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Embryospende und -adoption: Umstrittene Option

Dtsch Arztebl 2016; 113(29-30): A-1373 / B-1157 / C-1137
THEMEN DER ZEIT
Richter-Kuhlmann, Eva

„Überzählige“ Embryonen, die auf Eis lagern, könnten gespendet und von anderen Paaren adoptiert werden – eine rechtliche Grauzone.

Eingefrorene Embryonen „verwaisen“ nach abgeschlossener Familienplanung. Ihre Spende und Adoption beruht derzeit nur auf einer liberalen Auslegung des Embryonenschutzgesetzes. Foto: dpa
Eingefrorene Embryonen „verwaisen“ nach abgeschlossener Familienplanung. Ihre Spende und Adoption beruht derzeit nur auf einer liberalen Auslegung des Embryonenschutzgesetzes. Foto: dpa

Das deutsche Embryonenschutzgesetz bedarf der Überarbeitung. Darauf wies der Deutsche Ethikrat im ersten Halbjahr 2016 bereits mehrfach hin. Dabei ist es nicht nur die neue CRISPR/Cas-Technologie, die mit ihren potenziellen Möglichkeiten eine gesellschaftliche Debatte und möglicherweise gesetzliche Anpassungen erfordert. Rechtliche Lücken bestehen auch bei einem längst etablierten Verfahren: der künstlichen Befruchtung.

Denn dabei entstehen vielfach „überzählige“ Embryonen – also solche, die für die fortpflanzungsmedizinische Behandlung des Paares, für das sie erzeugt wurden, endgültig nicht mehr verwendet werden können. Das Paar kann die mit ihrem Erbgut „imprägnierten“ Eizellen verwerfen – oder einem anderen Paar mit Kinderwunsch spenden. Dies ist nicht explizit verboten. Die Weitergabe dieser überzähligen Embryonen hat jedoch auch keine gesetzliche Grundlage, mahnte der Ethikrat im Frühjahr und legte Empfehlungen vor, wie Embryospende, Embryoadoption und Übernahme elterlicher Verantwortung geregelt werden könnten.

„Grundsätzlich statthaft“

Grundsätzlich hält der Deutsche Ethikrat Embryospenden für statthaft. „Die Spende kann zumindest einigen überzähligen Embryonen Lebenschancen eröffnen. Zugleich kann sie den Kinderwunsch von Personen erfüllen, die keine eigenen Kinder zeugen können oder wollen“, sagte Prof. Dr. med. Christiane Woopen, bis zum Frühjahr Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Je höher man den moralischen Status des Embryos in vitro ansetze, desto wichtiger sei es allerdings, die Entstehung überzähliger Embryonen zu vermeiden. Der Ethikrat mahnt deshalb an, die sogenannte Dreierregel, mit der im Embryonen-schutzgesetz von 1990 eine Überproduktion verhindert werden sollte, zu präzisieren. Zwar habe der Gesetzgeber eine Weitergabe befruchteter Eizellen verhindern wollen. Doch durch eine unterschiedliche Auslegung der „Dreierregel“ (nach der höchstens drei Embryonen pro Zyklus für die künstliche Befruchtung erzeugt beziehungsweise der Frau eingesetzt werden dürfen) bestünde eine Gesetzeslücke, die geschlossen werden müsse, erklärte die Medizinethikerin.

Das interdisziplinär besetzte Gremium empfiehlt ferner, die Elternschaft sowie die Rechte und Pflichten der Beteiligten rechtlich genau festzulegen und Embryospenden oder Embryoadoptionen nur im Rahmen eines zu schaffenden, staatlich geregelten Verfahrens zuzulassen. „Es gibt gute Gründe, den überzähligen Embryonen, die dennoch im Rahmen der Reproduktionsmedizin entstanden sind, eine vorhandene Lebensperspektive nicht zu verwehren“, betonte Woopen. Damit müssen jedoch nach Ansicht des Rates auch die Rechte des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung geregelt werden. In seiner Stellungnahme verweist er auf die vielfältigen Konflikte, die mit einer Embryospende/Embryoadoption verbunden sein können: beispielsweise mehrere Eltern und unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie das Kind aufwachsen soll.

Erste Kinder bereits geboren

Für die Ratsmitglieder steht fest: Das Kindeswohl muss die „wesentliche normative Maßgabe für die Ausgestaltung der Embryospende/Embryoadoption“ sein. Sie schlagen deshalb vor, eine zentrale Einrichtung mit der Zuordnung von Spender- und Wunscheltern nach ausgewiesenen Kriterien zu betrauen. Jedes Kind müsse das Recht auf eine Auskunft haben, ob und welche Informationen zu seiner genetischen Herkunft vorhanden sind.

Diese Forderungen sind alles andere als theoretisch: Denn 2013 haben sich von den 124 fortpflanzungsmedizinischen Zentren, die in Deutschland die künstliche Befruchtung durchführen, 21 zum „Netzwerk Embryonenspende“ zusammengeschlossen, in dem solche Spenden organisiert werden. Seitdem werden auch in Deutschland überzählige Embryonen zur Austragung und dauerhaften Übernahme elterlicher Verantwortung durch Dritte freigegeben – und Reproduktionsmediziner vor ethische und rechtliche Fragen gestellt (siehe folgendes Pro und Kontra). Dies sei auch der Anlass für die Stellungnahme gewesen, sagte Woopen.

Konkret sind hierzulande bis Ende vergangenen Jahres 57 Embryonen gespendet und 45 von ihnen einer anderen Frau eingesetzt wurden. Auf diesem Wege ist es zu 15 Schwangerschaften und sieben Geburten gekommen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

@Stellungnahme des Ethikrates im
Internet:http://d.aerzteblatt.de/LZ74