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Gesundheitsinformationen für die Praxis: Prävention von Schwangerschaftsdiabetes

Dtsch Arztebl 2019; 116(48): A-2256 / B-1848 / C-1796

Wilhelm, Christoph; Ellermann, Christin; Jenny, Mirjam

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Zum Diabetes-Monat November stellt das Deutsche Ärzteblatt die vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz entwickelte Faktenbox zum Thema Schwangerschaftsdiabetes vor. Sie soll Patientinnen laienverständlich informieren und kann im Arzt-Patienten-Gespräch zur Aufklärung dienen.

Während der Schwangerschaft können Blutzuckerwerte vorübergehend ansteigen. Sie sollten abgeklärt werden. Foto: ratmaner/iStock
Während der Schwangerschaft können Blutzuckerwerte vorübergehend ansteigen. Sie sollten abgeklärt werden. Foto: ratmaner/iStock

Zentrale Bestandteile evidenzbasierter Gesundheitsinformationen sind neben Informationen zum Verlauf und zu den Auswirkungen von Erkrankungen die Vor- und Nachteile einer medizinischen Intervention sowie Informationen zu Behandlungsalternativen (1). Ein einfaches Werkzeug, um Risiken transparent, laienverständlich und ausgewogen zu kommunizieren, sind Faktenboxen. Die zentralen Studienerkenntnisse werden dabei für die Interventions- und Kontrollgruppe in einer tabellarischen Zusammenfassung gegenübergestellt und weiterführende Informationen (unter anderem zur Pathogenese, Diagnostik, Therapie, Qualität der Evidenz) im Begleittext berichtet. Die Entwicklung von Faktenboxen orientiert sich an der Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation (1) und folgt einem transparenten und standardisierten Prozess (2). Diverse Studien haben belegt, dass Faktenboxen Patientinnen und Patienten helfen, die Vor- und Nachteile von medizinischen Maßnahmen zu verstehen (37).

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Merkmale des Schwangerschaftsdiabetes

Die Faktenbox Ernährungsberatung zur Prävention von Schwangerschaftsdiabetes (siehe Abbildung) soll schwangeren Frauen dabei helfen, den möglichen Nutzen einer Ernährungsberatung zur Vorbeugung eines Schwangerschaftsdiabetes abzuwägen.

Durch Veränderungen im Stoffwechsel während einer Schwangerschaft können Blutzuckerwerte vorübergehend ansteigen. Von einem Schwangerschaftsdiabetes (Gestationsdiabetes) wird gesprochen, wenn der Blutzuckerspiegel mehrere Male die Grenzwerte erreicht oder diese übersteigt. Etwa 4 von je 100 Frauen entwickeln einen Schwangerschaftsdiabetes (8).

Mögliche Folgen eines Schwangerschaftsdiabetes sind, dass Neugeborene bei der Geburt im Durchschnitt etwas größer und schwerer sind (über 4 000 g) (9). Dadurch steigt das Risiko für Geburtsverletzungen bei Mutter und Kind. Auch können Geburtsverzögerungen auftreten, die mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen während der Geburt (zum Beispiel eine verminderte Sauerstoffversorgung des Kindes) und für einen Kaiserschnitt einhergehen. Diese Notfallsituationen sind jedoch selten (8).

Ein erhöhter Blutzuckerspiegel erhöht das Risiko für die seltene Schwangerschaftserkrankung Präeklampsie, bei der der Blutdruck steigt, mehr Eiweiß mit dem Urin ausgeschieden wird und es zu Wassereinlagerungen im Körper (Ödemen) kommt. Eine unbehandelte Präeklampsie kann Mutter und Kind schaden (8).

