoga: Die Yoga-Intervention umfasste einen initialen ganztägigen Workshop, gefolgt von zwei wöchentlichen 90-minütigen Einheiten in traditionellem Hatha Yoga über einen Zeitraum von 12 Wochen. Die Yoga-Einheiten basierten auf dem integralen Yoga nach Swami Sivananda und einer Adaptation der Yoga Vidya Grundreihe (17). Weitere Details zum Yoga-Programm finden sich in eKasten 1 und 2.

Ergänzungen zu den Methoden und Ergebnissen
Ergänzungen zu den Methoden und Ergebnissen

Warteliste: Die der Kontrollgruppe zugewiesenen Frauen wurden auf einer Warteliste geführt und nahmen während der ersten 12 Studienwochen an keiner Studienintervention teil. Sie wurden gebeten, während dieser Zeit kein Yoga zu praktizieren und ihre Bewegungsgewohnheiten nicht zu verändern. Nach Ende der zwölften Studienwoche wurde den Teilnehmerinnen freigestellt, an einem Yoga-Programm entsprechend der Prüfgruppe teilzunehmen. Dies diente der Motivation der Teilnehmerinnen. Es wurden keine weiteren Daten erhoben.

Zielparameter

Die Datenerhebung erfolgte durch Personen, die bezüglich der Gruppenzuordnung verblindet und nicht in die Patientenrekrutierung, Randomisierung oder Intervention involviert waren. Die Teilnehmerinnen wurden explizit aufgefordert, ihre Gruppenzuordnung gegenüber diesen Personen nicht zu erwähnen und beide Parteien waren aufgerufen, die Kommunikation auf die Erhebung der anthropometrischen Maße und der Fragebogendaten zu beschränken.

Als Hauptzielparameter wurde der Bauchumfang zu Woche 12 definiert. A priori definierte sekundäre fremdbeurteilte Zielparameter umfassten Taille-Hüft-Verhältnis, Körpergewicht, Body-mass-Index (BMI), bioelektrische Impedanzanalyse und Blutdruck (eKasten 1). A priori definierte sekundäre selbstbeurteilte Zielparameter beinhalteten

Alle innerhalb der Studiendauer auftretenden unerwünschten Ereignisse wurden aufgezeichnet (eKasten 1).

Kernelemente des Yoga-Programms
Kernelemente des Yoga-Programms

Stichprobenkalkulation und statistische Auswertung

Die Berechnung der benötigten Stichprobengröße erfolgte a priori basierend auf einer südkoreanischen Studie, die Yoga gegenüber „keine Intervention“ bei postmenopausalen adipösen Frauen verglich (23). Auf Grundlage dieser Studie wurde nach der Yoga-Intervention ein Gruppenunterschied von d = 1,02 im Bauchumfang erwartet. Legt man diesen Effekt zugrunde, benötigt ein t-Test mit einem zweiseitigen Signifikanzniveau von α = 0,05 insgesamt 48 Teilnehmer, um einen Gruppenunterschied mit einer 90-prozentigen Power zu erhalten, wenn ein 2:1-Zuordnungsverhältnis verwendet wird. Um einen eventuellen Verlust an Power durch eine Abbruchrate von bis zu 20 % der Studienteilnehmerinnen zu vermeiden, wurde geplant, 60 Probanden in die Studie aufzunehmen und dabei 40 Teilnehmer der Yoga-Gruppe und 20 Teilnehmer der Wartegruppe zuzuweisen.

Die Auswertung der Zielkriterien erfolgte auf der Basis des „intention-to-treat“-Prinzips. Dabei wurden alle randomisierten Teilnehmerinnen in die Analyse eingeschlossen, unabhängig davon, ob ein vollständiger Datensatz vorlag und ob die Studie protokollgerecht durchgeführt wurde. Fehlende Werte wurden mittels Markov-Chain-Monte-Carlo-Verfahren multipel imputiert (24, 25). Daraus ergaben sich insgesamt 50 vollständige Datensätze. Zusätzlich wurden für den Hauptzielparameter Sensitivitätsanalysen durchgeführt, indem zum einen nur Teilnehmerinnen mit vollständigen Datensätzen und zum anderen nur die „per protocol“-Population eingeschlossen wurde, also Teilnehmerinnen mit vollständigem Datensatz, die an mindestens 18 Yoga-Einheiten und dem initialen Workshop teilnahmen.

