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Zytostatika: Kritik an Ausschreibung der AOK

Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A-1571 / B-1327 / C-1303
POLITIK
Osterloh, Falk

Krankenkassen haben mit der Ausschreibung von Zytostatika begonnen. Apotheker und niedergelassene Onkologen befürchten längere Wartezeiten für die Patienten und einen erheblichen Mehraufwand im Praxisalltag.

Kostbares Gut: Apotheker und niedergelassene Onkologen befürchten, dass sich die 
Versorgung von Krebspatienten durch die Zytostatikaausschreibungen verschlechtert. 
Foto: mauritius images
Kostbares Gut: Apotheker und niedergelassene Onkologen befürchten, dass sich die Versorgung von Krebspatienten durch die Zytostatikaausschreibungen verschlechtert. Foto: mauritius images

Die Rechtslage ist eindeutig. „Die Versorgung mit in Apotheken hergestellten parenteralen Zubereitungen aus Fertigarzneimitteln in der Onkologie zur unmittelbaren ärztlichen Anwendung bei Patienten kann von der Krankenkasse durch Verträge mit Apotheken sichergestellt werden“, heißt es in § 129 Sozialgesetzbuch V. In seinem Urteil vom 25. November 2015 hat das Bundessozialgericht bestätigt, dass alle Apotheken, die dabei keinen Zuschlag erhalten haben, von der Erbringung dieser Leistungen ausgeschlossen sind. In Brandenburg, Hessen oder Nordrhein hat diese Regelung nun den Praxisalltag erreicht. Will ein dort niedergelassener Onkologe einem Patienten, der bei der AOK Rheinland-Hamburg oder der AOK Nordost versichert ist, Zytostatika verabreichen, muss er sie in einer der Apotheken bestellen, die von diesen Kassen den entsprechenden Zuschlag erhalten hat. Wie bei den Rabattverträgen handelt es sich dabei um die Apotheken, die den niedrigsten Preis verlangen.

Entscheidung des Arztes

Diese Regelung stößt bei Apothekern und niedergelassenen Onkologen auf Kritik. „Mit einer solchen Ausschreibung dringen die Kassen nicht nur in die Entscheidungskompetenz des Arztes ein, sondern auch in das besonders geschützte Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient“, betonte der Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO), Prof. Dr. med. Stephan Schmitz, Anfang September auf einer Pressekonferenz in Berlin. Denn Arzt und Patient könnten sich nun nicht mehr die Apotheker aussuchen, mit denen sie zusammenarbeiten wollten. Der enge Kontakt mit dem Apotheker sei im Versorgungsalltag allerdings von hoher Intensität, nicht nur im Hinblick auf die termingenaue Medikamentenlieferung, sondern auch im Hinblick auf viele Fragen der Versorgungssicherheit, zum Beispiel die Abklärung von Arzneimittelwechselwirkungen, heißt es in einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (WINHO). „Die Probleme dürften zunehmen, wenn jede onkologische Praxis in Zukunft mit einer größeren Zahl von unterschiedlichen Lieferanten aufgrund von zahlreichen kassenspezifischen Verträgen zusammenarbeiten muss“, befürchten die Autoren.

Zudem warnt der BNHO davor, dass sich die Wartezeiten verlängern, wenn die Zahl der Lieferapotheken innerhalb eines Bundeslandes reduziert wird. Im Extremfall könne es dazu kommen, dass in einem Bundesland nur noch eine einzelne Spezialapotheke für die Versorgung zur Verfügung stehe, sagte auch der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, in Berlin. Dieses Unternehmen müsse dann über große Entfernungen innerhalb kürzester Zeit liefern. „Man braucht nicht viel Vorstellungskraft, um zu verstehen, dass schon ein alltäglicher Stau auf der Autobahn zeitkritisch ist und die Versorgung von Patienten gefährden kann“, mahnte Becker. Zusammen mit sechs weiteren Verbänden haben BNHO und DAV ein Positionspapier erarbeitet, in dem sie ein Ende der Ausschreibungen von Zytostatika fordern.

Streit mit der AOK

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes hingegen befürwortet die Ausschreibungen und kritisiert deren Gegner. Wie schon zur Einführung der Arzneimittelrabattverträge würden auf dem Rücken der Patienten gezielt Ängste geschürt, meinte Martin Litsch und erklärte, durch die Ausschreibungen werde es „endlich mehr Transparenz und Ordnung in einem bislang weitgehend undurchsichtigen Markt“ geben.

Falk Osterloh