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Zuckerkonsum: Forscher als „Verkäufer des Zweifels“

Montag, 2. Januar 2017
Zuckerkonsum: Forscher als „Verkäufer des Zweifels“

Ist der hohe Zuckerkonsum der Bevölkerung für die Zunahme von Übergewicht und Diabetes und deren Folgekrankheiten verantwortlich? Für die Weltgesundheits­organisation und etliche medizinische Fachgesellschaften steht dies außer Frage.

Immerhin gibt es nicht nur eine klare Assoziation zwischen Zuckerkonsum und Morbidität. Der Zusammenhang ist auch biologisch plausibel, gilt doch der Typ-2-Diabetes als Folge einer ständigen „Überlastung“ des Kohlenhydrat-Stoffwechsels, die über eine Insulinresistenz schließlich zur Hyperglykämie führt. Die Insulinresistenz ist außerdem ein gemeinsamer Nenner des metabolischen Syndroms mit Adipositas, Hypertonie und Dyslipidämie als weitere Komponenten.

Umso mehr überrascht, dass eine systematische Übersicht in den Annals of Internal Medicine, dem Organ des amerikanischen Internistenverbands ACP (American College of Physicians), die Zusammenhänge jetzt in Zweifel zieht. Ein Team um Bradley Johnston von der Universität Toronto hat insgesamt neun internationale Leitlinien, darunter auch eine der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, unter die Lupe genom­men. Alle erfüllen nicht die Kriterien für „vertrauenswürdige Empfehlungen“, und die zugrundegelegte Evidenz sei zweifelhaft, lautet das Fazit der Autoren. 

Das mag wissenschaftlich zutreffen. Zweifel ist an sich nichts Schlechtes und eine wichtige Antriebsfeder für die Forschung. Zweifel war in der Vergangenheit jedoch auch ein wirksames Instrument für die Lobbyarbeit von Interessenverbänden. Die Tabak­industrie hat die Strategie erfolgreich eingesetzt, um Rauchverbote zu vermeiden.

Jetzt scheinen die Nahrungsmittelhersteller die Methode entdeckt zu haben. Die New York Times deckte kürzlich auf, dass Coca-Cola Wissenschaftler finanziert hat, die die Verbindung zwischen zuckerhaltigen Getränken und Fettleibigkeit heruntergespielt haben. Und im Juni berichtete Associated Press, dass Nahrungsmittelfirmen für Studien bezahlt haben, in denen herauskam, dass es nicht die Süßigkeiten sind, die die Kinder dick machen, sondern der Bewegungsmangel.

Wissenschaftler spielen hier immer wieder eine zweifelhafte Rolle. Die Hersteller nutzen die „Verkäufer des Zweifels“, indem sie gezielt Forschungsarbeiten unterstützen, die Leitlinien unterwandern und Gesetze verhindern, die ihren Gewinn vermindern könnten. Auch Johnston hat sich möglicherweise instrumentalisieren lassen. Seine Übersicht wurde vom „International Life Sciences Institute“ finanziert, das nach Informationen der New York Times von den Lebensmittelkonzernen Coca-Cola, General Mills, Hershey’s, Kellogg’s und Kraft Foods finanziert wird.