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Behandlung kritisch kranker Patienten mit akuter Cholezystitis

Dtsch Arztebl Int 2016; 113(33-34): 545-51; DOI: 10.3238/arztebl.2016.0545
MEDIZIN: Originalarbeit
Ambe, Peter C.; Kaptanis, Sarantos; Papadakis, Marios; Weber, Sebastian A.; Jansen, Stefan; Zirngibl, Hubert
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal, Universität Witten-Herdecke: Dr. med. Ambe, Dr. med. Papadakis, Herr Jansen, Prof. Dr. med. Zirngibl; Homerton University Hospital, Queen Mary, University of London, Großbritannien: Dr. Kaptanis MSc, MRCS(Glasg), FHEA; Medizinische Klinik, St. Elisabeth Krankenhaus Köln-Hohenlind: Dr. med. Weber

Hintergrund: Neben der Cholezystektomie (CC) wird die perkutane Cholezystostomie (PC) zur Therapie bei akuter Cholezystitis von kritisch kranken Patienten empfohlen. Allerdings fehlt die stichhaltige Evidenz, dass die perkutane Cholezystostomie in dieser Untergruppe vorteilhaft ist.

Methode: Den PRISMA-Empfehlungen für systematische Literaturrecherche folgend wurden relevante Artikel in der Cochrane Library, CINAHL, MEDLINE, Embase und Scopus zwischen den Jahren 2000 und 2014 identifiziert. Zwei Untersucher beurteilten die selektierten Studien unabhängig voneinander. 

Ergebnisse: Sechs Studien mit insgesamt 337 500 Patienten (PC: 10 045; CC: 327 455) wurden in die Metaanalyse eingeschlossen. Signifikanzen fanden sich bei der Sterbewahrscheinlichkeit (OR: 4,28 [1,72; 10,62]; p = 0,0017), Krankenhausverweildauer (OR: 1,41 [1,02; 1,95]; p = 0,04) und Wiederaufnahmerate wegen biliären Beschwerden (OR: 2,16 [1,72; 2,73]; p < 0,0001) zugunsten der CC-Gruppe. Keine signifikanten Unterschiede wurden im Hinblick auf Komplikation (OR: 0,74 [0,36; 1,53]; p = 0,42) und Re-Intervention (OR: 7,69 [0,68; 87,33]; p = 0,10) gefunden.

Schlussfolgerung: Eine Gleichwertigkeit der perkutanen Cholezystostomie (PC) in der Behandlung von kritisch Kranken mit akuter Cholezystitis konnte durch dieses systematische Review nicht belegt werden.

Die akute Cholezystitis ist eine häufige und potenziell lebensbedrohliche Erkrankung. Während die frühzeitige Cholezystektomie (chirurgische Entfernung der Gallenblase unabhängig vom gewählten Zugangsweg) unbestritten der Goldstandard der Therapie der akuten Cholezystitis beim „jungen und fitten“ Patienten ist (13), wird die Behandlung des kritisch Kranken und des hochbetagten Patienten kontrovers diskutiert. Die chirurgische Therapie des kritisch Kranken und des hochbetagten Patienten ist mit einem schlechten Ergebnis vergesellschaftet. Morbiditätsraten bis zu 40 % und Mortalitätsraten bis zu 13 % sind in dieser Subgruppe publiziert (47).

Aktuelle Leitlinien, inklusive der Tokyo Guidelines, empfehlen in dieser Patientengruppe die Gallenblasendrainage mittels perkutaner Cholezystostomie (Gallendrainage mittels eines Katheters, die üblicherweise unter Ultraschall oder computertomographischer Kontrolle in Lokalanästhesie gelegt wird) (8, 9). Die Anzahl der Publikationen zur perkutanen Cholezystostomie hat nach der Publikation der Tokyo Guidelines stark zugenommen. Viele Autoren nutzen die perkutane Cholezystostomie dabei entweder als definitive Therapie oder als Überbrückungsmaßnahme bis zur Operation. Die Publikationen sind jedoch stets retrospektiv und mit kleinen Fallzahlen (1012). Ein wirklich stichhaltiger Beweis der Effektivität der perkutanen Cholezystostomie fehlt bisher in der medizinischen Literatur. Das Ziel dieses systematischen Reviews war die Evaluation des klinischen Nutzens der perkutanen Cholezystostomie im Vergleich zur Cholezystektomie in der Behandlung von kritisch kranken Patienten mit einer akuten Cholezystitis. Die Nullhypothese vermutet, dass es keine Gleichwertigkeit im Vergleich des Behandlungsergebnisses bei beiden Patientengruppen gibt.

