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Doping ja, Doping nein?!

Mittwoch, 15. März 2017
Doping ja, Doping nein?!

„Außer der Philosophie weiß ich kein so gutes Treibmittel fürs Gehirn wie Schach und Kaffee.“ (Jean Paul)

Man kann diese These indes auch wissenschaftlicher angehen.

Am 3. Februar erschien auf der Online-Seite des Deutschen Ärzteblattes ein Studien­bericht über die Wirkung von Dopingmitteln beim Schach, von der auch viele andere Medien, darunter die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung berichteten. In dieser Untersuchung der Universität Mainz spielten 39 Turnierschachspieler in ver­schiedenen Versuchsreihen insgesamt mehr als 3.000 Partien mit 15 Minuten Bedenk­zeit gegen ein Computerprogramm, welches auf ihre Spielstärke eingestellt wurde. Dabei wurde ihnen vorher entweder Modafinil, Methylphenidat (Ritalin), Koffein oder ein Placebo gegeben, wobei sie nicht wussten, was ihnen verabreicht wurde.

Dabei zeigte sich, dass bei Gabe von Stimulanzien aufgrund erhöhter Wachsamkeit und Konzentration die Turnierleistung geringfügig gesteigert wurde. Die Spieler dachten im Allgemeinen länger über die besten Züge nach, verloren dabei aber schon einmal die Bedenkzeit aus den Augen und verloren so durch Zeitüberschreitung. Als vorläufiges Ergebnis stellten die Versuchsleiter, die Psychiatrieprofessoren Andreas Franke und Klaus Lieb, fest, dass auch hochkomplexe kognitive Fähigkeiten durch Stimulanzien verbessert werden können und Dopingkontrollen insofern sinnvoll seien.

Diese Kontrollen gibt es im Schachsport schon seit 2001, nicht zuletzt, um vom Inter­nationalen Olympischen Komitee als Sportart bei den Olympischen Spielen zugelassen zu werden.

Als Fußnote darf ich auf ein von mir geführtes TV-Interview anlässlich der WM Karpow–Anand 1998 am Sitz des IOC in Lausanne mit dessen damaligem Präsidenten Antonio Samaranch, einem gar nicht schlechten Amateurschachspieler, verweisen, bei dem er diesem Ansinnen gegenüber durchaus positiv eingestellt war. Lustigerweise meinte er jedoch, dass Schach nur Teil der Sommerspiele werden könnte, weil die Winterspiele per definitionem auf Schnee oder Eis ausgetragen würden. Über Erprobungen kam das Ganze aber nie hinaus, obwohl Schach im Sinne des ursprünglichen olympischen Ge­dankens den Olympiaden nur gut tun könnte.

Zurück zur Studie. Der Sportdirektor des Deutschen Schachbunds, Großmeister Uwe Bönsch, zweifelt allerdings, ob Doping beim Schach wirklich etwas bringe: „Man muss ja zum richtigen Zeitpunkt das richtige Erregungsniveau haben, sonst kann das auch nega­tiv ausgehen.“ Ein berechtigter Einwand, zumal bei Turnierpartien im „Klassischen Schach“, deren Zeitdauer nicht vorherzusehen ist, zum ungünstigsten Zeitpunkt ein Erregungsabfall drohen kann. Und nicht zu vergessen, dass bei der Mainzer Studie unter Berücksichtigung der durch Zeitüberschreitung verlorenen Partien unter Stimu­lanzien nicht mehr Partien als unter Placeboeinnahme gewonnen wurden.

Das erinnert mich an eine große Untersuchung, die ich 1981 in der damaligen Sport­schule Grünwald bei München während eines „Schachmedizinturniers“ mit Spielern des C-Kaders des Deutschen Schachbunds durchführte, wobei ich von Mitarbeitern der Medizinischen Universitäts-Poliklinik München unterstützt wurde. Dabei wurden während der Turnierpartien kontinuierlich Herz- und Atemfrequenz, Blutdruck und Hautwiderstand gemessen, weiterhin auch Katecholamine und Blutgase.

