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Es war ein ganz besonderes Erlebnis

Dienstag, 1. November 2016
Es war ein ganz besonderes Erlebnis

Sonntag, 30.10.2016

Es war ein ganz besonderes Erlebnis
Im Windschatten der Insel hatten wir eine sehr ruhige Nacht, stellenweise konnten wir schon anfangen, das Schiff aufzuräumen. Am Morgen gegen halb acht erbittet Jon von der ‚Valletta Port Control’ die Erlaubnis, in den Hafen einfahren zu dürfen. Die Wellen dort seien momentan noch etwa drei Meter hoch, wenn Jon es sich zutraue, bei diesem Seegang sicher in den Hafen einzufahren, habe er die Erlaubnis. Er traut es sich zu, daher nehmen wir Fahrt auf und erwarten gut zwei Stunden später im Hafen anzukommen.

Nach unserer Ankunft werden wir bald mit dem Aufräumen beginnen. Überall auf dem Schiff herrscht Unordnung, Gegenstände liegen herum, in den Schränken und Schubladen herrscht Chaos. Gestern hat Ingo mit der neuen Crew telefoniert. Sie können es kaum erwarten, endlich das Schiff zu übernehmen. Sie haben angeboten, dass sie das Aufräumen und Reinigen übernehmen werden. Jon ist verärgert, lehnt das rundweg ab. Das Schiff habe uns so gute Dienste geleistet, habe uns so sicher durch den Wind und den starken Seegang geführt, dass es nun unsere verdammte Pflicht sei, etwas dem Schiff zurückzugeben, es wieder auf Vordermann zu bringen. Niemand widerspricht.

Die vergangenen Wochen waren ein unglaubliches Erlebnis. Aus 16 Menschen, die sich vorher nicht kannten, die unterschiedliche Berufe ausüben, die jüngsten sind Mitte zwanzig, die ältesten über sechzig, ist eine Crew geworden, die unter extremen Bedingungen professionell zusammengearbeitet und viele Menschenleben gerettet hat.

Uns hat der Wille zu helfen zusammengeführt. Wir alle wollten und wollen nicht akzeptieren, dass Menschen, die lediglich auf der Suche sind nach einem guten Leben, nach Sicherheit, nach Freiheit, bei dem Versuch nach Europa zu gelangen ertrinken müssen. Wir wollen eine schreiende Ungerechtigkeit nicht akzeptieren und wollen ein kleines Zeichen setzen, wollen einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen Menschen eine Zukunft zu bieten, ihr Überleben in größter Not zu sichern.

Wir werden die Welt damit nicht grundlegend ändern. Wir werden die Ungerechtigkeiten nicht beseitigen. Aber wir werden erzählen, von unseren Erlebnissen berichten, Fotos zeigen. Wir werden manchen Menschen die Augen öffnen und vielleicht können wir einige für unseren Kampf für mehr Gerechtigkeit, mehr Mitgefühl und Fürsorge gewinnen.

Wir sind gemeinsam an unsere Grenzen gegangen. Wir haben ungeheuerliches erlebt, wir haben Schrecken durchstanden und wir haben schöne Momente genossen. Wir haben gearbeitet bis weit über unsere Erschöpfung hinaus. Wir haben gemeinsam Spass gehabt. Wir werden noch lange brauchen, unsere Erlebnisse zu verarbeiten, zu verstehen was in den vergangenen Wochen vor unserer Augen geschehen ist und was dies mit uns gemacht hat. Denn die Erlebnisse haben uns verändert, wir alle kehren anders nach Malta zurück als wir die Insel vor zwei Wochen verlassen haben.

Ich habe die See kennengelernt. Es war eine ganz besondere Erfahrung, zwei Wochen ohne Pause mit einer Gruppe von Gleichgesinnten, den engen Raum eines kleinen Schiffes zu teilen. Wir haben zusammengearbeitet, jeder von uns hat Aufgaben übernommen und diese erfüllt. Wir haben uns gegenseitig geholfen, uns umeinander gekümmert und füreinander gesorgt. Zwischen uns hat sich ein Gefühl verlässlicher Solidarität entwickelt.

Vor der Insel wechselt das Meer abrupt seine Farbe von dunklen Azur zu hell leuchtendem Türkis. Ich sitze auf ‚Monkey Island’ und beobachte von dort die letzten Meter auf offener See bis zur Hafeneinfahrt. Das Schiff schaukelt wieder stark, aber Jon manövriert es souverän in die enge Hafeneinfahrt hinein.