Methoden

Die Studie wurde in Einklang mit den Empfehlungen des Cochrane Handbuchs für systematisches Review konzipiert. Ferner wurden die PRISMA-Empfehlungen (Preferred Reporting Items for Systematic Review Guidelines) berücksichtigt (13). Ein Protokoll mit dem Studiendesign wurde vorab bereits publiziert (14).

Literatursuche

Eine systematische Suche in der Cochrane Datenbank, der Cumulative Index of Nursing and Allied Health Literature (CINAHL), MEDLINE, Embase und Scopus wurde durchgeführt. Wir benutzten folgende Suchbegriffe: acute cholecystitis OR severe cholecystitis OR cholecystitis AND cholecystectomy OR laparoscopic cholecystectomy OR open cholecystectomy AND cholecystostomy OR percutaneous cholecystostomy OR gallbladder drain OR gallbladder tube OR transhepatic gallbladder drain OR transhepatic gallbladder tube OR cholecystostomy tube. Die Suche wurde auf Originalarbeiten über Studien an/mit Menschen mit Publikationsdatum zwischen 2000 und 2014 beschränkt. Zusätzlich wurde bei PubMed über die Funktion „verwandte Artikel“ die Suche ausgeweitet. Schlussendlich sind die damit selektierten Artikel einzeln nach Durchsicht auf Eignung überprüft worden.

Studienselektion und Datenextraktion

Zwei Untersucher beurteilten die selektierten Studien unabhängig voneinander unter Berücksichtigung der PRISMA-Empfehlungen für systematisches Review. Die Studienselektion entsprach dem vorher publizierten Studiendesign des Studienprotokolls (14).

Nur Artikel, welche die Cholezystektomie und perkutane Cholezystostomie als definitives Behandlungskonzept kritisch kranker Patienten mit einer akuten Cholezystitis verglichen, wurden in die Metaanalyse eingeschlossen.

Folgende Daten wurden aus den Studien extrahiert: Publikationssprache, Erscheinungsjahr, Erscheinungsland, Größe der Studienpopulation, Studiendesign, Interventionsart (perkutane Cholezystostomie/Cholezystektomie), Länge des Kranken­haus­auf­enthaltes in Tagen (Krankenhausverweildauer), Morbiditätsrate, Mortalitätsrate, Re-Interventionsrate, Wiederaufnahmerate wegen biliärer Komplikation und Behandlungskosten.

Einschätzung des Bias und
statistische Analyse

Das Bias der eingeschlossenen Studien wurde durch die Beurteilung von zwei unabhängigen Untersuchern reduziert. Gemäß den Empfehlungen des Cochrane Handbuchs für systematische Übersichtsarbeiten wurde die Newcastle-Ottawa-Scale genutzt um die Qualität der nichtrandomisierten Daten einzuschätzen (15). Die extrahierten Daten der eingeschlossenen Artikel wurden statistischen Analysen unterzogen. Die Metaanalyse wurde mit Hilfe der Statistik Software R 64-bit-Version, 3.2.2 und Metafor-Package durchgeführt (16). Wo möglich wurden gepoolte Analysen genutzt, um die Odds Ratio (OR) mit einem 95-%-Konfidenzintervall (95-%-KI) zu berechnen. Das Ausmaß der Heterogenität der Studien wurde für jede Analyse berechnet.

Ergebnisse

Die ausgewählten Studien der Metaanalyse sind in der eGrafik benannt. Es gibt bisher keine kontrollierte Studie, welche die perkutane Cholezystostomie mit der Cholezystektomie in der Behandlung der akuten Cholezystitis verglichen hat. Sechs retrospektive Studien mit einer Gesamtzahl von 337 500 Patienten (perkutane Cholezystostomie: 10 045, Cholezystektomie: 327 455) wurden in die Metaanalyse eingeschlossen (1722). Die Besonderheiten/Charakteristika der eingeschlossenen Studien werden in der Tabelle erwähnt. Alle Studien wurden zwischen 2000 und 2014 publiziert. Die Größe des einzelnen Patientenkollektives variiert zwischen 42 und 306 747 Patienten. Die Publikationssprache, das Erscheinungsjahr und Erscheinungsland wurden – sofern verfügbar – notiert. Die Information zur Größe der Studienpopulation, zum Studiendesign, zu den Einschlusskriterien und zum Interventionstyp konnten aus allen Studien genutzt werden. Ebenso waren Morbiditäts- und Mortalitätsraten bei allen Studien angegeben. Die Behandlungskosten wurden nur in 2 Studien erfasst (18, 22). Simorov et al. (22) ermittelten die Behandlungskosten für die initiale Behandlung des Patienten und alle weiteren Konsultationen an der Klinik innerhalb eines Zeitraumes von 30 Tagen. Anderson et al. (18) publizierten die totalen Kosten für die initiale Behandlung, wobei die Preise inflationsbereinigt auf das Jahr 2010 berechnet wurden. Die zur Verfügung gestellten Daten beider Studien waren somit nicht vergleichbar (Tabelle).

