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Deutschsprachige Ärzteorganisationen: Blick über Ländergrenzen hinweg

Dtsch Arztebl 2016; 113(31-32): A-1425 / B-1207 / C-1187
THEMEN DER ZEIT
Nedbal, Dagmar

Demografischer Wandel, Kostenentwicklung im Gesundheitswesen und Migration: Ärztevertreter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und Luxemburg diskutierten bei einer Tagung die aktuellen Probleme.

Lösungsansätze für die demografische Herausforderung durch interprofessionelle Kooperationen, die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, die Beurteilung neuer Behandlungsmöglichkeiten angesichts der Kostenentwicklung im Gesundheitswesen sowie um die medizinische Versorgung von Flüchtlingen und die Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen: Die Vertreter der ärztlichen Spitzenorganisationen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und Luxemburg hatten sich für ihre 62. Konsultativtagung am Anfang Juli in Rottach-Egern am Tegernsee ein ehrgeiziges Programm zusammengestellt.

Physician Assistant – eine Aufstiegsperspektive

Zu Tagungsbeginn sprach Dr. med. Max Kaplan, Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), über mögliche neue Aufgabenverteilungen und Kooperationen im Gesundheitswesen, die Akademisierung der Gesundheitsberufe und insbesondere das neue Berufsbild des „Physician Assistant“. Ziel sei es ganz klar, „Berufs- und Berufsbildungskonzepte für Gesundheitsfachberufe zu entwickeln oder mitzugestalten, die Attraktivität des Arztberufs durch neue Berufsbilder im Sinne des Delegationsprinzips zu stärken sowie die Substitution von Teilbereichen der ärztlichen Kernkompetenz und konfliktive Schnittstellen zu verhindern“, so Kaplan. Auf die Frage, was die Ärzteschaft mit dem „Physician Assistant“ erreichen wolle, antwortete Kaplan: „Wir wollen in erster Linie eine weitere Aufstiegsperspektive und Spezialisierungsoption für Medizinische Fachangestellte schaffen, Ärzte angesichts demografischer und epidemiologischer Entwicklungen entlasten sowie die Übertragung von Aufgaben nach dem Delegationsprinzip gestalten.“ Der Blick über die Grenzen bestätigte, dass die Akademisierung der Gesundheitsberufe in den deutschsprachigen Nachbarländern bereits weiter fortgeschritten ist als in Deutschland.

Dr. med. Jürg Schlup, Präsident der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), stellte die Diskussionen zu „Choosing Wisely“ (CW) und „Smarter Medicine“ in der Schweiz vor. Unter den dortigen Ärzten wachse die Sensibilität für das Thema, erklärte Schlup. Die beste Wahl für den Patienten sollte selbstverständlicher Anspruch sein, doch „Überbehandlung ist ein Qualitätsproblem und fordert Aktivitäten der Ärzteschaft“, sagte der FMH-Präsident. „Eine Herausforderung dabei ist, das Problem anzugehen, ohne eine Skandalisierung zu begünstigen.“ Schlup zufolge führt nicht nur die weit verbreitete Kultur des „Mehr ist besser“ zu Interessenskonflikten, vielmehr seien die ökonomischen Anreize, wie Boni als Bestandteil des Einkommens, ursächlich für Überversorgung. Die Diskussion der 34 Tagungsteilnehmer kreiste um die Fragen: Muss CW mehr gefördert werden? Wie soll man mit Forderungen nach der Einstellung der Vergütung von Leistungen umgehen? Droht gar eine Einschränkung der Therapiefreiheit?

Fragen warf auch das Referat „ELGA – elektronische Gesundheitskarte aktueller Stand in Österreich“ von Dr. med. Lukas Stärker, Kammeramtsdirektor der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) auf. Stärker verdeutlichte, dass insbesondere Nutzen, Anwenderfreundlichkeit, Funktionstüchtigkeit und Genauigkeit der Suchfunktion sowie der potenzielle Mehraufwand über den Erfolg der ELGA in Österreich entscheiden werden. Es komme darauf an, „ELGA so zu bauen, dass die behauptete Verbesserung tatsächlich eintritt, konkret, dass ELGA so gut ist, dass Ärztinnen und Ärzte sie als Verbesserung wahrnehmen und gerne verwenden“, sagte Stärker. In Österreich gebe es noch offene Fragen zu klären, zum Beispiel den konkreten Modus bei situativem „opt-out“, wenn also der Patient partiell der Datenübermittlung widerspricht. Kosten und Kostenübernahme, genauere Suchfunktionen, kurze Abfragezeiten, die 24-Stunden-Verfügbarkeit an 365 Tagen machten eine weitere ELGA-Novelle notwendig. Vor allem die Dienstgeber, Krankenhausträger und Länder seien jetzt gefordert, dass ELGA besser in die Krankenhaussysteme integriert werde und die „Spitalärzte damit weniger Administration haben und punktgenauer suchen beziehungsweise auf eine moderne Doc-Architektur zurückgreifen können“, sagte Stärker.

Österreich: Offene Fragen bei Gesundheitskarte

So fordert die ÖÄK, dass die Anwenderfreundlichkeit sichergestellt werden müsse, was heißt: bestmögliche Einbindung der Karte in den Arbeitsalltag, Vermeidung von unnötigen Aktionen, Bewahrung der Handlungsfreiheit für die Ärzte, hohe Geschwindigkeit bei den Antwortzeiten sowie die Möglichkeit von medizinischen Suchfunktionen. Klärungsbedarf gebe es außerdem noch bezüglich der Finanzierung, der Teilnahmefreiwilligkeit und beim Thema Datenschutz und Datensicherheit.

Dagmar Nedbal