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„Wir brauchen Beinfreiheit für flexible Lösungen“

Dienstag, 18. April 2017
Der KBV-Vorstand von links: Thomas Kriedel, Andreas Gassen, Stephan Hofmeister /KBV-lopata

Berlin – Handlungsfreiheit für flexible Problemlösungen gegen Mangelsituationen in den deutschen Versorgungsregionen und gemeinsame Anstrengungen aller Leistungsträger in der Aus- und Weiterbildung von Medizinern sind laut Vorstand der Kassenärztlichen Bun­desvereinigung (KBV) das jetzt umzusetzende Rezept zur Bewältigung künftiger ­He­raus­forderungen in der Gesundheitsversorgung. Der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen und seine Vorstandskollegen Stephan Hofmeister und Thomas Kriedel erläutern im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ) ihre Vorstellungen für ein sach­gerechtes Mo­dell Gesundheitswesen.

„Medizin ist ein tolles Berufs­feld, auch in der Nieder­las­sung“: Für den KBV-Vorsit­zen­den Andreas Gassen behält dieses Statement auch künftig Gültigkeit. Es sei aller­dings „falsch zu meinen, dass man Irgend­jemanden irgendwohin schicken kann“, kritisiert Gassen mit Blick auf die jüngst getroffenen Maßnah­men zur Beseitigung des Landarzt­man­gels. Die jetzt heranwachsende Ärztegeneration werde das nicht mit sich machen lassen. Die KBV selbst setze in der Niederlassungsfrage eher auf Maßnahmen wie die „Incenti­vie­rung“ durch sachgerechte Aufklärung.

Die positiven Rückkopplungen auf die aktuelle Kampagne der KBV für die Niederlassung zeigen, so ist auch der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Stephan Hofmeister über­zeugt, dass die Lösung von Problemen in der ländlichen Versorgung eher eine „Frage des Labelings“, der zielgerechten Kommunikation mit dem ärztlichen Nachwuchs sei: „Wir haben da eine Ärztegeneration vor uns, die anders arbeitet.“ Es sei nicht richtig, „dass sich keiner mehr niederlassen will.“ Aktuelle Studien böten da ein sehr differen­ziertes Bild. „Teilungsmodelle“, die es überall als Möglichkeit gebe, seien „durchaus beliebt und attraktiv“.

Auch diesen Medizinern schaffe die Nie­derlassung „ungeheure Freiheiten in der Lebens­gestaltung“, so Hof­meis­ter. Plan­wirt­schaftlich ge­setzte Landarzt­quo­ten seien da eher hin­derlich und despek­tier­lich, sie stigmati­sierten die Kollegen und Kolleginnen, die aufs Land wollten. Letzt­lich sei es aber nicht allein Aufgabe der KVen und der KBV, junge Ärz­te zu überzeugen: „Das ist eine gesamt­gesell­schaft­liche Verpflichtung“. Erfolgver­spre­chen­der sei es jetzt, mit den Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung vor Ort gemein­sam „die Ärzte zu suchen, die auch wirklich aufs Land wollen“.

Wichtig sei auf jeden Fall, so Vorstandsmitglied Thomas Kriedel, Vorurteile abzubauen und durch sachliche und frühzeitige Angebote die Grundlage für vernünftige Entschei­dungen zu ermöglichen. Letztlich seien auch die verschiedentlich immer wieder aufflam­men­den Konflikte ärztlicher Gruppierungen untereinander ein Ausdruck dafür, dass es Ziel sein muss, „die Niederlassung attraktiver“ darzustellen. Kriedel ist überzeugt, dass die regional durchaus vorhandenen Modelle geeignet seien, angepasst und flexibel zu reagieren. Hier habe sich gegenüber den früher bundesweit gültigen Normen schon einiges getan.

Hinderlich für die Niederlassung sei allerdings, so Hofmeister, das systemische Umfeld, dem Ärzte heute ausgesetzt seien. Bis Mediziner komplett aus- und weitergebildet seien, vergingen eineinhalb Jahrzehnte. Nötig sei es, die hochspezialisierte Weiter­bildung von Fachärzten für die Niederlassung „breiter aufzustellen“ und auf den künfti­gen Praxis­be­darf auszurichten.

Zu hinterfragen sei diesbe­züglich auch die Finanzie­rung der Weiterbildung durch das Prin­zip einer Stiftung. Hofmeister: „Ich hal­te eine Stiftung nicht für die Lösung.“ Der Stif­tungs­ge­dan­ke beinhalte auch die Vorstel­lungen von „Almosen“ oder „last-ressort-An­satz“ und werde der dahinterstehenden Idee einer gleichberechtigten Weiterbildung nicht ge­recht. „Die Weiterbildung ist Grundlage für das Funktionieren des Gesund­heits­wesens und daher auch als solche zu implementieren und zu fördern.“

Systemisch sei Deutschlands Gesundheitsversorgung, so die KBV-Vorstandsmitglieder in ihrem Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, eigentlich auf künftige Herausforde­run­­gen in strukturschwächeren Gebieten vorbereitet: Das gegenwärtige System sei relativ flexibel. Und der Gesetzgeber habe Räume geschaffen, die eine ortsgerechte Versor­gung ermöglichten. Der KBV-Vorsitzende Gassen: „Wir werden, selbst wenn es sich re­gio­nal nur um wenige Personen handelt, die Menschen versorgen können.“ Unab­ding­ba­re Voraussetzung dafür sei allerdings, dass man der Selbstverwaltung dazu „die nötige Beinfreiheit“ belasse.

Das ausführliche Gespräch mit Aussagen zu weiteren Themen wie Notfallversorgung, Aus- und Weiterbildung und die bisherige Arbeit der neuen KBV-Spitze ist Teil der DÄ-Ausgabe 18/2017.

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