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Ärzteschaft

Ärzte beklagen zunehmende Strukturprobleme

Mittwoch, 9. Oktober 2019

/Gorodenkoff, stockadobecom

Wiesloch – Ärzte und Bevölkerung nehmen die Gesundheitsversorgung in Deutschland immer noch als sehr leistungsfähig wahr. Allerdings werden die Mängel und Probleme größer, wie der heute veröffentlichte 10. MLP-Gesundheitsreport des Finanzdienstleisters MLP zeigt, den das Institut für Demoskopie Allensbach erstellt hat.

Vor allem in den Krankenhäusern zeichnet sich der Umfrage zufolge eine Reihe von Ver­schlechterungen ab. Mit 61 Prozent klagt eine deutlich gestiegene Mehrheit der Kranken­hausärzte über fehlende Zeit für ihre Patienten (2016: 50 Prozent). Besonders betroffen sehen sich Assistenzärzte (67 Prozent).

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Rund die Hälfte der befragten Krankenhausärzte gibt an, auch mehr Patienten versorgen zu müssen. Der Personalengpass im Krankenhaus wird neben dem Ärztemangel auch an anderer Stelle befeuert: Die Besetzung offener Stellen mit Krankenschwestern oder -pfle­gern wird immer schwieriger – das bescheinigen mit 84 Prozent nochmals deutlich mehr Krankenhausärzte als vor drei Jahren (2016: 72 Prozent).

Die strukturellen Probleme zeichnen sich zunehmend auch in der wahrgenommenen Qua­lität der Versorgung in den Krankenhäusern ab: Sie sei weniger oder gar nicht gut, urteilt inzwischen rund jeder fünfte Krankenhausarzt – 2016 war es nur knapp jeder zehnte. Weiterhin dominieren aus Sicht von drei Vierteln der Krankenhausärzte wirt­schaft­liche Aspekte das medizinisch Sinnvolle (2016: 77 Prozent).

Problematisch sind weiterhin die überfüllten Notaufnahmen: Von den befragten Kranken­hausärzten hatten 75 Prozent häufig mit „Notfällen“ zu tun, die keine seien. Immerhin halten 64 Prozent dieses Problem aber auch für lösbar: 29 Prozent dieser Krankenhaus­ärzte plädieren dafür, Gebühren von Patienten zu erheben, die ohne tatsächliche Dring­lichkeit die Notaufnahme aufsuchen. Im Durchschnitt sehen die Befragten einen Be­trag von 30 Euro pro Fall. Weitere 33 Prozent sind davon überzeugt, dass eine verbesser­te Notfallversorgung auf Seiten der Niedergelassenen zu einer deutlichen Entlastung der Krankenhäuser führen würde.

Ärztemangel verschärft sich – besonders im Osten

Die Bevölkerung nimmt den Ärztemangel bereits deutlich wahr oder rechnet damit – im Osten (64 Prozent) nochmals stärker als im Westen (40 Prozent). 2016 war das Problem noch weniger präsent. Niedergelassene Ärzte erkennen ebenfalls eine Verschärfung des Ärztemangels: Vor drei Jahren sahen 60 Prozent diesen in der eigenen Region oder rech­neten damit, 2019 ist der Wert auf 71 Prozent gestiegen.

Einen Nachfolger für die eigene Praxis zu finden, halten mit rund zwei Dritteln nochmals mehr Niedergelassene als noch vor drei Jahren für „schwierig“ oder „sehr schwierig“ (2016: 57 Prozent). Nur für ein gutes Drittel der Krankenhausärzte käme die Nieder­lassung in­frage. Als Gründe dagegen führen die Ärzte insbesondere ihren Gesundheits­zu­stand (17 Prozent), die eigene Fachrichtung (15 Prozent) und das finanzielle Risiko (10 Prozent) an.

Für 69 Prozent der niedergelassenen Ärzte ist es zudem schwierig, geeignetes Personal für ihre Praxis zu finden (2016: 59 Prozent). Laut Arbeitsagentur ist rund jede zehnte Aus­bil­dungsstelle für Arzt- und Praxishilfen unbesetzt.

Verschiedene Maßnahmen könnten helfen, die flächendeckende Versorgung auch in Zu­kunft sicherzustellen. Finanzielle Anreize für Gemeinschaftspraxen im ländlichen Raum befürwor­ten 88 Prozent der Ärzte. Zudem halten es 81 Prozent für sinnvoll, in struktur­schwachen Regionen verstärkt medizinische Versorgungszentren zu gründen. Der wirt­schaftliche Erfolg dieser Zentren hängt maßgeblich auch von differenzierten Daten und Analysen bei der Planung ab – davon ist eine große Mehrheit der Ärzte überzeugt (81 Prozent).

