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Mikronadel-Pflaster ermöglicht schmerzlose Grippeimpfung in Selbstmedikation

Mittwoch, 28. Juni 2017

Atlanta – Eine Grippeimpfung könnte in Zukunft auch ohne den Gang zum Arzt möglich werden. US-Bioingenieure haben ein Mikronadel-Pflaster entwickelt, das den Impfstoff intradermal appliziert und in einer ersten Studie im Lancet (2017; doi: 10.1016/S0140-6736(17)30575-5) einen zuverlässigen Impfschutz erzielte, auch wenn die Impfung vom Patienten in Eigenregie durchgeführt wurde.

Die Grippe-Impfung hat sich seit Jahrzehnten nicht geändert. Der Impfstoff, der im Kühlschrank gelagert werden muss, wird vom Arzt mit einer Einmalspritze in die Tiefe des Deltamuskels im Oberarm injiziert. Für die meisten Patienten ist dies ein schmerz­haftes Erlebnis, das viele von der jährlichen Wiederholung abhält. 

Ein neuartiges Applikationssystem, das ein Team um Mark Prausnitz vom Georgia Institute of Technology in Atlanta entwickelt hat, könnte den Patienten die Unan­nehmlichkeit, die mit der jährlichen Grippeimpfung verbunden ist, ersparen. Das runde wenige Zentimeter große Pflaster ist mit etwa hundert haarfeinen Nadeln besetzt, die den Impfstoff in die Haut injizieren. Die Nadeln lösen sich nach der Applikation auf und das Pflaster kann nach einiger Zeit schmerzfrei entfernt werden.

Die Anwendung ist für den Patienten weitgehend schmerzlos, verspricht der Erfinder, und der Impfstoff müsste nicht im Kühlschrank gelagert werden. Er könnte mit der Post verschickt werden und vom Patienten selbst angewendet werden. 

Eine Klinik in Atlanta hat das Applikationssystem in einer ersten klinischen Studie getestet. Ingesamt 100 Probanden wurden per Los auf vier Gruppen verteilt. Eine Gruppe erhielt die Grippe-Impfung auf konventionellem Weg als intramuskuläre Injektion, eine zweite Gruppe wurde vom Arzt mit dem Mikronadel-Pflaster geimpft, eine dritte Gruppe wendete das neue Applikationssystem selbst an und in einer vierten Gruppe gab das Applikationssystem keinen Impfstoff, sondern ein Placebo ab.

Ergebnis: Die Impfung mit dem Applikationssystem erzielte die gleichen Antikörper-Titer wie die konventionelle Impfung, wobei es keinen Unterschied machte, ob das Mikronadel-Pflaster vom Arzt oder vom Patienten selbst aufgeklebt wurde. 

Nach der intramuskulären Injektion gaben 60 Prozent eine Empfindlichkeit und 44 Pro­zent ein Schmerzgefühl an. Nach der Anwendung des Nadel-Pflasters gaben zwar ebenfalls 66 Prozent der Patienten eine Empfindlichkeit an, bei 82 Prozent kam es zum Juckreiz und bei 40 Prozent zu einer Rötung. Schmerzen gab jedoch keiner der Patien­ten an.

Der Erfinder hat bereits eine Firma gegründet, die das Mikronadel-Pflaster vermarkten soll. Der Impfstoff könnte nach Ansicht von Prausnitz wirtschaftlich mit den derzeitigen Einmalspritzen konkurrieren, da die Notwendigkeit einer Kühlkette und auch die Arzt­kosten für die Injektion entfallen. Es bleibt abzuwarten, ob Impfstoffhersteller sich für die Innovation interessieren werden. Die Arzneimittelbehörden dürften vor einer Zulassung auf die Durchführung weiterer Studien bestehen.

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