Eventuelle Baseline-Unterschiede in soziodemografischen oder anthropometrischen Parametern wurden mittels Student t-Tests für kontinuierliche Daten und Chi-Quadrat-Test für kategoriale Daten analysiert.

Der Bauchumfang zu Woche 12 wurde als primärer Zielparameter definiert und mit Hilfe einer univariaten Kovarianzanalyse (ANCOVA) ausgewertet, in der der Zielparameter als Funktion der Gruppenzugehörigkeit (zwei Klassen) und des jeweiligen Baseline-Werts (lineare Kovariate) modelliert wurde, um eine Gesamt-Effektschätzung, das 95-%-Konfidenzintervall und den p-Wert zu erhalten. Alle anderen Parameter wurden als sekundäre Zielparameter definiert und wurden explorativ mittels analoger ANCOVA-Modelle analysiert.

Als Maß für die klinische Relevanz der Ergebnisse wurde die Anzahl der Teilnehmerinnen in den beiden Gruppen verglichen, die in Woche 12 eine klinisch relevante Reduktion des Bauchumfangs von mindestens 5 % erreichten (26). Ferner wurde die „number needed to treat“ (NNT) berechnet. Um die Sicherheit der Intervention zu erfassen, wurde mittels Chi-Quadrat-Test die Anzahl der Teilnehmer in den beiden Gruppen verglichen, bei denen innerhalb der Studiendauer unerwünschte Ereignisse auftraten. Alle Analysen erfolgten mittels Statistical Package for Social Sciences-Software (IBM SPSS Statistics for Windows, Version 22.0, Armonk, NY, USA: IBM Group).

Ergebnisse

Teilnehmerinnen

Insgesamt wurden 123 Frauen telefonisch befragt von denen 60 aufgrund mangelnden Interesses oder Nichterfüllen der Einschlusskriterien ausgeschlossen wurden (Grafik). 63 Frauen wurden durch einen Studienarzt auf Eignung untersucht, 3 davon wurden nicht in die Studie aufgenommen. 60 Frauen erfüllten alle Einschlusskriterien und wurden nach erfolgter informierter Einwilligung in die Studie eingeschlossen und in die Yoga-Gruppe (n = 40) oder in die Wartegruppe (n = 20) randomisiert. 3 Teilnehmerinnen in der Yoga-Gruppe (7,5 %) und 1 Teilnehmerin in der Wartegruppe (5 %) schlossen die zweite Datenerhebung in Woche 12 (Grafik) nicht ab.

Flussdiagramm zur Studienteilnahme
Flussdiagramm zur Studienteilnahme

Soziodemografische und anthropometrische Charakteristika der Probandinnen sind in Tabelle 1 dargestellt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen betrug 47,8±8,2 Jahre, die Mehrheit war verheiratet oder lebte in einer festen Partnerschaft, verfügte über das (Fach-)Abitur und war berufstätig. Einige Teilnehmerinnen hatten bereits Vorerfahrungen mit Yoga.

Soziodemografische und anthropometrische Charakteristika zu Studienbeginn
Soziodemografische und anthropometrische Charakteristika zu Studienbeginn

Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich soziodemografischer Daten. Der mittlere Bauchumfang betrug 104,3±10,3 cm, der mittlere BMI lag bei 34,2±5,4. Zum Studienstart fanden sich bei den Teilnehmerinnen der Wartegruppe höhere Werte in Bezug auf Körpergröße, Hüftumfang, BMI und Körperfettanteil im Vergleich zu den Teilnehmerinnen der Yoga-Gruppe (Tabelle 1).

Alle Teilnehmerinnen der Yoga-Gruppe nahmen am initialen ganztägigen Workshop teil, die Interventionsadhärenz nahm im Verlauf der Studie ab (eGrafik 1). Insgesamt absolvierten die Teilnehmerinnen in der Yoga-Gruppe im Mittel 16,1±6,1 von maximal 24 Yoga-Einheiten (67,1 %). Das entspricht einem Gesamtmittelwert von 30,2± 9,2 bei maximal 42 Stunden supervidierter Yoga-Praxis (Workshop plus wöchentliche Yoga-Einheiten) (71,9 %). Daneben übten sie im Mittel 38,7±16,1 Minuten pro Woche zu Hause (eGrafik 2).

