aerzteblatt.de

Emotionen des Gegenübers verändern den Geruchssinn

Montag, 28. August 2017
/ goanovi, stock.adobe.com

Bochum – Derselbe Geruch riecht immer anders. Denn der emotionale Gesichts­ausdruck anderer Menschen beeinflusst, wie wir selbst einen Duft empfinden. Grund­lage für diesen Effekt scheint die Aktivität eines Hirnbereiches zu sein, der für das Riechen zuständig ist und schon vor der Wahrnehmung eines Geruches aktiv wird. Das berichten Neuropsychologen der Ruhr-Universität Bochum in Scientific Reports (2017; doi: 10.1038/s41598-017-09295-x).

Das Team um Patrick Schulze, Anne-Kathrin Bestgen und Boris Suchan untersuchte mithilfe der funktionalen Magnetresonanztomographie (fMRT), wie das Gehirn emotionale Informationen und Gerüche zusammen verarbeitet. Dazu zeigten sie 17 Probanden zuerst ein Foto von einem Menschen mit glücklichem, neutralem oder angeekeltem Gesichtsausdruck und ließen die Versuchsteilnehmer im Anschluss einen von zwölf Gerüchen bewerten.

Der Gesichtsausdruck wirkte sich auf die Wahrnehmung der Düfte aus. Probanden fanden denselben Geruch angenehmer, wenn sie vorher ein glückliches Gesicht gesehen hatten, als wenn ihnen vorher ein angeekeltes Gesicht gezeigt worden war. Das galt sowohl für Aromen wie Karamell oder Zitrone als auch für den Geruch nach Schweiß oder Knoblauch. Nur den Geruch nach Fäkalien konnte auch ein positiver Gesichtsausdruck nicht aufwerten.

Erwartung beeinflusst Wahrnehmung

„Wenn wir jemanden sehen, der ein angewidertes Gesicht macht, weil er einen schlechten Geruch in der Nase hat, kommt einem selbst der Geruch auch gleich unangenehmer vor“, erklärt Patrick Schulze, einer der Autoren. Grund dafür, dass Menschen denselben Geruch unterschiedlich bewerten können, ist ein bestimmter Teil des Riechhirns – der piriforme Kortex. Er schaltet sich schon vor dem Wahrnehmen eines Geruches ein. Der piriforme Kortex verarbeitet das, was wir sehen, und kreiert eine Erwartung, wie der Geruch riechen wird. Diese beeinflusst dann, wie wir den Duft tatsächlich empfinden. In den fMRT-Daten zeigte sich, dass die Zellen des piriformen Kortex aktiv wurden, noch bevor ein Geruch in der Luft lag.

In früheren Studien hatten Forscher Gerüche und Bilder immer zeitgleich präsentiert. „Erst dadurch, dass wir das Zusammenspiel von Gerüchen und visuellen Informationen zeitlich getrennt voneinander untersucht haben, wurde sichtbar, dass der piriforme Kortex vor dem eigentlichen Riechen aktiv ist“, beschreibt Suchan das Besondere der Studie. Im nächsten Schritt wollen die Bochumer Neuropsychologen analysieren, welche Rolle der piriforme Kortex bei der Körperwahrnehmung spielt. „Wir vermuten eine soziale Komponente“, so Suchan.

© gie/EB/aerzteblatt.de