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Immer mehr Bundesbürger schlafen schlecht

Mittwoch, 15. März 2017
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Berlin – Die Zahl der Menschen mit Schlafstörungen hat in Deutschland zugenommen. Litten im Jahr 2010 noch 47,5 Prozent an Ein- und Durchschlafstörungen, waren es im Jahr 2016 bereits 78,9 Prozent. Das geht aus dem DAK-Gesundheitsreport 2017 hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde und für den das Forsa-Institut 5.200 erwerbstätige Frauen und Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren nach ihrem Schlafverhalten befragt hat.

Dem Report zufolge werden verschiedene Arten von Schlafstörungen unterschieden. Von einer Insomnie spricht man dann, wenn die Patienten mindestens dreimal pro Woche Einschlaf- und/oder Durchschlafstörungen haben, also mehr als 30 Minuten zum Einschlafen benötigen, wenn sie zudem eine schlechte Schlafqualität haben und wenn sie tagsüber müde und/oder erschöpft sind.

Der Umfrage zufolge treffen alle drei Kriterien bei 9,4 Prozent der Befragten zu. Ausschließlich Ein- und/oder Durchschlaf­störungen an drei oder mehr Tagen pro Woche haben 35 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2010 hat die Zahl der Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen im Alter von 35 bis 65 Jahren von 47,5 Prozent auf 78,9 Prozent zugenommen.

Schlafstörungen erhöhen das Risiko für Depressionen 

Von Insomnien sind in erhöhtem Maße ungelernte Arbeiter betroffen, insbesondere Menschen, die in Nachtschichten arbeiten, Menschen, die häufig an der Grenze der Leistungsfähigkeit arbeiten, sowie Menschen, die beruflich in hohem Maße erreichbar sein müssen.

„Die zunehmenden Schlafstörungen in der Bevölkerung sollten uns wachrütteln“, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der DAK, Andreas Storm. „Viele Menschen kümmern sich nachts um volle Akkus bei ihren Smartphones, aber sie können ihre eigenen Batterien nicht mehr aufladen.“ Die Beschwerden müssten ernst genommen werden, da chronisch schlechter Schlaf der Gesundheit ernsthaft schaden könne. „Schlafstörungen erhöhen beispielsweise das Risiko für Depressionen und Angst­störungen“, sagte Storm.

Die Hälfte der Arbeitnehmer leidet unter Müdigkeit

Insgesamt lassen sich nur wenige Betroffene ärztlich behandeln. Noch weniger melden sich beim Arbeitgeber krank. Für Unternehmen bedeutet das: Fast die Hälfte der Erwerbstätigen ist bei der Arbeit müde. Etwa ein Drittel ist regelmäßig erschöpft. Die große Mehrheit versucht, allein mit den Schlafproblemen zurechtzukommen und geht nicht zum Arzt. Lediglich 4,8 Prozent der Erwerbstätigen waren im vergangenen Jahr deswegen in den Praxen.

Die Abklärung von möglichen psychischen Ursachen bei Schlafproblemen steht in den Arztpraxen an erster Stelle. Mehr als jeder dritte Patient bekommt der Befragung zufolge eine Psychotherapie. Jeder zweite Betroffene erhält Medikamente. Auch hier zeigt der Report einen deutlichen Anstieg: Im Vergleich zu 2010 nehmen heute fast doppelt so viele der 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer Schlafmittel. Die Zahl der Betroffenen stieg von 4,7 auf 9,2 Prozent. Bei Schlafproblemen greifen auch viele Betroffene zur Selbst­medikation. Jeder zweite von ihnen kauft Schlafmittel ohne Rezept in der Apotheke oder Drogerie.

Schlafberatung der DAK

Als Reaktion auf die Ergebnisse der Studie bietet die DAK unter der Telefonnummer 040 325 325 805 eine spezielle Schlafberatung an, die von Medizinern durchgeführt wird.

Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité, nannte den Anstieg der Zahl der Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, „drama­tisch“. „Mir macht das ein bisschen Angst“, gab er zu. Denn es fehlten in Deutschland die primären Ansprechpartner für Menschen mit Schlafstörungen. „Deshalb ist die Hot­line wichtig“, meinte er.

Sein Zentrum bekomme immer mehr Anfragen. Man könne aber nur einigen dieser Patienten helfen. „Wir brauchen eine neue Berufsgruppe: den niedergelassenen Schlaf­mediziner“, forderte Fietze. „Und wir brauchen mehr spezialisierte Zentren.“ Schlaflabo­re hingegen seien flächendeckend gut verteilt. Allerdings mangle es in ländlichen Gebieten an schlafmedizinischer Expertise. Bestimmte Ärzte wie Allgemeinmediziner und Internisten könnten die Zusatzbezeich­nung Schlafmedizin erwerben und sich dann als Somnologen niederlassen, so ähnlich wie es Sportmediziner tun, die die entspre­chen­de Zusatzbezeichnung erworben hätten.

Medikamenmtöse Therapie nur unter Aufsicht eines Arztes

Schlafstörungen seien eine chronische Krankheit, erklärte Fietze. Deshalb müssten Schlafpatienten medikamentös eingestellt werden. Das müsse aber unter ärztlicher Aufsicht geschehen. „Die Gefahr ist, dass Menschen, die sich Schlaftabletten ohne Verordnung in der Apotheke holen, vielleicht von sich aus die Dosis erhöhen, wenn sie das Gefühl haben, die bisherige Dosis wirkt nicht mehr“, sagte Fietze. „Das muss aber der Arzt entscheiden.“ Das Image der Schlaftablette sei schlecht, aber nur, weil sie oft ohne ärztliche Betreuung eingenommen werde.

Die amerikanische Schlafakademie habe vor Kurzem festgelegt, dass man 7,5 Stunden für einen gesunden Schlaf brauche – plus/minus einer Stunde, erklärte Fietze. Das könne mal variieren. Dass jemand allerdings nur vier Stunden Schlaf pro Nacht brauche, sei ein Mythos.

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