Interventionsadhärenz: a) Anzahl der Teilnehmerinnen des initialen Workshops und der einzelnen Yoga-Sitzungen; b) Anzahl der Teilnehmerinnen,
die eine bestimmte Anzahl an Yoga-Einheiten wahrgenommen haben
Interventionsadhärenz: a) Anzahl der Teilnehmerinnen des initialen Workshops und der einzelnen Yoga-Sitzungen; b) Anzahl der Teilnehmerinnen, die eine bestimmte Anzahl an Yoga-Einheiten wahrgenommen haben
Interventionsadhärenz: Übungszeit zu Hause in Minuten pro Studienwoche, aufgeschlu&#776;sselt nach Yoga-Haltungen und Meditation
Interventionsadhärenz: Übungszeit zu Hause in Minuten pro Studienwoche, aufgeschlüsselt nach Yoga-Haltungen und Meditation

Keine Teilnehmerin begann während des Studienzeitraums mit einer kalorienreduzierten Diät.

Fremdbeurteilungsmaße

Bezüglich des primären Zielparameters fand sich in Woche 12 in der Yoga-Gruppe ein signifikant geringerer Bauchumfang im Vergleich zur Wartegruppe (p = 0,001; Tabelle 2).

Effekte (Mittelwert ± Standardabweichung) in der Yoga- und der Kontrollgruppe auf Fremdbeurteilungsmaße
Effekte (Mittelwert ± Standardabweichung) in der Yoga- und der Kontrollgruppe auf Fremdbeurteilungsmaße

In den Sensitivitätsanalysen zeigten sich vergleichbare Ergebnisse bei den Probandinnen mit vollständigem Datensatz (Gruppenunterschied –3,7 cm; 95-%-Konfidenzintervall: [–6,2; −1,2]; p = 0,004) und in der „per protocol“-Population (Gruppenunterschied –4,8cm; [–7,5; –2,0]; p = 0,001).

13 Teilnehmerinnen der Yoga-Gruppe (32,5 %) erzielten eine klinisch bedeutsame Verringerung des Bauchumfangs von mindestens 5 % im Vergleich zu 2 Teilnehmerinnen in der Wartegruppe (10,0 %). Das entspricht einer NNT von 4,3 [ 2,4; 33,3]).

Weitere Gruppenunterschiede ergaben sich beim Taille-Hüft-Verhältnis (p = 0,034), beim Körpergewicht (p = 0,003), beim BMI (p = 0,008), beim Körperfettanteil (p = 0,007) und beim Körpermuskelmassenanteil (p = 0,010; Tabelle 1). Für den systolischen (p = 0,446) und den diastolischen Blutdruck (p = 0,709) wurden keine Gruppenunterschiede beobachtet.

Selbstbeurteilungsmaße

Im Hinblick auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität waren in Woche 12 Gruppenunterschiede zugunsten der Yoga-Gruppe zu verzeichnen auf der körperlichen (p = 0,018) und psychischen Summenskala (p = 0,009) sowie allen Subskalen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität auf (p < 0,05), mit Ausnahme der Subskala zur emotionalen Rollenfunktion (Tabelle 3). Weitere Gruppenunterschiede fanden sich in Bezug auf das Selbstwertgefühl (p < 0,002), das subjektive Stressempfinden (p = 0,016), das Körperbewusstsein (p = 0,001) und die Subskala „körperliche Verbundenheit und Körpervertrauen“ (Subskala der Body Responsiveness Scale) (p < 0,001; Tabelle 3).

Effekte (Mittelwert ± Standardabweichung) in der Yoga- und der Kontrollgruppe auf Selbstbe
Effekte (Mittelwert ± Standardabweichung) in der Yoga- und der Kontrollgruppe auf Selbstbe

Sicherheit: Es traten keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse auf. Bei 13 Frauen (32,5 %) in der Yogagruppe gab es insgesamt 16 geringfügige unerwünschte Ereignisse; bei 5 Frauen in der Wartegruppe (25,0 %) traten insgesamt 6 geringfügige unerwünschte Ereignisse auf (p = 0,550; eKasten 1).

