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Antikörper drängte HI-Viren über zehn Monate zurück

Mittwoch, 26. Juli 2017
Sven Hoppe - stock.adobe.com

Bethesda - Ein breitneutralisierender Antikörper hat im ersten klinischen Test bei einem Patienten mit akuter HIV-Infektion die Virusreplikation zehn Monate lang unterdrückt. US-Forscher berichten auf der 9. IAS Conference on HIV Science (IAS 2017) in Paris über den ungewöhnlichen Fall.

In den letzten Jahren wurden im Blut von HIV-Infizierten Antikörper gefunden, die mehrere HIV-Stämme wirksam sind. Diese breitneutralisierenden Antikörper, die inzwischen gentechnisch in beliebiger Menge (wenn auch zu hohen Kosten) hergestellt werden können, werden derzeit als neuer Ansatz in mehreren klinischen Studien getestet. Eine Studie wurde vom HIV Research Program des US-Militärs in Thailand an Personen durchgeführt, bei denen anlässlich einer Blutspende eine akute HIV-Infektion entdeckt wurde.

Nach der Ansteckung mit dem HI-Virus vergehen nach heutigem Kenntnisstand etwa 10 Tage, bis die Infektion mit diagnostischen Tests erkannt werden kann. Im Stadium Fiebig I ist ausschließlich virale RNA im Blut nachweisbar. Im Stadium Fiebig II, das etwa 15 Tage nach der Infektion beginnt, tritt das Antigen p24 auf. In den darauffolgenden Tagen erreicht die Virämie ihren Höhepunkt, bis etwa ab dem 20. Tag die ersten Antikörper auftreten. Diese sind zunächst nur im ELISA nachweisbar (Fiebig III). Erst im Stadium Fiebig IV fällt dann auch der Western Blot positiv aus.

Die Forscher gehen davon aus, dass sich in den Stadien Fiebig I bis III noch keine nennenswerten Virusreservoire im Körper gebildet haben. Die Infektion könnte in diesem Stadium im Prinzip noch heilbar sein. Für den Einsatz von breitneutralisierenden Antikörpern in diesen Stadien spricht, dass die Viren genetisch noch homogen sind. In den wenigen Replikationszyklen dürfte es noch nicht zu vielen Mutationen gekommen sein.

Das HIV Research Program hat den neuen Ansatz in einer ersten Studie getestet. An der Studie nahmen 18 Patienten mit akuter HIV-Infektion in den Stadien I bis III teil. Alle Patienten waren bereits 2,3 bis 6,6 Jahre mit antiretroviralen Medikamenten behandelt worden, die die Virusreplikation unterdrückt hatten. In der Studie wurden sie auf zwei Gruppen randomisiert. Die eine Gruppe erhielt alle drei Wochen eine intravenöse Infusion mit dem breitneutralisierenden Antikörper VRC01, der in Tierexperimenten bei Affen eine gute Wirkung erzielt hatte. In der anderen Gruppe enthielten die Infusionen keine Antikörper. Die antiretroviralen Medikamente wurden zu Beginn der Studie abgesetzt.

In der Placebogruppe kam es bei allen Teilnehmern nach ein bis zwei Wochen zu einem Virus-Rebound. Es waren wieder Viren im Blut nachweisbar. In der anderen Gruppe konnte der Virus-Rebound durch die Infusionen von VRC01 hinausgezögert werden. Nach und nach setzte die Virusreplikation trotz fortgesetzter Antikörper-Infusionen ein. Die einzige Ausnahme war ein 24 Jahre alter Mann. Bei ihm konnten die Antikörper die Virusreplikation kontrollieren. Auch als nach 24 Wochen die Studie beendet wurde und der Patient keine Antikörper-Infusionen mehr erhielt, blieb die Viruskonzentration unter der Nachweisgrenze. Erst 42 Wochen nach der letzten Antikörper-Infusion kam es dann zu einem Anstieg der Viruskonzentration.

Das Team um Jintanat Ananworanich hat derzeit keine Erklärung dafür, warum die Virussuppression nach dem Ende der Therapie über zehn Monate anhielt, obwohl die breitneutralisierenden Antikörper aus dem Körper eliminiert wurden. Unklar ist auch, warum es am Ende doch noch zu einem Rückfall der Infektion kam, die vermutlich die Neuaufnahme einer lebenslangen antiretroviralen Therapie erforderlich machten wird.

Offen ist, ob die Behandlung in weiter fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung sinnvoll sein könnte. Da die Antikörper über eine Infusion verabreicht werden, ist die Behandlung nicht ohne Risiken. Bei einem Patienten musste die Behandlung gleich nach der ersten Infusion abgebrochen werden, weil es zu einer genereralisierten Urtikaria gekommen war. Die anderen Patienten sollen die regelmäßigen Infusionen gut vertragen haben.

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