Charakteristika der eingeschlossenen Studien
Charakteristika der eingeschlossenen Studien

Primärergebnis

Krankenhaus- und 30-Tage-Mortalität

Mortalitätsdaten nach Cholezystektomie wurden in einer der eingeschlossenen Studien nicht angegeben (21). Eine zweite Studie gab keine bereinigte Mortalitätsrate an (17). Drei Studien hatten weniger als 5 letale Verläufe in einem oder beiden Armen, so dass die statistische Auswertung erschwert war (17, 20, 21). Nur aus einer Studie konnte die 30-Tage-Mortalität extrahiert werden (17). Ebenfalls zeigte nur eine Studie einen profitablen Effekt der perkutanen Cholezystostomie gegenüber der Cholezystektomie in Hinblick auf die Mortalität. Die zusammengefassten Ergebnisse vermitteln jedoch einen harten Beweis gegen die Null-Hypothese mit einer signifikant höheren Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Verlaufes in der perkutanen Cholezystostomie-Gruppe verglichen mit der Cholezystektomie-Gruppe. Ähnliche Ergebnisse erhielt man nach der Analyse zusammengefasster unbereinigter Mortalitätsdaten (OR: 4,28 [1,72; 10,62]; p = 0,0017) (Grafik 1a).

Forest Plot der unbereinigten Mortalität in den jeweiligen Inter - ventionsarmen. OR, Odds Ratio; 95-%-KI, 95-%-Kondifenz - intervall; RE-Model, Random- Effects-Model
Forest Plot der unbereinigten Mortalität in den jeweiligen Inter - ventionsarmen. OR, Odds Ratio; 95-%-KI, 95-%-Kondifenz - intervall; RE-Model, Random- Effects-Model

Komplikationsrate

Bis auf eine Studie wurden in allen Studien Komplikationsraten angegeben (17). Zwei Studien lieferten bereinigte Komplikationswahrscheinlichkeiten (18, 22). Im Gesamtergebnis zeigte sich kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen perkutaner Cholezystostomie und Cholezystektomie im Hinblick auf die Komplikationswahrscheinlichkeit ([0,36; 1,53]; p = 0,42) (Grafik 1b). Das bereinigte Gesamtergebnis der Komplikationsrate von zwei Studien zeigte einen geringen Trend hin zur perkutanen Cholezystostomie (OR: 0,44 [0,21; 0,93]; p = 0,0327).

Forest Plot der unbereinigten Komplikationsraten in den beiden Interventionsarmen (unbereinigte Odds Ratios [OR]). 95-%-KI, 95-%-Konfidenz - intervall; Kompl; Komplika - tionsrate; RE-Model, Random- Effects-Model
Forest Plot der unbereinigten Komplikationsraten in den beiden Interventionsarmen (unbereinigte Odds Ratios [OR]). 95-%-KI, 95-%-Konfidenz - intervall; Kompl; Komplika - tionsrate; RE-Model, Random- Effects-Model

Sekundäres Ergebnis

Krankenhausverweildauer

Die Krankenhausverweildauer wurde in allen Studien angegeben. Sie war im Mittel bei Patienten, die mit einer Cholezystektomie behandelt wurden, signifikant kürzer als bei Patienten, die eine perkutane Cholezystostomie erhielten. (OR: 1,41 [1,02; 1,95]; p = 0,0401) (Grafik 2a).

