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Notfallversorgung: Vertragsärzte wollen Regie führen

Dtsch Arztebl 2016; 113(31-32): A-1417 / B-1197 / C-1177
POLITIK
Korzilius, Heike

Die Krankenkassen geben jährlich 4,8 Milliarden Euro für die Behandlung von Notfallpatienten im Krankenhaus aus, denen ein niedergelassener Arzt ebenso gut hätte helfen können. Die Kassenärzte plädieren für eine neue Notdienststruktur.

Theoretisch ist alles geregelt: Benötigen Patienten außerhalb der Sprechstundenzeiten niedergelassener Ärztinnen und Ärzte medizinische Hilfe, suchen sie den vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst auf. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) sorgen dafür, dass es ein flächendeckendes Behandlungsangebot für die Fälle gibt, die keinen Rettungseinsatz erfordern. In der Praxis ist es jedoch häufig so, dass viele Patienten den direkten Weg in die Notaufnahmen der Krankenhäuser nehmen.

Das Krankenhaus sei für diese Patienten als Anlaufpunkt sichtbarer, manche erwarteten eine Komplettversorgung aus einer Hand oder sie wollten einfach nicht auf einen Termin in einer stark ausgelasteten Facharztpraxis warten, sagte Dr. med. Andreas Gassen über mögliche Gründe. Häufig werde die Inanspruchnahme einer Krankenhausambulanz aber auch direkt beworben, kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Das gilt insbesondere in Ballungsräumen, wo Krankenhäuser gut erreichbar sind, sowie gut ausgebaute Krankenhauskapazitäten und insbesondere große Kapazitäten in den Notaufnahmen bestehen.“

3,5 Millionen vermeidbare Krankenhausnotfälle

4,8 Milliarden Euro geben die Kassen jährlich für die Behandlung von Patienten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser aus, denen ein niedergelassener Arzt ebenso gut hätte helfen können. Das hat das IGES-Institut im Auftrag des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) berechnet. Die Ergebnisse auf Basis der Krankenhausdaten von 2013 wurden am 22. Juli in Berlin vorgestellt.

Insgesamt haben die IGES-Wissenschaftler knapp 3,5 Millionen vermeidbare Krankenhausnotfälle ermittelt, wie deren Geschäftsführer Dr. rer. pol. Martin Albrecht ausführte. Die Hälfte dieser Patienten habe ohne ärztliche Einweisung die Notaufnahme aufgesucht. An Werktagen zu Praxisöffnungszeiten liege die Zahl vermeidbarer Aufnahmen ohne ärztliche Überweisung mit 642 500 im Übrigen etwa genauso hoch wie außerhalb der Sprechzeiten mit 652 483, sagte Albrecht. Zugleich verwies er auf große regionale Unterschiede.

Ein relativ dünnes ambulantes Behandlungsangebot sowie eine geringe Auslastung der Bettenkapazität an den Krankenhäusern können nach Ansicht von KBV-Chef Gassen, der zugleich Vorstandsvorsitzender des Zi ist, die regionalen Unterschiede erklären. Ein früheres IGES-Gutachten sei bereits zu dem Schluss gekommen, dass in städtischen Gebieten mit einer hohen Dichte an niedergelassenen Fachärzten der Anteil vermeidbarer Krankenhausfälle tendenziell niedriger war als in ländlichen Gebieten.

Die Lösungsansätze des Gesetzgebers, der jüngst im Versorgungsstärkungsgesetz und im Krankenhausstrukturgesetz Krankenhäuser und KVen unter anderem durch die Einrichtung ambulanter Portalpraxen an den Kliniken zur besseren Kooperation in der Notfallversorgung verpflichtet hat, greifen nach Ansicht von Gassen jedoch zu kurz. Er schlägt eine völlig neue Struktur der Notfallversorgung unter Regie der KVen vor, die – in Abstimmung mit den Ländern – die Planung von Behandlungskapazitäten in den Praxen und Krankenhäusern zusammenführt und am Grundsatz „ambulant vor stationär“ ausrichtet. Nur dann machten die vom Gesetzgeber geforderten Portalpraxen Sinn. Nach Ansicht von Gassen müssen ambulante Anlaufstellen an allen wichtigen Krankenhausstandorten geschaffen, rund um die Uhr besetzt und unabhängig vom Krankenhausträger betrieben werden. Unnötige Krankenhausambulanzen müssten geschlossen werden. Besetzt werden sollten die ambulanten Anlaufstellen mit Haus- und Fachärzten, die dort entweder eine Filialpraxis betrieben oder diese Dienste honoriert bekämen. Die Triage der Patienten müsse in diesen Portalpraxen stattfinden, „ohne weitere Schleichwege ins Krankenhaus“, forderte Gassen. Die Fehlallokation von fünf Milliarden Euro im Gesundheitssystem sei sträflich. „Das Geld fehlt an anderer Stelle.“

Politik und Kassen sind gegen weitere Notdienstreform

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte die Schlussfolgerungen aus dem IGES-Gutachten. Es sei nicht zielführend, mit Blick auf die Notfallbehandlung im Krankenhaus von einer milliardenschweren Fehlsteuerung zu reden, erklärte deren Präsident Thomas Reumann: „Es wäre sinnvoller, wenn die KBV sich Gedanken machte, wie sie die Notfallversorgung in ihrer Zuständigkeit verbessert.“ Diese sei für die Patienten von zentraler Bedeutung. „So ein Thema darf nicht zum Spielball von Verbandsinteressen werden“, sagte der DKG-Präsident.

Mit dem Krankhausstrukturgesetz gebe es eine Reform, die nun greifen müsse, betonte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Hilde Mattheis. Die KVen müssten diese erst einmal umsetzen, statt neue Forderungen aufzustellen.

Heike Korzilius