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Arzneimittelausgaben steigen weiter an

Montag, 26. September 2016
/dpa

Berlin – Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sind im Jahr 2015 um 1,5 Milliarden Euro auf 36,9 Milliarden Euro angestiegen. Damit erhöhten sich die Ausgaben für Arzneimittel mit 4,3 Prozent stärker als die Gesamtausgaben der GKV, die um 3,9 Prozent anstiegen. Das geht aus dem Arzneiverordnungs-Report 2016 hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde.

Grund dafür sei vor allem die Kosten­entwicklung im Bereich der patentgeschützten Fertigarzneimittel, die im Vergleich zum Vorjahr um 9,7 Prozent auf 14,9 Milliarden Euro angestiegen seien, wie der Herausgeber des Reports, Ulrich Schwabe vom Pharma­­kologischen Institut der Universität Heidelberg, vor Journalisten in Berlin erklärte. Für diesen Anstieg seien nur wenige Arzneimittel verantwortlich, allen voran Humira, Harvoni, Xarelto und Lucentis.

Einige dieser Arzneimittel seien dabei nicht ohne Risiken, betonte Schwabe. So seien zu den neuen direkten oralen Antikoagulantien wie Xarelto oder Eliquis bisher 11.000 Meldungen über schwerwiegende Blutungen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eingegangen.

Kostenanstieg nicht auf Verordnungsverhalten der Ärzte zurückzuführen
Maßgeblich für den Anstieg der Arzneimittelkosten im Patentmarkt sei die Preisent­wick­lung gewesen und nicht die Zahl der verordneten Packungen, erklärte der Geschäfts­führer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, Jürgen Klauber. Der Kostenanstieg im Patentmarkt sei daher nicht auf das Verordnungsverhalten der Ärzte zurückzuführen.

Vor allem bei den Onkologika gebe es einen stetigen Anstieg der Kosten, der in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen werde, betonte der Vorsitzende der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig. Prognosen des IMS Institute for Healthcare Informatics zufolge würden 2020 allein die fünf im Umsatz führenden europäischen Länder Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien mehr als 30 Milliarden US-Dollar für Onkologika ausgeben.

Ludwig: Design klinischer Studie ist auf rasche Zulassung ausgerichtet
„Bei der Entwicklung neuer Krebstherapien steht häufig das ökonomische Interesse der pharmazeutischen Unternehmer im Vordergrund. Dementsprechend ist das Design der klinischen Studien eher auf eine rasche Zulassung als auf den Nachweis eines überzeugenden therapeutischen Fortschritts ausgerichtet“, kritisierte Ludwig. „Die Gesundheitspolitik muss dem von der Pharmaindustrie verfolgten Prinzip einer vorwiegend marktwirtschaftlich orientierten Preisgestaltung wirksamer begegnen.“ So müsse unter anderem die späte Nutzenbewertung, die zwei bis drei Jahre nach Markteintritt ansetzt, stärker an Bedeutung gewinnen.

Im Gegensatz zum Patentmarkt sei der Umsatz von Generika im Jahr 2015 weiter gesunken, erklärte Klauber, um 0,7 Prozent auf 15,4 Milliarden Euro. Die zumeist europaweiten Rabattausschreibungen hätten 2015 im Vergleich zum Vorjahr GKV-weit um 469 Millionen Euro zugelegt und einen neuen Höchstwert bei den Einsparungen von rund 3,7 Milliarden Euro erreicht.

Schwabe: Bundesregierung hat das AMNOG aufgeweicht
Ulrich Schwabe kritisierte, dass die Bundesregierung die ursprünglich im Arzneimittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG) angelegten Einsparpotenziale in den vergange­nen Jahren wieder eingeschränkt habe, zum Beispiel indem sie die frühe Nutzen­bewertung für Medikamente des Bestandsmarktes aufgehoben oder Ausnahme­regelungen für Orphan Drugs geschaffen habe.

Im Jahr 2015 habe die GKV insgesamt 925 Millionen Euro durch die Rabatte eingespart, die der GKV-Spitzenverband mit den Herstellern neuer Arzneimittel ausgehandelt habe. „Diese Summe hätte noch deutlich höher ausfallen können, wenn das AMNOG nicht aufgeweicht worden wäre“, kritisierte Schwabe.

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