Der damalige Leiter der Sportschule, der spätere Dopingexperte Dr. med. Helmut Pabst, führte auch noch andere Untersuchungen wie Ergometrien et cetera durch. Es zeigte sich hierbei, dass Schach physiologisch durchaus mit anderen Leichtsportarten ver­gleich­bar ist. Zwei Spielern mit sehr hoher Pulsfrequenz während der Partien gab ich nach Rücksprache mit ihnen am freien Tag (zur Adaptation) einen Betablocker (das galt damals noch nicht als Dopingmittel), um die Auswirkungen in den folgenden Tagen zu überprüfen. Bei einem der beiden wirkte es sich gut, beim anderen schlecht auf die Leistung aus. Sicher hängt dies vom individuellen optimalen Erregungsnivau ab.

Dr. Pabst sagte mir bei dieser Gelegenheit auch, dass Autorennfahrer häufig Captagon zusammen mit einem Betablocker einnähmen, um ihre Leistung zu verbessern. Doch bei ihnen ist die Länge des Rennens vorgegeben und die Dosierung so leichter einzu­stellen, während bei einer Turnierschachpartie mit langer Bedenkzeit dies nicht möglich ist und ein Abfall der geistigen Spannkraft zur „Unzeit“ droht.

Zum Abschluss möchte ich noch eine „Dopingepisode“, die ich persönlich „erlitt“, er­wähnen. 1979 fand in München ein starkes internationales Turnier mit Weltmeister Anatoli Karpow, Ex-Weltmeister Boris Spassky und vielen anderen Großmeistern statt.

Auch ich spielte mit, nicht ohne die Dummheit zu begehen, am Morgen jeweils in der Medizinischen Universitäts-Poliklinik zu arbeiten, nachmittags mit Helfern die Teilnehmer für telemetrische EKG-Untersuchungen zu verkabeln, Blutdruck zu messen, diverse Blutwerte zu messen et cetera und gleichzeitig mit diesen Koryphäen Turnierpartien zu spielen. So weit, so dumm! Der Gipfel der Torheit war jedoch, dass ich, der auch zu starkem Frequenz- und Blutdruckanstieg während meiner Partien neigte, vor meiner Partie gegen Spassky erstmals in meinem Leben einen potenten Betablocker einnahm.

Die Wirkung war frappierend: Herzfrequenz und Blutdruck sanken in den Keller, wäh­rend ich gleichmütig meinem Untergang beiwohnte und der Ärger erst Stunden später aufkam. Nun kann man wahrlich gegen Spassky verlieren, aber bitte nicht so! Wer matt ist, wird matt! Nun, das kann Ihnen, ungleich klüger, sicher nicht beim nächsten Ärzte­schachturnier vom 31. März bis 2. April in Bad Homburg passieren!

Diagramm

(wKg1, Dd1, Ta1, Te1, Lb3, Sg3, Ba2, b2, d4, f2, g2, h2;

sKg8, Dc7, Ta8, Te8, Lb7, Sd7, Bb6, c6, f7, f6, g7, h7)

Sehen Sie, wie Spassky als Weißer mich mit einer durchschlagenden Kombination überfuhr?

Lösung zeigen

Auftakt war das Läuferopfer 1.Lxf7+! Nach 1...Kxf7 folgte 2.Dh5+ g6 (auch 2...Kf8 3.Dxh7 nebst 4.Sh5 oder 4.Sf5 ist hoffnungslos, weil die schwarzen Figuren hilflos am Damenflügel vor sich hin träumen).

3.Dxh7+ Kf8 4.h4. Hier gab ich auf, weil ich trotz meiner Mehrfigur ohnmächtig die Attacke mit h4-h5 nebst Eindringen des weißen Springers hinnehmen musste.