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Imatinib lindert Asthma durch Beseitigung der Mastzellen

Freitag, 19. Mai 2017

Boston – Der Kinasehemmer Imatinib, der die Bildung von Leukozyten mit dem Philadelphia-Chromosom stoppt und dadurch vor Jahren erstmals eine gezielte Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie (CML) ermöglicht hat, kann in den Bronchien die Zahl der Mastzellen vermindern, was in einer „Proof-of-Principle“-Studie im New England Journal of Medicine (2017; 376: 1911-1920) die Behandlungsergebnisse von Patienten mit Therapie-refraktärem Asthma bronchiale verbessert hat. 

Das 2001 eingeführte Imatinib gilt als erstes zielgerichtetes Medikament der Krebstherapie. Die Wirkung bei der CML kommt durch die Hemmung einer BCR-ABL-Kinase zustande, die die Proliferation der Leukämie-Zellen vorantreibt. Eine Neben­wirkung der Behandlung  ist ein Abfall der Mastzellen. Er wird auf die Hemmung einer anderen Kinase zurückgeführt, die die Signale des sogenannten Stammzellfaktors über den KIT-Rezeptor weiterleitet. Der Stammzellfaktor spielt vor allem in der embryonalen Entwicklung des blutbildenden Gewebes eine wichtige Rolle. Später wird er nur noch von Mastzellen gebildet. Dies ermöglicht eine zielgerichtete Therapie von Erkrankungen, bei denen Mastzellen vermehrt aktiv sind. Dies ist unter anderem beim Asthma bronchiale der Fall, wo ein Anstieg der Mastzellen in den Bronchien am Krankheitsgeschehen beteiligt ist.

US-Mediziner haben jetzt erstmals in einer klinischen Studie untersucht, ob Imatinib beim chronischen Asthma bronchiale wirksam ist. An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen an mehreren US-Zentren 62 Patienten teil, deren Erkrankung auch durch eine hochdosierte Behandlung mit inhalativen und oralen Kortikosteroiden nicht ausreichend kontrolliert werden konnte. Die Patienten wurden über sechs Monate mit Imatinib (zunächst 200 mg/die, dann 400 mg/die) oder mit Placebo behandelt. Primärer Endpunkt war die Hyperreaktivität der Atemwege im Methacholin-Provokationstest. Gemessen wurde die Konzentration von Methacholin, die erforderlich ist, um das forcierte Exspirationsvolumen in 1 Sekunde (FEV1) um 20 Prozent zu vermindern.

Wie das Team um Elliot Israel vom Brigham and Women's Hospital in Boston berichtet, konnte die Methacholin-Konzentration in der Imatinib-Gruppe in den ersten drei Monaten um 1,70 „Doubling Doses“ gesteigert werden, bis es zum Abfall der FEV1 kam, die eine Bronchokonstriktion anzeigt. In der Placebo-Gruppe war nur eine Steigerung um 1,07 „Doubling Doses“ möglich. Der Unterschied war laut Israel klinisch relevant. Er deutet auf eine gute Wirkung hin, die in den folgenden drei Monaten noch einmal gesteigert werden konnte. Das Signifikanzniveau wurde jedoch wegen der geringen Teilnehmerzahl nicht erreicht. Ein Zufallsergebnis kann deshalb nicht ausgeschlossen werden.

Weitere Ergebnisse der Studie deuten jedoch auf eine echte Verbesserung der Krankheitsaktivität hin. Dazu gehört ein Abfall der Tryptase-Konzentration im Serum um 2,02 ng/ml in der Imatinib-Gruppe (bei gleichbleibenden Werten in der Placebo-Gruppe) sowie ein leichter Abfall der Tryptase-Konzentration in der Bronchiallavage (gegenüber einem leichten Anstieg in der Placebo-Gruppe). In den Biopsien der Bronchialmuskulatur, die zu Beginn und nach Abschluss der Behandlung durchgeführt wurden, kam es in der Imatinib-Gruppe zu einem stärkeren Rückgang der Mastzellen (aber auch hier wurde das Signifikanzniveau nicht erreicht).

Insgesamt können die Ergebnisse der Studie eine Wirksamkeit von Imatinib nicht sicher belegen, was in der „Proof-of-Principle“-Studie mit kleiner Teilnehmerzahl auch nicht zu erwarten war. Die Fachverbände dürften die Therapie vorerst nicht empfehlen, zumal die Gabe von Imatinib nicht ganz ohne Nebenwirkungen ist. In der Studie kam es häufiger zu Muskelkrämpfen und einer Hypophosphatämie. Effektivität und Sicherheit der Behandlung müssen jetzt in weiteren Studien untersucht werden.

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