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Virtuelle Ambulanz für junge Diabetespatienten gestartet

Mittwoch, 5. Juli 2017
/S.Kobold, stock.adobe.com

Lübeck – Eine virtuelle Diabetes-Ambulanz soll die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein verbessern und ihnen weite Wege ersparen. Durch die flexiblen virtuellen Beratungsgespräche würden die betroffenen Familien deutlich entlastet, sagte gestern die Diabetologin und Projektleiterin, Simone von Sengbusch. Die Beratung wird auf Deutsch, Englisch oder Türkisch angeboten.

„Das Modell ist beispielhaft für den sinnvollen Einsatz von Telemedizin. Ich bin froh, dass so etwas jetzt endlich auch bei uns möglich ist“, erklärte der neue Ge­sund­heits­mi­nis­ter in Schleswig-Holsteins, Heiner Garg (FDP). An dem bis 2019 befristeten Modellprojekt sind das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, das Städtische Krankenhaus Kiel und die AOK Nordwest beteiligt.

Bei der Virtuellen Diabetesambulanz übermitteln die Patienten zusätzlich zu den vierteljährlichen Terminen bei ihrem behandelnden Arzt monatlich ihre Blutzuckerwerte an die Experten der Diabetesambulanzen des Universitätsklinikums (UKSH) in Kiel oder Lübeck. Das geschieht vom heimischen Computer aus per Webcam und Telefon, auch abends oder am Wochenende.

Mehr Sicherheit, weniger Fahrtzeit

„Das gibt den Familien zusätzliche Sicherheit und erspart ihnen weite Wege, denn kinderdiabetologische Zentren gibt es nur am Universitätsklinikum in Kiel und Lübeck“, sagte von Sengbusch. Sie betonte aber auch, das neue Angebot ersetze nicht komplett den persönlichen Kontakt zum Arzt. „Die Kinder bleiben weiterhin in Betreuung bei ihrem Arzt oder Diabetologen, der auch nach wie vor einmal pro Quartal den wichtigen HbA1c-Wert bestimmt“, so von Sengbusch.

Das Projekt wird vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Universität zu Lübeck evaluiert. Dabei soll bewertet werden, ob das telemedizinische Projekt die erhofften Vorteile in der Versorgung gebracht hat und gleichzeitig wirtschaftlich war.

Die Gesamtkosten in Höhe von 1,7 Millionen Euro werden aus dem Innovationsfonds beim gemeinsamen Bundes­aus­schuss finanziert. Damit sollen neue Versorgungsformen und die qualitative Weiterentwicklung der Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Deutschland gefördert werden. Teilnehmen können bislang die Versicherten der AOK Nordwest, Barmer, DAK-Gesundheit, IKK Nord, Techniker Krankenkasse und einiger Betriebskrankenkassen. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft begrüßte das Projekt. „Diese virtuelle Ambulanz ist zukunftsweisend“, sagte der Leiter des Kinder- und Jugendkrankenhauses Auf der Bult in Hannover, Thomas Danne. Die meisten Diabeteszentren seien an Universitäten angesiedelt, das bedeute für die Familien weite Wege zu den regelmäßigen Beratungsterminen. Diese seien notwendig, auch weil die Diabetestechnologie immer aufwendiger und komplizierter werde. „Die Diabetesbehandlung erfordert von Eltern und Kindern eine hohe Motivation. Es wird interessant sein, herauszufinden, ob die durch den virtuellen Kontakt gestärkt werden kann“, sagte Danne.

In Schleswig-Holstein leiden nach Angaben des UKSH rund 1.200 Kinder und Jugendliche an Diabetes mellitus Typ 1. Bundesweit sind nach Schätzungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft rund 30.000 Patienten betroffen.

© dpa/may/aerzteblatt.de