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Die Arbeit einer Krankenschwester im Hospiz

Donnerstag, 22. Dezember 2016
Die Arbeit einer Krankenschwester im Hospiz

Als Teil meiner Ausbildung zum Arzt für Ältere, zum Geriater, arbeite ich zwei Wochen lang im Hospiz, eine Woche im stationären, eine zweite im ambulanten Bereich. Dabei arbeite ich im ambulanten Bereich mit Sozialarbeitern, Geistlichen und auch Kranken­schwestern zusammen, beobachte hautnah ihre Tätigkeit. Die Arbeit im Hospizbereich ist dabei in den USA eine auf Patienten zentrierte Arbeit, bei der man vor allem versucht, Symptome zu lindern, während diese Menschen sterben – man wird in das Hospiz­program erst dann aufgenommen, wenn es „wahrscheinlich ist, dass man aufgrund eines chronischen Leidens in weniger als sechs Monaten verstorben ist“, so eine der Hauptaufnahmekriterien.

So traf ich mich an einem Montagmorgen mit Brittany, einer jungen Hospizkranken­schwester, und nachdem wir einige benötigte Utensilien wie Inkontinenzbinden, Wund­verbandsmaterial, Spritzen und Bettunterlagen eingepackt hatten, machten wir uns auf dem Weg zur ersten Patientin. Die Details der Patienten sind dabei an dieser Stelle nicht von Interesse, sondern viel eher geht es mir um die Schilderung des Alltags der Krankenschwester, denn er ist deutlich anders aufgebaut als der einer deutschen Krankenschwester, denn hier erhält man großzügig Ressourcen zugeteilt, wie Zeit, Bezahlung und Entscheidungsbefugnis.

Zunächst schien es mir, als sei der Alltag von Brittany länger und entspräche einer 45-Stundenwoche: Er beginne um 7:30 Uhr und ende um 17 Uhr, wie sie mir mitteilte. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass Brittany oft erst um 8 Uhr von daheim losfährt, entsprechend bei ihrem ersten Patienten erst gegen 9 oder 9:30 Uhr eintrifft, und meistens schon um 13 bis 14 Uhr fertig mit ihrer Runde ist und nur noch im Büro Dokumentationsarbeit erledigt, manchmal dabei schon um 15 Uhr nach Hause gehend. Denn die Arbeitszeiten werden nicht sonderlich streng kontrolliert, viel eher als Richtwert angesehen.

Weiterhin sind ihr nur knapp zehn bis zwölf Patienten insgesamt zugeteilt, die sie mindes­tens einmal die Woche, maximal aber drei Mal pro Woche zu sehen hat. Die Hospizkrankenschwester nimmt sich jeden Tag drei bis fünf Patienten vor und darf maximal sieben pro Tag sehen – bei mehr Patienten ist sie verpflichtet, eine Kollegin zur Hilfe zu rufen. Da jeder Schwester ein bestimmtes Stadtgebiet zugeteilt wird, sind die Anfahrtswege oft nur zehn Minuten, man kann also von knapp anderthalb bis zwei Stunden pro Patient pro Tag ausgehen. Das ist großzügig, wie ich meine.

Weiterhin liegt ihr Jahresverdienst bei 55.000 US-Dollar, wie sie mir freimütig auf mein Nachfragen hin erzählte, ein für eine Krankenschwester zwar nicht überragendes Gehalt, aber doch leicht überdurchschnittlich. Zusätzlich erhält sie vier Wochen Urlaub, ein Fahrentgelt von etwas mehr als 55 Cent pro Meile und einige andere Vorteile wie vergünstigte Kranken- und Rentenversicherung, Nutzung des Diensttablets und -telefons und der ihr zur Verfügung gestellten Kleider.

An jenem Montag visitierten wir also drei Patienten, waren bei einem Arbeitsbeginn von 8:15 Uhr mit allem um 14 Uhr fertig. Danach ging es für sie nach Hause. Oft vermittele ich das Gefühl in diesem Blog, wie positiv das Arbeiten in den USA als Arzt ist, aber in solchen Momenten, wie an jenem Hospiztag, habe ich das Gefühl, dass auch andere im Gesundheitssystem Arbeitende bessere Arbeitsbedingungen in den USA, als in vielen europäischen Ländern haben.