Frauen zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche (6. bis 7. Monat) können einen Test auf Schwangerschaftsdiabetes in Anspruch nehmen. Der Test ist eine Standarduntersuchung und wird von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Beim sogenannten Zuckertest (Glukosetoleranztest) wird in einem ersten Schritt (Zuckervortest) in 200 ml Wasser gelöster Zucker (50 g Traubenzucker) getrunken und nach einer Stunde der Zuckergehalt im Blut überprüft. Übersteigt der Blutzucker den Normalwert von 7,5 Millimol pro Liter (mmol/L, 135 mg/dL), wird einige Tage später ein weiterer, etwas aufwendigerer Test angesetzt. Hierbei wird zunächst der Zuckergehalt im Blut auf nüchternen Magen abgenommen. Das bedeutet, dass acht Stunden vor der Blutabnahme nichts mehr gegessen und außer Wasser nichts mehr getrunken werden darf. Anschließend werden 75 g gelöster Zucker in 200 bis 300 ml Wasser getrunken und nach einer Stunde sowie erneut nach zwei Stunden Blut abgenommen und jeweils der Blutzucker bestimmt (Zuckertest) (8).

Die Rolle von Ernährungsberatungen

Eine Ernährungsberatung soll zur Reduktion von möglichen Risikofaktoren eines Schwangerschaftsdiabetes beitragen. Sie zielt darauf ab, das Bewusstsein von Frauen in Bezug auf ihre Ernährung zu erhöhen.

Die aktuelle Studienlage zum Nutzen und Schaden zeigt, dass Ernährungsberatungen das Auftreten eines Schwangerschaftsdiabetes und einer Präeklampsie nicht verhindern konnten. Jedoch litten etwa 7 von je 100 Frauen mit Ernährungsberatung seltener an einem schwangerschaftsbedingten Bluthochdruck. Unterschiede bei Kaiserschnitten oder Dammrissen konnten nicht festgestellt werden (8).

Die Studienteilnehmerinnen hatten vor der Schwangerschaft keinen Diabetes mellitus Typ I oder Typ II. Zudem wurden sie weder schon einmal auf Schwangerschaftsdiabetes getestet noch haben sie gleichzeitig an einer anderen Maßnahme zur Vorbeugung von einer übermäßigen Gewichtszunahme teilgenommen.

Aus den Studien geht nicht hervor, ob die Frauen bereits vor der Schwangerschaft übergewichtig (Body Mass Index, BMI > 25) oder fettleibig (adipös, BMI > 30) waren.

Zudem handelt es sich um sehr unterschiedliche Studien mit verschiedenen Forschungsfragen, verschiedenen Zeitpunkten der Untersuchung und unterschiedlichen Untersuchungsintervallen innerhalb der Schwangerschaft.

Kostenübernahme des Zuckertests

Der Zuckervortest mit 50 g Traubenzucker steht gegenwärtig durch seine geringere Aussagefähigkeit in der Kritik und entspricht nicht den Kriterien der Welt­gesund­heits­organi­sation und der Internationalen Vereinigung der Arbeitsgruppen zu Diabetes und Schwangerschaften. In der Praxis wird daher oft direkt der etwas aufwendigere Zuckertest mit 75 g Traubenzucker angeboten. Ohne den Zuckervortest im Vorhinein durchzuführen, ist dieser jedoch nicht bei gesetzlich Versicherten abrechenbar, und Schwangere müssen ihn selbstständig als sogenannte Individuelle Gesundheitsleistung zahlen (10).

Christoph Wilhelm, Christin Ellermann,
Dr. phil. Mirjam Jenny

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4819
oder über QR-Code.

1.
Lühnen J, Albrecht M, Mühlhauser I, Steckelberg A: Leitlinie evidenzbasierte Gesundheitsinformation. Hamburg: Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V. (Hg.) 2017.
2.
Hinneburg J, Wilhelm C, Ellermann C: Methodenpapier für die Entwicklung von Faktenboxen. Berlin: Harding-Zentrum für Risikokompetenz (Hg.), Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 2018.
3.
Schwartz LM, Woloshin S, Welch HG: The drug facts box: providing consumers with simple tabular data on drug benefit and harm. In: Medical Decision Making 2007; 27 (5): 655–62. doi: 10.1177/0272989x07306786 CrossRef MEDLINE
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6.
Loizeau AJ, Theill N, Cohen SM, Eicher S, Mitchell SL, Meier S, McDowell M, Martin M, Riese F: Fact box decision support tools reduce decisional conflict about artificial hydration and antibiotics for pneumonia in advanced dementia: A randomized controlled trial. In: Age and Ageing 2019; 48 (1): 67–74. doi: 10.1093/ageing/afy149 CrossRef MEDLINE
7.
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8.
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9.
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10.
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