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Medizin

Schwedische Bevölkerungsstudie findet kein erhöhtes Adipositasrisiko nach Kaiserschnitt

Dienstag, 10. Dezember 2019

/dpa

Stockholm – Schwedische Knaben, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen, waren als junge Erwachsene bei der Musterung nicht häufiger adipös als nach einer vaginalen Geburt. Dies ergab eine bevölkerungsbasierte Studie in PLOS Medicine (2019; doi: 10.1371/journal.pmed.1002996), die damit einer weit verbreiteten Hypothese widerspricht.

Der Anteil der Kaiserschnitte an allen Geburten ist weltweit seit 1990 von 6,7 % auf 19,1 % im Jahr 2014 gestiegen. Es besteht unter Experten weitgehende Einigkeit darüber, dass die Sectio-Rate höher ist als medizinisch erforderlich. Dies hat zu einer intensiven Diskussion über die möglichen Nachteile für das Kind geführt.

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Frühere epidemiologische Untersuchungen hatten gezeigt, dass die Kinder als Erwachsene häufiger zur Adipositas neigen. Tierexperimente führten dies auf mögliche Nachteile zurück, die die Vermeidung der vaginalen Passage auf die Entwicklung der Darmflora hat. Die Bakterien im Darm beeinflussen die Verdauung und damit die Menge der aufgenommenen Nährstoffe.

Die epidemiologischen Studien beruhten in der Regel auf kleineren Kohorten, die nicht bevölkerungsbasiert waren, was schnell zu Verzerrungen etwa durch eine selektionierte Auswahl führen kann.

Ein Team um Daniel Berglind vom Karolinska Institut in Stockholm hat jetzt die Daten schwedischer Personenregister ausgewertet. Sie gelten als sehr zuverlässig, weil sie bevölkerungsbasiert und deshalb wenig anfällig für Verzerrungen sind.

Adipositas der Mutter erhöht Adipositasrisiko des Kinds

Von den 97.291 Wehrpflichtigen der Jahrgänge 1982 bis 1987, die im Alter von 18 Jahren zur Musterung einbestellt wurden (in Schweden galt bis 2006 eine allgemeine Wehrpflicht) waren 4.794 oder 4,8 % mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 30 adipös. Der Anteil war mit 5,5 % und 5,6 % bei den Rekruten, die mit einem elektiven oder nicht-elektiven Kaiserschnitt geboren wurden, zwar etwas höher. Die relativen Risiken betrugen 1,14 und 1,17. Berglind konnte das erhöhte Risiko jedoch auf eine Reihe von bekannten Risikofaktoren für eine Adipositas des Kindes zurückführen.

Den stärksten Einfluss hatte die Adipositas der Mutter. So waren 3,2 % der Mütter, deren Kinder mit elektivem Kaiserschnitt geboren wurden, fettleibig. Bei den Müttern, die vaginal entbunden wurden, lag der Anteil nur bei 1,8 %. Nach Berücksichtigung dieses Faktors waren die relativen Risiken auf eine Adipositas nach elektivem oder nicht-elektivem Kaiserschnitt nicht mehr erhöht (adjustiertes relatives Risiko 0,99 und 1,01).

Eine Adipositas der Mutter ist ein bekannter Risikofaktor für spätere Gewichtsprobleme bei den Kindern, schreibt Berglind. Er führt die hohe Heritabilität der Adipositas auf eine „fetale Programmierung“ zurück, die den Stoffwechsel des Kindes lebenslang beeinflusse.

Dass die Ergebnisse von Berglind die wissenschaftliche Debatte beenden, ist unwahr­scheinlich. Im letzten Jahr kam eine Studie aus Singapur zu dem Ergebnis, dass Kinder nach einem elektiven Kaiserschnitt ein deutlich erhöhtes Risiko auf eine Adipositas haben. Meijin Cai von der Duke-NUS Medical School in Singapur und Mitarbeiter ermittelten eine Odds Ratio von 2,02, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,05 bis 3,89 signifikant war. Interessanterweise wurde für eine nicht-elektive Sectio kein signifikant erhöhtes Risiko ermittelt (JAMA 2018; 1: e185025).

Die jetzige Analyse von Berglind weist gewisse Schwächen auf. Zum einen war sie auf Männer beschränkt, zum anderen waren die Angestellten der Musterungsbehörde nicht sehr sorgfältig bei ihren Aufzeichnungen. Bei einem Drittel der Rekruten konnte der BMI nicht ermittelt werden. © rme/aerzteblatt.de

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