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Studienplatzvergabe Medizin: Geprägt von Mangel und Frust

Dtsch Arztebl 2016; 113(38): A-1635 / B-1380 / C-1356
THEMEN DER ZEIT
Richter-Kuhlmann, Eva

Der baldige Start des neuen Semesters zeigt es: Mit dem derzeitigen Vergabeverfahren für Medizinstudienplätze sind weder Abiturienten noch die Ärzteschaft oder die Medizinischen Fakultäten richtig zufrieden.

Potenzielle Medizinstudierende, die nicht über ein Spitzen-Abitur verfügen, müssen immer länger auf einen Studienplatz warten. Um in diesem Oktober mit dem Studium der Humanmedizin zu beginnen, beträgt die Wartezeit laut der Stiftung für Hochschulzulassung 14 Semester. Somit warten Abiturienten länger auf einen Medizinstudienplatz als sie dann später studieren. Insgesamt 20 Prozent der verfügbaren Medizinstudienplätze in Deutschland werden auf diese Weise über die zentrale Studienplatzvergabe der Stiftung für Hochschulzulassung (hochschulstart.de) vermittelt (Kasten).

Medizin = 1,0-Abitur

Ebenfalls 20 Prozent der Plätze werden an die Abiturbesten der jeweiligen Bundesländer vergeben. Und Spitzen-Abitur meint hier in der Tat Spitzenabitur: Sofort einen der begehrten Medizinstudienplätze ergattert in Deutschland aufgrund der Konkurrenzsituation nur, wer ein lupenreines Einser-Abitur (Durchschnitt 1,0) aufweisen kann. Davon gibt es derzeit nur zwei Ausnahmen: Zum Wintersemester 2016/17 lag laut der Stiftung für Hochschulzulassung lediglich in Niedersachsen und Schleswig-Holstein die Abiturbestenquote bei 1,1.

Wiederholt hat der Deutsche Ärztetag – zuletzt der diesjährige 119. Deutsche Ärztetag in Hamburg – gefordert, bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen neben der Abiturnote verstärkt auch psychosoziale Kompetenzen, soziales Engagement und einschlägige Berufserfahrung der Bewerber zu berücksichtigen. „Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen ausgewählt werden, die hinterher auch in der Versorgung der Bevölkerung arbeiten wollen“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery.

Unter der Maßgabe, dass eine finanzielle Förderung der Universitäten und Lehrpraxen sichergestellt wird, forderte der Ärztetag im Mai Bund und Länder auf, bei der Ausgestaltung des geplanten „Masterplans Medizinstudium 2020“ die Studienplatzkapazitäten um mindestens zehn Prozent zu erhöhen.

Daran knüpfte dieser Tage Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes, an: „Eine Reform ohne Ausweitung der Studienkapazitäten kann kein Masterplan sein. Wer dem Ärztemangel in Klinik und Praxis wirksam begegnen will, muss mehr Medizinstudienplätze bereitstellen“, sagte er und begrüßte damit gleichzeitig entsprechende Forderungen von Karl-Josef Laumann (CDU), Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit.

Die große Diskrepanz zwischen der Bewerberzahl und den vorhandenen Medizinstudienplätzen sei nicht nur für diejenigen frustrierend, die jahrelang warten müssten, sondern auch versorgungspolitisch höchst problematisch, meinte Henke. Bund und Länder müssten für eine bessere Grundfinanzierung der Hochschulmedizin sorgen.

Letzteres fordern seit Jahren auch die Medizinischen Fakultäten. Parallel versuche man über die Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) den Bewerberinnen und Bewerbern, die in der Abiturbesten- und in der Wartezeitquote keinen Studienplatz erhalten konnten, eine weitere Zulassungschance zu geben, sagte Dr. rer. soc. Frank Wissing, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT) im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Fakultäten fordern Reform

Die mittlerweile siebenjährige Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz hält auch Wissing „kaum noch zumutbar“. Er verwies dabei auf eine Studie des MFT und der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung. Diese zeige, dass eine lange Wartezeit auch nicht zielführend sei (Näheres zur Studie siehe folgender Beitrag). „Durch den hohen zeitlichen Abstand zur früheren Schul- und Lernphase ist die Wahrscheinlichkeit, das aufwendige Medizinstudium nicht zu beenden, in dieser Kohorte deutlich erhöht“, erklärte Wissing. „Möchte man an einem Zugangsweg unabhängig von der schulischen Leistung festhalten, dann wäre ein zügiges, gewichtetes Losverfahren ein sinnvoller und leicht zu implementierender Ersatz für die Wartezeitquote.“ Noch besser wäre eine Reform des bundesweiten Zulassungsverfahrens. Im Rahmen der AdH würden bereits verschiedene Ansätze praktisch erprobt. Gemeinsam mit Medizinstudierenden erarbeitete der MFT Empfehlungen für ein Zulassungsverfahren, das die profilspezifischen Auswahlverfahren bundesweit vereinheitlicht.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Bewerbungsverfahren

Zentrale Bewerbung und Studienplatzvergabe erfolgen trotz der Einflussnahme der medizinischen Fakultäten auf die Vergabekriterien im Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) über die Stiftung für Hochschulzulassung (Hochschulstart, früher ZVS). Interessierte bewerben sich zentral in drei verschiedenen Quoten und geben sechs Ortspräferenzen an. Die Studienplätze werden nach Abzug der Vorabquoten (Nicht-EU-Ausländer, Härtefälle, Zweitstudienbewerber, Bewerber mit besonderer Hochschulzugangsberechtigung, Sanitätsoffiziere der Bundeswehr) unterschiedlichen Zulassungsquoten zugeordnet: 20 Prozent der Zulassungen erfolgen in der Abiturbestenquote, 60 Prozent in der AdH-Quote und 20 Prozent in der Wartezeitquote.