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Ambulant erworbene Pneumonie – eine unterschätzte Erkrankung

Dtsch Arztebl Int 2016; 113(37): 605-6; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0605
MEDIZIN: Editorial
Welte, Tobias
Editorial zum Beitrag: „Pneumonien in der nichtinstitutionalisierten älteren Allgemeinbevölkerung – Eine prospektive Beobachtungsstudie über elf Jahre“ von Lutz P. Breitling et al. auf den folgenden Seiten
Klinik für Pneumologie, Medizinische Hochschule Hannover (MHH): Prof. Dr. med. Welte

Die ambulant erworbene Pneumonie („Community Acquired Pneumonia“, [CAP]) ist in Europa die Infektionskrankheit mit der höchsten Zahl an Todesfällen und einer der wesentlichen Kostenfaktoren im Gesundheitssystem.

Die „Global Burden of Disease“-Studie der Welt­gesund­heits­organi­sation aus dem Jahr 2010 geht für Europa von jährlich 230 000 Todesfällen (das entspricht 2, 3 % aller Todesfälle) und 2,2 Millionen durch Behinderung beeinträchtigte Lebensjahre durch CAP aus (1). Einschränkend muss man jedoch sagen, dass es nur in wenigen Ländern zuverlässige Inzidenzzahlen gibt. In Deutschland wissen wir dank der Qualitätssicherung ambulant erworbene Pneumonie, dass etwa 230 000 CAP-Fälle pro Jahr stationär behandelt werden. Die Tendenz ist dabei leicht steigend (2). Die jetzt von Breitling et al. vorgelegte Untersuchung auf den folgenden Seiten ist eine der wenigen Studien, die eine Inzidenzschätzung auch im ambulanten Bereich ermöglichen (3). Die Autoren kommen in ihren Berechnungen auf etwa 450 000 Pneumonien insgesamt pro Jahr. Die Zahl der ambulant behandelten Patienten wäre damit in etwa mit der stationär behandelter Patienten identisch. Man muss allerdings berücksichtigen, dass hier nur Menschen zwischen 50 und 75 Jahren untersucht wurden, bei jüngeren Menschen (mit Ausnahme von Vorschulkindern) ist die Inzidenz deutlich niedriger, bei den über 75-Jährigen deutlich höher (4).

Klassische Risikofaktoren

Breitling und Koautoren identifizieren in ihrer Studie klassische Risikofaktoren für das Auftreten einer CAP, beispielsweise das Rauchen und seine Folgeerkrankungen, wie zum Beispiel die chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) oder die chronische Herzinsuffizienz. Dies bestätigen auch andere Untersuchungen (5). Diagnosen wie einen Diabetes mellitus oder neurologische Erkrankungen, vor allem den Schlaganfall, konnten sie nicht als Risikofaktoren identifizieren. Das mag möglicherweise daran liegen, dass die untersuchten Patienten zu jung waren, um eine hohe Inzidenz dieser Erkrankungen aufzuzeigen.

Der wesentliche Verdienst der Arbeit von Breitling et al. ist, dass sie nicht nur solide Daten zur Inzidenz eines Krankheitsbildes liefert, sondern auch auf die enorme gesundheitsökonomische Bedeutung dieses Krankheitsbildes hinweist. In einer europaweiten Befragung konnten Antoni Torres und ich zeigen, dass die meisten Menschen die Pneumonie als häufige Erkrankung kennen und wissen, dass sie schwer, ja sogar tödlich verlaufen kann. Allerdings sehen 90 % aller Befragten das Risiko nur für andere Menschen, nicht aber für sich selbst (6).

Die Arbeit von Breitling et al. zeigt, dass bestimmte Grunderkrankungen zu einer CAP prädestinieren, sie erläutert aber zudem, dass auch Menschen ohne Vorerkrankung – gesunde Menschen – erkranken und auch sterben können. Das Unterschätzen der Gefahr, die jedem von uns durch eine CAP jederzeit drohen kann, führt dazu, dass wesentliche Präventionsmaßnahmen nicht eingehalten werden. Breitling et al. weisen daraufhin, dass das Gespräch über die Notwendigkeit einer Raucherentwöhnung nicht generell zum Behandlungsplan der CAP gehört. Die europäische Umfrage belegt, dass die beiden wichtigsten präventiven Impfungen, die jährliche gegen Influenza und die Impfung gegen den häufigsten Pneumonieerreger, die Pneumokokken, sich in keinem europäischen Land etabliert haben. Deutschland schneidet in puncto Impftreue besonders schlecht ab (6). Leider bestätigen sich hier die fünf Jahre alten Ergebnisse aus dem CAPNETZ (7).

Gravierende Defizite

Defizite gibt es jedoch nicht nur in der Prävention, sondern auch in der Diagnostik und Behandlung der CAP. Die Atemfrequenz, ein einfacher und zuverlässiger Marker für die Schwere der Erkrankung, wird weiterhin nicht in jeder Praxis erfasst (8). Die Sauerstoffsättigung zur Erkennung einer Hypoxiämie, ein sicherer Parameter für die Notwendigkeit einer stationären Behandlung (9), wird zu selten bestimmt. Im Krankenhaus ist die Sterblichkeit nicht etwa bei den Patienten am höchsten, die aufgrund der Schwere der Erkrankung direkt auf die Intensivstation kommen, sondern bei denjenigen, die sich auf der Normalstation verschlechtern, ohne dass die Notwendigkeit einer Intensivbehandlung erkannt wird (10).

Mögliche Konsequenzen

Was ist die Konsequenz aus allen diesen Fakten? Die Herzinfarktsterblichkeit ist zurückgegangen, nachdem durch öffentliche Kampagnen jedem Bürger die Risiken, aber auch die wichtigsten Symptome und bedeutsamen Handlungserfordernisse bei Auftreten dieser Symptome klar geworden sind. Erst dann ließ sich der medizinische Fortschritt in eine Reduktion der Sterblichkeit umsetzen. Ein ähnliches Vorgehen ist bei CAP notwendig. Menschen müssen besser über die Erkrankung aufgeklärt werden. Risikofaktoren müssen bekannt sein, wenn möglich vermieden werden (Rauchen) oder zu erhöhter Aufmerksamkeit für frühe Symptome (chronische Erkrankungen) führen. Impfkampagnen sind notwendig, um die wichtigste Präventionsmaßnahmen zu etablieren. Die Weiterentwicklung radiologischer Verfahren wie Computertomographie und Magnetresonanztomographie, die billiger und häufiger verfügbar sein werden, kann die Diagnostik gerade bei Risikogruppen verbessern (11). Nicht zuletzt muss jedoch die infektiologische Ausbildung im Allgemeinen, und zu Pneumonie im Besonderen, im Studium und in der ärztlichen Fort- und Weiterbildung verbessert werden (12).

Pneumonie kann jeden treffen, jeden Tag, und sie kann tödlich verlaufen. Daran erinnert uns die Studie von Breitling und Koautoren.

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Tobias Welte
Klinik für Pneumologie
Medizinische Hochschule Hannover (MHH)
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
welte.tobias@mh-hannover.de

Zitierweise
Welte T: Community-acquired pneumonia—an underestimated challenge. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 605–6. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0605

@The English version of this article is available online:
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