aerzteblatt.de

Debatte um Honorardaten des Statistischen Bundesamtes

Freitag, 18. August 2017
/nito, stock.adobe.com

Berlin – Wieviel Geld Arztpraxen in Deutschland im Jahr 2015 eingenommen haben und aus welchen Quellen dieses stammt, hat das Statistische Bundesamt (Destatis) am Dienstag vermeldet. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat die Zahlen nun analysiert. Das Ergebnis: Die von Destatis veröffentlichten Honorardaten sind nicht geeignet, um die wirtschaftliche Lage von Vertragsarztpraxen korrekt beurteilen zu können. Die Psychotherapeuten erklärten unterdessen, die Destatis-Angaben verdeutlichten, wie benachteiligt die Fachgruppe bei den Honoraren sei.

Kritik übten die Wissenschaftler des Zi unter anderem daran, dass das Statistische Bundesamt für seine Kostenstrukturanalyse vornehmlich größere, umsatzstarke Praxen befragt hat. Kleinere Praxen ohne angestellte Mitarbeiter und neu gegründete Praxen seien in der Statistik kaum berücksichtigt worden, dafür aber reine Privatpraxen, hieß es.

Nur Praxen, nicht Ärzte beleuchtet

Ein weiteres Problem sei, dass das Statistische Bundesamt in einer Mitteilung nur den Reinertrag einer Arztpraxis ausweise. Dieser liege deutlich über dem Reinertrag eines Arztes, da in vielen Praxen mittlerweile mehrere Ärzte tätig seien, erklärten die Zi-Wissenschaftler. Deshalb habe der veröffentliche Betrag „kaum Aussagewert und könnte in der Öffentlichkeit eher ein falsches Bild erzeugen“.

Das Statistische Bundesamt hatte am Dienstag bekanntgegeben, dass der durchschnitt­liche Reinertrag einer Arztpraxis (nach Abzug von Betriebskosten) im Jahr 2015 bei 258.000 Euro gelegen habe. Beim Reinertrag je Inhaber sind die Wiesbadener Statis­tiker auf einen Wert von 190.000 Euro gekommen. Er berücksichtigt Überschüsse aus kassen- und privatärztlicher Tätigkeit.

Zi-Praxis-Panel

Das Zi hatte kurz zuvor Zahlen des Zi-Praxis-Panels veröffentlicht. Danach betrug der Reinertrag beziehungsweise Jahresüberschuss aus kassen- und privatärztlicher Tätig­keit im Jahr 2015 durchschnittlich 161.000 Euro. Der Überschuss aus GKV-Einnahmen lag bei 132.000 Euro und damit unter dem Referenzeinkommen angestellter Oberärzte. Analysiert wurden die Angaben von über 4.300 Praxen aus allen ärztlichen Fach­gebieten sowie der Psychologischen Psychotherapeuten.

Auch wenn die Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes die finanzielle Situation der vertragsärztlichen und vertragspsychotherapeutischen Praxen nur unzureichend abbilden können, zeigt sich aus Sicht der Zi-Wissenschaftler auch in diesen Daten eine bedenkliche Entwicklung: Die Investitionen in der ambulanten Versorgung nehmen ab.

Einen Grund dafür sieht Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried darin, dass die GKV-Umsätze nicht ausreichend gewachsen sind. „Während die allgemeinen Reallöhne zwischen den Jahren 2011 und 2015 um 9,3 Prozent gestiegen sind, erhöhten sich die GKV-Einnahmen nur um 7,5 Prozent. Gleichzeitig verzeichneten die Praxen bei den Personalkosten ein Plus von 6,7 Prozent.“ Um diese höheren Kosten schultern und trotzdem an der allgemeinen Einkommensentwicklung teilnehmen zu können, könnten die Praxen nicht in ausreichendem Umfang investieren. Das zeige sich in dem Rück­gang der Sachaufwendungen um 6,3 Prozent.

Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) wies angesichts der Zahlen aus Wiesbaden darauf hin, dass Ärzte bei vergleichbarer Arbeitszeit „drei- bis viermal soviel wie Psychotherapeuten“ verdienten. „Das liegt insbesondere an den geringen Einnahmen durch die Behandlung gesetzlich versicherter Patienten. Seit mehr als 15 Jahren kämpfen die Psychotherapeuten deshalb vor den Gerichten um mehr Gerechtigkeit bei der Honorarverteilung der Kassenärztlichen Vereinigungen“, sagte die DPtV-Bundesvorsitzende Barbara Lubisch. Sie wies darauf hin, dass zum anderen die Einnahmen der Psychotherapeuten durch Privatbehandlungen sehr gering seien. „Die Behandlung von Privatpatienten wird kaum höher vergütet als die Behandlung von gesetzlich Versicherten,” betonte Lubisch.

Sie beklagte zudem, dass die Benachteiligung immer mehr zunimmt. Seit der Erhebung des Statistischen Bundesamtes 2011 hätten die somatisch tätigen Arztgruppen durch die jährlichen regionalen Honorarverhandlungen deutlich mehr zugelegt als die Psycho­therapeuten, so Lubisch. Die Kluft zwischen den Einkommen der Ärzte und der Psycho­therapeuten werde immer größer. Und das, obwohl das Bundessozialgericht seit 1999 immer wieder entschieden habe, dass der Bewertungsausschuss die Einkommens­ent­wicklung der Psychotherapeuten in regelmäßigen Abständen an die der Ärzte anpassen müsse. „Dieser Auflage ist der Bewertungsausschuss seit 2008 nicht mehr nachgekom­men“, bemängelte die DPtV-Bundesvorsitzende.

Sie forderte die nächste Bundesregierung auf, mit einer gesetzlichen Klarstellung den Bewertungsausschuss dazu zu verpflichten, die Psychotherapie im Bereich der gesetz­lichen Krankenversicherung so zu vergüten, dass Psychotherapeuten bei gleichem Arbeitseinsatz dasselbe verdienen können wie Ärzte der somatischen Medizin.

© may/EB/aerzteblatt.de