Krankenhausverweildauer (KHVD/Tage): Unbereinigte Daten zur Krankenhaus - verweildauer (KHVD) anhand des Forest Plots. RE-Model; Random- Effects- Model
Krankenhausverweildauer (KHVD/Tage): Unbereinigte Daten zur Krankenhaus - verweildauer (KHVD) anhand des Forest Plots. RE-Model; Random- Effects- Model

Re-Interventionsrate

Drei Studien lieferten Informationen zur Re-Interventionsrate (17, 20, 21). Eine Re-Intervention wurde dabei definiert als jedwede chirurgische, endoskopische oder radiologische Prozedur, die darauf abzielte, eine Komplikation der initialen Intervention (Cholezystektomie oder perkutane Cholezystostomie) zu behandeln. Nur eine Studie sah hier einen Vorteil der perkutanen Cholezystostomie im Hinblick auf die Re-Interventionshäufigkeit (17). Die zusammengefassten Ergebnisse zeigten keinen Unterschied zwischen beiden Armen, bezogen auf die Re-Interventionsrate (Grafik 2b).

Re-Intervention: Forest Plot unbereinigte Odds Ratios; RE-Model, Random- Effects-Model
Re-Intervention: Forest Plot unbereinigte Odds Ratios; RE-Model, Random- Effects-Model

Wiederaufnahmerate

Daten zur Wiederaufnahme aufgrund einer biliären Genese (Cholezystitis, biliäre Kolik, Cholangitis, Pankreatitis und Katheterdislokation) waren aus drei Studien ersichtlich (1921). Die zusammengefassten Ergebnisse liefern einen starken Beweis gegen die Nullhypothese mit einer wesentlich höheren Wiederaufnahmerate in der Gruppe der Patienten mit perkutaner Cholezystostomie (OR: 2,16 [1,72; 2,73]; p < 0,0001) (Grafik 2c).

Wiederauf nahme wegen biliärer Beschwerden Darstellung des Forest Plots, unbereinigte Odds Ratios. WA; Wiederauf - nahme; RE-Model; Random- Effects-Model
Wiederauf nahme wegen biliärer Beschwerden Darstellung des Forest Plots, unbereinigte Odds Ratios. WA; Wiederauf - nahme; RE-Model; Random- Effects-Model

Diskussion

Dieses systematische Review wurde durchgeführt, um den Stellenwert der perkutanen Cholezystostomie im Vergleich zur Cholezystektomie in der Behandlung von kritisch kranken Patienten mit einer akuten Cholezystitis zu untersuchen. Sechs Studien mit insgesamt 337 500 Patienten wurden in die Analyse eingeschlossen. Das Mortalitätsrisiko war in der perkutanen Cholezystostomie-Gruppe signifikant höher als in der Cholezystektomie-Gruppe. Die Krankenhausverweildauer war in der perkutanen Cholezystostomie-Gruppe ebenfalls signifikant länger. Zudem gab es signifikant mehr Wiederaufnahmen aufgrund von biliären Beschwerden in der perkutanen Cholezystostomie-Gruppe als in der Cholezystektomie-Gruppe. Nichtsdestotrotz zeigte sich im Hinblick auf die Komplikations- und Re-Interventionsraten kein signifikanter Unterschied zwischen beiden Behandlungsmethoden.

Die laparoskopische Cholezystektomie stellt eine der am häufigsten durchgeführten chirurgischen Eingriffe weltweit dar und hat sich als Goldstandard in der Behandlung von „fitten“ Patienten mit akuter Cholezystitis etabliert (1, 2327). Die operative Behandlung von hochbetagten und kritisch kranken Patienten mit akuter Cholezystitis ist mit einem besonders hohen Risiko der Konversion, Morbidität (insbesondere Gallengangsverletzung in über 40 % der Fälle) und Mortalität (> 4 %) assoziiert (28, 29) . Die perkutane Cholezystostomie wird daher als Behandlungsoption in dieser Subgruppe empfohlen (8, 9, 30).

Während in retrospektiven Studien mit kleinen Fallzahlen für die perkutane Cholezystostomie sehr hohe Erfolgsraten von über 90 % mit einer prozeduralen Mortalität von nur 0,5 % publiziert wurden, zeigten große Fall­kontroll­studien hohe Morbiditäts- und Mortalitätsraten (bis zu 5 %). Zudem wurden auch von häufigeren Wiederaufnahmen berichtet (10, 31). In einem systematischen Review von Winbladh et al. im Jahre 2009 wurde eine Mortalitätsrate von 15,4 % bei perkutaner Cholezystostomie berichtet (3). Die Mortalitätsrate der notfallmäßigen Cholezystektomie betrug in diesem Review 13 %. Die Autoren entschieden sich dazu, die Komplikationsrate nach perkutaner Cholezystostomie nicht mit der nach Cholezystektomie zu vergleichen, da eine gewisse Unsicherheit im Hinblick auf die Qualität der zugrundeliegenden Daten bestand. Gleichwohl lieferte dieses systematische Review keine abschließende Beurteilung über den Stellenwert der perkutanen Cholezystostomie in der Behandlung von kritisch kranken Patienten mit akuter Cholezystitis.