Diskussion

Die Teilnahme an einer intensiven 12-wöchigen Yoga-Intervention führte in der vorliegenden randomisierten Studie bei Frauen mit zentraler Adipositas zu einer positiven – wenn auch nicht sehr ausgeprägten – Veränderung anthropometrischer Maße, der Lebensqualität und mentalen Gesundheit bei einer gleichzeitig geringen Anzahl unerwünschter Ereignisse.

Bisher haben nur wenige randomisierte Studien explizit die Wirkung von Yoga auf anthropometrische Maße bei übergewichtigen oder adipösen Personen fokussiert. Basierend auf den wenigen verfügbaren Arbeiten konnten aktuelle Metaanalysen die Effektivität von Yoga auf anthropometrische Maße bei übergewichtigen oder adipösen Personen wie auch bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 oder anderen kardiovaskulären Risikokonstellationen aufzeigen (14, 27). Dennoch hat nach unserem Wissen bisher keine Studie die Wirkung von Yoga auf den Bauchumfang bei ansonsten gesunden Frauen mit zentraler Adipositas untersucht. Da die zentrale Adipositas ein deutlich stärkerer Prädiktor für das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen ist als das Körpergewicht oder der BMI (2, 3), schließt die vorliegende Studie eine wichtige Lücke in der Bewertung der Effektivität von Yoga auf das kardiovaskuläre Risiko.

Die vorhandenen Publikationen lassen vermuten, dass sich die Wirkung von Yoga auf anthropometrische Maße durch eine erhöhte Frequenz, eine längere Dauer und die Verwendung komplexer Yoga-Interventionen mit multiplen Komponenten in Kombination mit Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en (insbesondere vegetarische Diät mit oder ohne Kalorienreduktion) und Hausaufgaben steigern lässt (28). Dementsprechend wurden diese Faktoren bei der Entwicklung der Intervention in der vorliegenden Studie berücksichtigt.

Während Yoga-Einheiten für Anfänger mit nur wenig intensiver körperlicher Aktivität verbunden sind und damit nicht den Empfehlungen für ein adäquates Herz-Kreislauf-Training entsprechen (29), können intensivere Yoga-Formen einen höheren Energieverbrauch bewirken (29, 30) und dadurch zur Gewichtsreduktion und -kontrolle beitragen (13). Dennoch erscheint es unwahrscheinlich, dass die gefundenen anthropometrischen Wirkungen der Intervention ausschließlich auf die gesteigerte körperliche Aktivität zurückzuführen sind: Die in der Yoga-Gruppe erzielte Reduktion des Körperfettanteils entspricht etwa einer Reduktion um 1,3 kg reines Fett oder 12 000 kcal. Der durchschnittliche Energieverbrauch beim Yoga (inklusive Yoga-Haltungen, Atemübungen und Meditation) beträgt zwischen 2,2 und 3,2 kcal pro Minute (29, 31), bei übergewichtigen Teilnehmern ist von höheren Werten auszugehen (32). Demnach würde bei konservativer Schätzung die gefundene Wirkung eine Yoga-Übungszeit zwischen 63 und 92 Stunden erfordern; tatsächlich wurde im Mittel jedoch nur knapp 38 Stunden geübt. Allerdings greift eine Interpretation der gefunden Wirkungen, die nur auf körperlicher Aktivität basiert und keine weiteren möglichen Wirkmechanismen berücksichtigt, zu kurz: Die Yoga-Praxis kann Rücken- und Gelenkschmerzen reduzieren (33, 34) und das Ausmaß sonstiger (nicht mit Yoga einhergehender) körperlicher Aktivität steigern (35).