Pessimistische Zukunftserwartungen

Für die kommenden zehn Jahre gehen Ärzte weiterhin von einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung aus (59 Prozent, 2016: 62 Prozent). In der Bevölkerung erwarten 30 Prozent pauschal eine Verschlechterung.

Zugleich rechnet eine breite Mehrheit weiterhin mit einer Zwei-Klassen-Medizin (60 Pro­zent, 2016: 67 Prozent) und steigenden Kassenbeiträgen (72 Prozent, 2016: 81 Prozent).

Ärzte befürchten insbesondere Versorgungsschwierigkeiten im ländlichen Raum (90 Pro­zent) und nochmals weniger Zeit für die Behandlung ihrer Patienten (85 Prozent). Zudem gehen drei Viertel davon aus, dass sie in Zukunft nicht mehr alle medizinisch notwendi­gen Leistungen verordnen können.

Unzufrieden mit jüngsten Reformmaßnahmen

Für Ernüchterung sorgen vor allem die in den vergangenen drei Jahren umgesetzten Re­formmaßnahmen – eine Reihe davon verpufft nach Ansicht vieler Bürger und Ärzte. In der Kritik stehen etwa die Maßnahmen für eine schnellere Terminvergabe – 57 Prozent der Bürger erwarten dadurch keine spürbaren Verbesserungen. 2016 hielten sie die Ter­minver­gabestelle noch für eine gute Maßnahme (58 Prozent).

Auch die Einführung einer Hausarztprämie stößt auf Skepsis: Etwas mehr als ein Drittel der Bürger lehnt diese ab, Ärzte hingegen befürworten diese Maßnahme (63 Prozent). Letztere kritisieren allerdings die Erweiterung der Sprechstunde auf 25 Wochenstunden (62 Prozent).

Auch die kürzlich festgelegten Personaluntergrenzen für Krankenhäuser stoßen auf Ab­lehnung – nur 12 Prozent der Krankenhausärzte halten eine Umsetzung für möglich. An­dere Reformvorschläge werden von den Ärzten aber auch geschätzt, etwa dass zukünftig jeder automatisch potenzieller Organspender ist, wenn er nicht widerspricht (62 Prozent).

Eine umfassende Reform des Gesundheitswesens vermissen 46 Prozent der Bürger und 70 Prozent der Ärzte. Eine sehr große Mehrheit der Ärzte zeigt sich zugleich skeptisch, dass diese noch kommen wird (75 Prozent).

„Die Politik ist gefordert, strukturelle Verbesserungen anzugehen. Ein Herumdoktern an einzelnen Schwachstellen im System reicht nicht mehr, um unser Gesundheitswesen zukunftsfest zu machen – das zeigt unsere Studie sehr deutlich“, sagte Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP.

Digitalisierung erst am Anfang

Von der fortschreitenden Digitalisierung versprechen sich die Ärzte insbesondere Lös­ungs­ansätze für den wachsenden bürokratischen Aufwand, den 80 Prozent als das größte Problem in ihrer Tätigkeit sehen. Die Politik müsse im Bereich Digitalisierung mehr tun (58 Prozent). Bei den unter 45-jährigen Ärzten denken sogar mehr als zwei Drittel so.

53 Prozent der Ärzte rechnen damit, dass die Digitalisierung die Medizin grundlegend ändern wird – für 4 Prozent ist dies sogar schon geschehen. Den Einsatz künstlicher In­telligenz (KI) bewertet knapp die Hälfte als Chance, 38 Prozent sehen eher Risiken. KI könne die ärztliche Expertise aber auch nicht ersetzen: 83 Prozent sehen die entschei­den­de Rolle in der Gesundheitsversorgung zukünftig weiter bei Ärzten.

Bürger zunehmend offen für Telemedizin

Telemedizin käme für die Bevölkerung zunehmend infrage (2019: 33 Prozent, 2016: 22 Prozent) – bei den unter 30-Jährigen sogar für etwas mehr als die Hälfte. Mediziner rech­nen auch immer mehr mit entsprechenden Angeboten in den nächsten zehn Jahren (89 Prozent), bei den Bürgern sind es noch deutlich weniger (48 Prozent). Die Ärzte sehen in der Teleme­dizin eine Antwort auf den Ärztemangel (57 Prozent) und bescheinigen ihr ge­nerell mehr Vorteile (58 Prozent) als Nachteile (30 Prozent).

Momentan bieten aber kaum Krankenhausärzte (4 Prozent) und noch weniger Niederge­lassene (2 Prozent) telemedizinische Angebote an und planen dies auch nicht (86 Prozent beziehungsweise 88 Prozent). Die Gründe liegen vor allem in der erwarteten eigenen Kos­tenbelastung (48 Prozent) und dem steigenden Verwaltungsaufwand (74 Prozent). Zudem zweifeln die Ärzte daran, ob der Datenschutz der Patienten ausreichend gewähr­leistet ist (63 Prozent). © may/EB/aerzteblatt.de

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