Eine aktuellere Cochrane Review von Gurusamy et al. untersuchte die Effektivität der perkutanen Cholezystostomie in der Behandlung von Hochrisiko-Patienten mit akuter Cholezystitis (32). Zwei Studien mit insgesamt 156 Patienten wurden eingeschlossen. In diesen Studien wurde die perkutane Cholezystostomie entweder als Alternative zur Cholezystektomie oder als Überbrückungsmaßnahme vor nachgeschalteter Cholezystektomie untersucht. Kein signifikanter Unterschied konnte im Hinblick auf die Morbidität und Mortalität in beiden Gruppen beobachtet werden.

Aktuell liefert die Literatur somit keine stichhaltige Evidenz zum Stellenwert der perkutanen Cholezystostomie in der Behandlung dieser kritischen Subpopulation.

Im Gegensatz zu den zwei vorherigen Reviews (3, 32) zeigen die Ergebnisse dieses systematischen Reviews aus sechs Studien mit mehr als 330 000 Patienten, dass die perkutane Cholezystostomie mit einer erhöhten Mortalitätswahrscheinlichkeit behaftet ist. Mortalitätsdaten beinhalteten sowohl die Krankenhaussterblichkeit als auch die 30-Tage-Sterblichkeit, je nachdem, was in den einzelnen Studien angegeben wurde. Die Todesursache stand in unmittelbarem Zusammenhang zur akuten Cholezystitis. Es wurde nicht zwischen peri- und postinterventioneller Mortalität unterschieden.

Patienten in der perkutanen Cholezystostomie-Gruppe mussten länger hospitalisiert werden als solche in der Cholezystektomie-Gruppe. Die Krankenhausverweildauer war definiert als das Zeitintervall zwischen Aufnahme und Entlassung. Darüber hinaus war die Wiederaufnahmerate mit biliären Beschwerden im Kollektiv der perkutanen Cholezystostomie-Patienten signifikant höher.

Es gab keinen Unterschied in der Komplikations- und Re-Interventionsrate zwischen beiden Behandlungsarmen. Dies war ein interessantes Ergebnis, da die hohe Wiederaufnahmerate wegen biliärer Beschwerden indirekt auf eine Komplikation mit folgender Re-Intervention hätte schließen lassen können. Komplikationen wie Katheterdislokation, Gallenleckage, persistierende oder rekurrente Cholezystitiden benötigen möglicherweise eine Re-Intervention (Platzierung eines neuen perkutanen Cholezystostomie-Katheters oder Cholezystektomie). Dennoch zeigen diese Ergebnisse, dass die perkutane Cholezystostomie im Hinblick auf Komplikationswahrscheinlichkeit und Re-Interventionsrate der Cholezystektomie nicht unterlegen ist.

Obwohl die perkutane Cholezystostomie als Behandlungsoption bei kritisch Kranken mit akuter Cholezystitis in den meisten Leitlinien genannt wird, geben nur die Tokio Guidelines klar definierte Kriterien für deren Einsatz an (akute Cholezystitis Grad III und teilweise Grad II). Die aktuelle Datenlage legt jedoch nahe, dass eine gewisse Anzahl an Patienten, die den Empfehlungen der Tokio Guidelines folgend mit einer perkutanen Cholezystostomie behandelt werden, durchaus Kandidaten für eine primäre Cholezystektomie wären (33). Ferner muss bei der perkutanen Cholezystostomie einschränkend festgestellt werden, dass es bei der Indikation, dem Zeitpunkt der Durchführung bezogen auf den Symptombeginn sowie der Anlagetechnik (transhepatisch, subhepatisch) eine extrem hohe Variation zwischen den verschiedenen Zentren gibt (34). Es ist zum Beispiel nicht klar, wie lange der Katheter liegen bleiben sollte. Ferner sind Daten über den weiteren Verlauf von Patienten, die mit einer perkutanen Cholezystostomie behandelt wurden, spärlich. Diese Einschränkungen machen es extrem schwierig, das Ergebnis der Patienten mit perkutaner Cholezystostomie zwischen den verschiedenen Zentren zu vergleichen (34, 35). Daher besteht ein dringender Bedarf der Standardisierung der perkutanen Cholezystostomie, so wie es bei der Cholezystektomie längst erfolgt ist.

