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Elektronische Patientenakte: Bertelsmann fordert Bundesinstitut

Freitag, 21. April 2017
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Berlin – Seit Jahren machen sich Wissenschaftler, Krankenhäuser und andere Akteure da­rüber Gedanken, wie eine elektronische Patientenakte (eEPA) den Weg ins Gesund­heitswesen findet – und was sie leisten können muss. Innerhalb weniger Tage gibt es nun zwei neue Studien zum Thema: Die Bertelsmann Stiftung hat gestern eine Analyse von Peter Haas, Medizininformatiker an der Fachhochschule Dortmund, vorgelegt, in der unter anderem eine nationale Strategie und ein Bundesinstitut gefordert werden. Die Deut­sche Hoch­schul­medizin hat heute Überlegungen veröffentlicht.

Haas, der in seiner 288-Seiten starken Expertise im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung nicht nur einen breiten Blick auf die Vo­raussetzungen für einrichtungsübergreifende Ak­ten wirft, gibt auch konkrete Handlungs­em­p­fehlungen zur flächendeckenden Einführung einer eEPA. Wichtig ist dem Medizininformatiker zufolge vor allem eine langfristige, natio­nale Stra­te­gie, die „klare Zielstellungen, Zeitpläne und Verantwortlichkeiten definiert“. Haas fordert dafür eine „effektive Governance-Struktur“. Konkret schlägt er ein „Bundes­ins­titut für E-Patientenakten“ vor, das dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium als Fachauf­sicht unterstellt sein solle.

Die alleinige Steu­e­rung durch die Selbstverwaltung und gematik hat sich als ineffizient und nicht zielführend erwie­sen. Peter Haas, Medizininformatiker an der Fachhochschule Dortmund

Die Gründe, warum eine neue politische Struktur bei der E-Patientenakte notwendig ist, nennt Haas ganz offen. Eine Governance-Struktur sei aus seiner Sicht „notwendig, um die Komplexität und Vielfalt der Aufgaben zu bewältigen, sachgerecht mit Blick auf die ge­samtge­sell­schaft­liche Relevanz des Themas und geboten, weil sich die alleinige Steu­e­rung durch die Selbstverwaltung und gematik als ineffizient und nicht zielführend erwie­sen hat“, schreibt er. Die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) – Gesellschafter sind Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Kassenzahn­ärztliche Bundesvereinigung und der GKV-Spitzenverband – soll in Deutschland eine funktionierende Telematikinfrastruktur (TI) aufbauen. Das dauere der Studie zufolge nun be­reits über zehn Jahre – ohne sichtbare Ergebnisse.

Steuerung durch ein Bundesinstitut

Die Aufgabe eines Bundesinstituts wäre vor allem die Steuerung. So könnte es zum Bei­spiel Standards, Rahmenbedingun­gen und zulässige Betrei­ber­modelle festlegen. Haas wies aber zugleich darauf hin, dass ein solches Institut nicht die alleinige Expertise haben könne. Es sei „weder möglich noch sinnvoll, alles notwendige Know-how in einer zentra­len Einheit wie einem Bundesinstitut aufzubauen“, schreibt er. Der Informatiker schlägt stattdessen vor, verfügbare Experten einzubinden. Es böten sich „themenspe­zifische Bo­ards“, etwa ein Standardisierungs-, ein Medizin-, ein Kommunikations- und Akzep­tanz-Board, an, heißt es.

Das Standardisierungs-Board würde, so die Studie, durch die Standardisierungs-Orga­ni­sationen in Deutschland besetzt, das Medizin-Board durch die medizinischen Fachgesell­schaften, das Kommunikations-Board etwa durch ärztliche Standesvertreter, Patienten­ver­bände, den GKV-Spitzenverband und Kommunikationsexperten. Die Aufgaben der in den Boards vertretenen Institutionen sollten von Anfang an klar und verbindlich geregelt sein, so der Forscher.

Neuer Rechtsrahmen und detaillierte Finanzplanung

Als weitere wichtigen Bausteine fordert Haas einen speziellen Rechtsrahmen. Er em­pfiehlt ein eigen­ständiges E-Health-Kapitel im Sozialgesetzbuch V. Dies müsse neben Neurege­lun­gen zum eEPA-Einsatz auch zahlreiche andere Regelungen zum Themen­kom­plex bün­deln. Zudem brauche es eine „detaillierte Finanzplanung“. Das gelte sowohl für perso­nelle und sächliche Infrastrukturen, Erstattungsregelungen für Leistungser­brin­ger und Entscheidungen zu den Finanzierungsquellen. Auch müsse eine gesamtgesell­schaftliche Akzeptanz hergestellt werden.

Als unabdingbar sieht Haas eine nationale Infrastruktur für den Betrieb von eEPA-Syste­men. Diese sei zwar durch die Entwicklung der Tele­ma­tik­infra­struk­tur existent, müsse aber „insbesondere den betrieblichen Anforderungen von eEPA-Syste­men angepasst werden“. „Wichtige Kontextanwendungen, wie etwa ein Terminologie­ser­ver für die Se­mantik oder ein elektronisches Verzeichnis der Institutionen und Heilberuf­ler, müssen gezielt geschaffen werden“, erklärte Haas, der dazu rät, die Implementierung einer bundesweiten eEPA-Infrastruktur schrittweise vorzunehmen.

„Ziel sollte von Anfang an umfassende Behandlungsmanagement-Plattformen sein. Eine möglichst frühe Um­set­zung in Form einer Dokumentenakte sollte forciert werden, um Ver­breitung und Akzep­tanz bei den Anwendern zu fördern“, schreibt er in der Zusammen­fas­s­ung der Studie. Bis tatsächlich alle Anwendungen, die sinnvoll und möglich sind, den Weg in die Patienten­ak­te gefunden haben, dürfte es nach Schätzungen der Bertels­mann-Studie zehn Jahre dauern.

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