Neben körperlicher Aktivität umfasste die Yoga-Intervention in der vorliegenden Studie auch eine auf Yoga basierende Ernährungsberatung sowie psychologisch ausgerichtete Elemente wie Entspannungstechniken, Meditation, Atemübungen und Anleitungen zum positiven Denken. Es konnte gezeigt werden, dass Yoga effektiv chronische Depressionen, Stress und andere psychische Störungen lindert (3638). Dadurch könnte wiederum Essen zur Kompensation negativer Emotionen (emotionales Essen) und daraus resultierendes Übergewicht reduziert werden (39). Demnach könnten die Wirkmechanismen der hier vorgestellten Yoga-Intervention die Reduktion sowohl körperlicher (inadäquate körperliche Aktivität und Ernährung) als auch emotionaler aufrechterhaltender Faktoren (emotionales Essen) der Adipositas umfassen. Möglicherweise ist die vergleichsweise gute Wirksamkeit der hier untersuchten Intervention auf diese Kombination verschiedener Komponenten zurückzuführen.

Limitationen

Die Studie weist einige Schwächen auf. So bot die Wartegruppe keine Kontrolle für aufmerksamkeitsbedingte unspezifische Effekte oder Regression zur Mitte: Während bei den Teilnehmerinnen der Interventionsgruppe positive Wirkungen aufgrund von Erwartungseffekten aufgetreten sein könnten, erlebten Teilnehmerinnen der Kontrollgruppe möglicherweise eher negative Wirkungen durch die Enttäuschung über die Gruppenzuordnung. Auch ist eine selbstständige Teilnahme an einem Yoga-Kurs außerhalb der Studie durch grundsätzlich motivierte Teilnehmerinnen, die einer Warte-Kontrollgruppe zugeordnet wurden, nicht völlig auszuschließen, was wiederum die Studienergebnisse verzerren könnte. Die Teilnehmerinnen konnten nicht bezüglich der zugewiesenen Intervention verblindet werden. Auch wurde in der Studie ein relativ intensives Yoga-Programm angewandt, so dass die Ergebnisse dieser Studie nicht ohne Weiteres auf andere, weniger intensive Yoga-Programme übertragen werden können. Die Interventionsadhärenz nahm im Verlauf der Studie ab. Trotz Randomisierung traten zu Studienbeginn – per Definition zufällige – Gruppenunterschiede in anthropometrischen Maßen auf, deren Einfluss durch die Verwendung von Kovarianzanalysen jedoch minimiert wird (40).

Implikationen für die klinische Praxis

Künftige Studien sollten die Wirksamkeit von Yoga im Vergleich zu anderen Sport- und Ernährungsprogrammen sowie die längerfristigen Effekte der Intervention untersuchen. Auch wäre eine Prüfung der Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen, insbesondere Männer, wünschenswert. Ferner sollte die Dosis-Wirkungs-Beziehung untersucht werden, vor allem in Anbetracht der gegen Interventionsende relativ geringen Adhärenz in dieser Studie.

Resümee

Eine intensive 12-wöchige Yoga-Intervention reduzierte bei Frauen mit zentraler Adipositas im Vergleich zu keiner Intervention den Bauchumfang, das Taille-Hüft-Verhältnis, das Körpergewicht, den BMI und den Körperfettanteil und erhöhte den Anteil an Körpermuskelmasse. Yoga steigerte das geistige und körperliche Wohlbefinden, das Selbstwertgefühl und das Körperbewusstsein und verringerte das subjektive Stressempfinden. Da die Intervention in dieser Population eine sichere und wirksame Intervention darstellt, kann Yoga Frauen demnach empfohlen werden, um eine zentrale Adipositas zu reduzieren.

Danksagung
Wir danken dem Berufsverband der Yoga Vidya Lehrer/-innen (BYV), insbesondere Vera Bohle und Vicara Shakti Müller, für ihre Hilfe bei der Entwicklung der Yoga-Intervention sowie Sonja Omlor für ihre Unterstützung bei der Patientenrekrutrierung und Datenerhebung.

Interessenskonflikt
Für Frau Thombs wurden Reisekosten erstattet von Yoga Vidya e.V.
Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 14. 3. 2016, revidierte Fassung angenommen: 16. 6. 2016

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. rer. medic. Holger Cramer
Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken Essen-Mitte
Am Deimelsberg 34a
45276 Essen
h.cramer@kliniken-essen-mitte.de

Zitierweise
Cramer H, Thoms MS, Anheyer D, Lauche R, Dobos G: Yoga in women
with abdominal obesity—a randomized controlled trial. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 645–52. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0645

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