Zusammengefasst zeigt dieses systematische Review, dass Patienten, die eine perkutane Cholezystostomie erhalten, eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit haben als jene mit Cholezystektomie. Ferner ist die perkutane Cholezystostomie im Vergleich zur Cholezystektomie mit einer höheren Krankenhausverweildauer sowie einer höheren Wiederaufnahmerate aus biliären Gründen vergesellschaftet. Die perkutane Cholezystostomie scheint nichtsdestotrotz ähnlich sicher in der Behandlung der akuten Cholezystitis zu sein wie die Cholezystektomie . Die Komplikations- und Re-Interventionsrate nach perkutaner Cholezystostomie sind nicht höher als die nach Cholezystektomie.

Obwohl eine große Fallzahl von Patienten in diese Metaanalyse eingeschlossen wurde, müssen einige Limitationen genannt werden. Erstens: Es sind keine randomisierten kontrollierten Studien zu diesem Thema verfügbar. Alle eingeschlossenen Studien haben ein retrospektives Studiendesign. Daher kann ein möglicher Einfluss von unbekannten Störfaktoren nicht ausgeschlossen werden. Zweitens: Es ist denkbar, dass Patienten, die eine perkutane Cholezystostomie erhielten, generell kränker waren als jene, die mit einer Cholezystektomie versorgt wurden. Unter dieser Vermutung müssten Patienten mit perkutaner Cholezystostomie per se ein höheres Risiko eines schlechteren Outcome haben als jene mit Cholezystektomie. Dies könnte ein enormes Bias darstellen. Drittens: Es gab eine hohe statistische und klinische Heterogenität zwischen den eingeschlossenen Studien. Diese Verschiedenheit ist in den erheblichen Variationen der Studienpopulation der Einzelstudien erklärlich. Viele relevante Störgrößen wie Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen waren inkonstant benannt und konnten daher nicht analysiert werden (36, 37). Viertens: Es ist möglich, dass nicht alle passenden Artikel durch unsere Suchstrategie gefunden wurden. Fünftens: Die Mehrzahl der Studien war unizentrisch. Die selbe Arbeitsgruppe bediente sich in zwei Studien der Daten von Datenbanken (California Office of Statewide Health Planning and Development Patient Discharge Data and Nationwide Inpatient Sample, USA) (18, 19). Dies könnte dazu geführt haben, dass in der Schnittmenge der Daten Patienten mehrfach berücksichtigt wurden. Nachdem eine der beiden oben genannten Studien (18) jedoch aus der Metaanalyse herausgerechnet wurde, blieb das Ergebnis dennoch unverändert. Die Ergebnisse dieser Arbeit müssen daher prospektiv bestätigt werden. In diesem Sinne müssen die Ergebnisse des niederländischen CHOCOLATE TRIAL abgewartet werden (38).

Schlussfolgerung

Dieses systematische Review konnte keine Gleichweertigkeit der perkutanen Cholezystostomie in der Behandlung von kritisch kranken Patienten mit akuter Cholezystitis herausstellen. Die perkutane Cholezystostomie hat ein signifikant höheres Mortalitätsrisiko, eine längere Krankenhausverweildauer und häufigere Wiederaufnahmen als die Cholezystektomie. Beide Interventionen waren im Hinblick auf die Komplikationsrate und die Re-Interventionsrate vergleichbar.

Interessenkonflikt

Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 9. 11. 2015, revidierte Fassung angenommen: 14. 6. 2016

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Peter C. Ambe
Helios Universitätsklinikum Wuppertal
Lehrstuhl für Chirurgie II
Universität Witten-Herdecke
Heusner Straße 40
42283 Wuppertal
peter.ambe@helios-kliniken.de

Zitierweise
Ambe PC, Kaptanis S, Papadakis M, Weber SA, Jansen S, Zirngibl H:
The treatment of critically ill patients with acute cholecystitis—a systematic review and meta-analysis comparing percutaneous cholecystostomy and cholecystectomy. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 545–51.
DOI: 10.3238/arztebl.2016.0545

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