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Ärztenachwuchs hat wenig Interesse an Chefarzt-Posten oder eigener Praxis

Mittwoch, 26. Juli 2017
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Hamburg – Immer weniger Ärzte und vor allem Ärztinnen in Deutschland können sich eine freiberufliche Tätigkeit in einer eigenen Praxis vorstellen. Die meisten Nachwuchsärzte, die sich im vierten Jahr ihrer Weiterbildung befinden, möchten auch später im Krankenhaus bleiben oder als Facharzt angestellt sein. Das zeigen die jüngsten Ergebnisse einer Längsschnittstudie in der DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift (2017; doi: 10.1055/s-0043-101860). Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist dennoch davon überzeugt, dass ihre Anreize zur Niederlassung Wirkung zeigen – zu einem späteren Zeitpunkt der Berufslaufbahn.

Die KarMed-Studie des Instituts für Allgemeinmedizin in Hamburg erforscht die Karrierewünsche von Nachwuchsärzten in Deutschland. Bereits bei ersten Befragungen aus den Jahren 2008/2009 – die Mediziner befanden sich damals am Ende ihres Studiums im Praktischen Jahr – zeigten die zukünftigen Ärzte wenig Interesse an traditionellen Berufskarrieren. Chefarzt einer großen Klinik oder Besitzer einer eigenen Praxis zu sein, war für viele kein erstrebenswertes Ziel. Vor allem Frauen, heute die Mehrzahl der Medizinstudierenden, gaben an, sie würden eine angestellte Tätigkeit vorziehen, gerne auch in Teilzeit.

Inzwischen befinden sich die Befragten im vierten Jahr ihrer beruflichen Weiterbildung, die in der Regel im Krankenhaus erfolgt. Von den ursprünglich kontaktierten
2.107 Personen kamen 1.012 Fragebogen zurück. In den Folgejahren nahm die Rücklaufquote stets um 85 Prozent und mehr ab.

Angestellt im Versorgungszentrum wird der Praxis vorgezogen

Das Ergebnis der Umfrage zeigt: Die meisten leben in einer festen Partnerschaft. Etwa 30 Prozent haben Kinder. Obwohl das Ende der Weiterbildung bevorsteht und die Ärzte dann die Möglichkeit hätten, sich als Facharzt niederzulassen, möchten 51 Prozent weiter in der Klinik arbeiten. Unter denjenigen, die gerne im ambulanten Bereich arbeiten möchten, würden viele eine angestellte Tätigkeit, etwa in einem medizinischen Versorgungszentrum, einer eigenen Praxis vorziehen. Bei den Frauen war dies mit 52 Prozent sogar die Mehrheit.

Dass Mediziner das Krankenhaus als Arbeitsstätte bevorzugen, stellt rückblickend die wichtigste Veränderung der Berufspräferenzen seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland dar, schreibt Stine Ziegler vom Institut für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Sie hat die Umfrage mit Hendrik van den Bussche und weiteren Kollegen ausgewertet. In der Vergangenheit habe die Mehrheit der Ärzte nach dem Ende der Weiterbildung eine selbstständige Tätigkeit angestrebt.

Kinderärzte, Orthopäden und Unfallchirurgen ticken anders

Am ehesten könnten sich Kinderärzte eine eigene Praxis vorstellen. Die Hälfte der männlichen und zwei Drittel der weiblichen Kinderärzte gaben an, dass sie eine Tätigkeit als Kassenarzt anstreben. Auch bei den Internisten, Orthopäden und Unfallchirurgen möchte die Mehrheit das Krankenhaus nach dem Ende der Weiterbildung verlassen. Für Anästhesisten kommt dies nur in seltenen Fällen infrage. Auch Chirurgen und Frauenärzte möchten mehrheitlich im Krankenhaus bleiben.

Dort streben nicht alle Ärzte eine Führungsposition an. Vor allem Ärztinnen würden sich häufig mit einer Tätigkeit als Assistenzarzt begnügen, berichtet Ziegler. Insgesamt war der Anteil der Ärztinnen, die „nur“ als Fachärztin ohne Leitungsaufgaben im Krankenhaus tätig bleiben wollten, dreimal größer als bei ihren männlichen Kollegen, und dass obwohl die Frauen unter den Nachwuchsärzten in der Mehrheit sind: Mehr als 60 Prozent aller Absolventen des Medizinstudiums sind weiblich.

KBV schafft Anreize für die eigene Praxis

Die Ergebnisse stimmen mit anderen Untersuchungen, etwa des Marburger Bundes, überein. Nach Ansicht von Ziegler und van den Bussche ist die Politik und hier vor allem die KBV gefragt. Diese müssten dem Nachwuchs neue Tätigkeitsformen anbieten, um sie für den ambulanten Bereich zu gewinnen. Ansonsten würden die Ärzte in andere Bereiche abwandern.

Die KBV ist überzeugt, dass sie bereits viele Maßnahmen ergriffen haben, die jedoch erst zu einem späteren Zeitpunkt Effekte zeigen. Ihrer Meinung nach belegt die Studie zum einen, dass junge Ärzte zunächst dem Trend zur Anstellung folgen. „Im vertragsärztlichen Bereich gibt es mittlerweile über 20.000 angestellte Mediziner“, sagt der KBV-Pressesprecher Roland Stahl. „Das heißt aber nicht, dass es dann dabei bleibt. Viele werden sehr wohl zu einem späteren Zeitpunkt an die selbständige Niederlassung denken“, ist Stahl überzeugt.

Das Spektrum der von KBV und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) geschaffenen Anreize sei groß: „Finanzielle Anreize wie Umsatzgarantien und Investitionsförderungen bis hin zu komplett eingerichteten Praxen in Form von Eigeneinrichtungen der KVen“, nennt Stahl als Beispiele. Über die verschiedenen Angebote informieren KBV und KVen auf einem zentralen Informationsportal: www.lass-dich-nieder.de

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