Als wir in den Hafen einfahren werden wir alle ruhig. Wir blicken um uns herum, ungläubig betrachten wir die Silhouette der Stadt, die sich in warmen Gelbtönen vom klaren morgendlichen Blau des Himmels abhebt. Nachdem wir das Boot vertäut haben, spricht niemand. Wir schauen uns an, wir schauen auf den Boden, sind in unseren Gedanken.

Nachdem die Maschine ausgeschaltet ist, gehe ich auf die Brücke. Ich gehe zu Jon, ich gebe ihm die Hand, ich danke ihm. Wir schauen uns in die Augen und augenblicklich treten uns Tränen in die Augen. Wir umarmen uns, fest.

Wenig später finden wir uns auf dem Brückendeck zusammen. Wir besprechen die anstehenden Aufgaben und teilen sie unter uns auf, wir planen das Aufräumen und die Reinigung des Schiffes. Letztendlich benötigen wir den ganzen Nachmittag, um die Kojen zu reinigen, die Wäsche zu waschen, die Bäder zu putzen, die Küche und die Vorratskammer mit den Kühlschränken und Tiefkühltruhen auf Vordermann zu bringen, die Messe wieder sauber zu bekommen. Unermüdlich arbeitet Peter an def Reparatur der noch immer nicht zuverlässig laufenden Generatoren.

In der geputzten Küche beginnt Friedrich bald mit den Vorbereitungen für unser Barbecue am Abend. Bianca backt einen veganen Schokokuchen, der auch den Nicht-Vegatariern und Nicht-Veganern schmecken wird, ich hätte nicht einmal gemerkt, dass der Kuchen ohne Milch, Ei und Butter gemacht wurde.

Wenig später stehen wir gemeinsam auf der Pier. Eine längs aufgeschnittene Blechtonne, die auf ein  Gestell aus dünnen Metallrohren geschweißt wurde, mit einem darüber liegenden Rost aus einem festen Eisengitter dient uns als Grill. Zielstrebig greifen wir nach den kalten Bierdosen in der Kühlbox, die die Landmannschaft für uns bereitgestellt hat.

Später am Abend kommt die neue Crew, an die wir morgen die Sea Watch 2 übergeben werden, dazu und ebenso neugierig und begierig wie wir vor gut zwei Wochen unserer Vorgänger-Crew zugehört haben, lauschen sie den Erzählungen unserer Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Schiff. Ein wenig Wehmut schwingt schon jetzt in unseren Erzählungen mit.

jpink am Donnerstag, 23. Februar 2017, 22:30
Vernunftmanifestation
Liebe Iobri,

Ihren Kommentar schätze ich sehr, habe ihn leider jetzt erst gesehen.

Ich habe mich inzwischen darauf verlegt, mich nicht mehr sinnlos abzuarbeiten. Das eigentliche Thema ist viel zu drängend.

https://www.youtube.com/watch?v=WAvLbuECQ88&t=253s

Sollen wir diskutieren außerhalb dieses Forums?
Irobri am Montag, 30. Januar 2017, 12:25
zu viele ertrinken im westlichen Mittelmeer!
Lieber Kollege Supady,
Ich kann mich als begeisterte Seglerin gut in Ihr Gefühl von Seemannschaft, Kameradschaft, Begegnung mit der schaurigen Macht der Elemente hineinversetzen. Dinge, die wir in unseren Krankenhäusern und Intensivstationen eher wenig spüren.
Was SIe getan haben, Menschen vor dem Ertrinken zu retten, ist wunderbar und in der Individualethik ganz oben stehend.

Dennoch, auch wenn es mir im Herzen leid tut, Ihre innere Befriedigung, die Welt zumindest ein bißchen besser gemacht zu haben, zu trüben:
Sie sind mit schuld an den vielen Toten auf dieser Mittelmeer-Route.

So viele Tote gibt es, weil Schleuser ihre elendigen, billigen, überladenen Boote (heute nicht mehr alte Seelenverkäufer, sondern moderne, extra dafür angeschaffte große Schlauchboote, deren Außenbord-Motor sogar wieder eingesammelt werden kann!) nur noch von den nordafrikanischen Sandstränden einige Kilometer hinaus fahren lassen müssen, damit die Migranten dann - mit etwas Glück, inschallah! - von einem großen, guten Schiff mit Medizin und Essen und Kleidung aufgenommen werden und nach Europa kommen, wo es Sozialhilfe gibt, von der man Geld nach Hause überweisen kann.
In der Ägäis sind kaum mehr Menschen ertrunken, seit bekannt ist, dass jeder von den Inseln wieder in die Türkei zurück gebracht wird.
Je mehr wir herausziehen und NICHT an die Küste des Ablegens zurück bringen, desto mehr werden ertrinken.

Je mehr junge, aktive Menschen ihre afrikanischen Länder verlassen, desto schlechter für alle:
- für die entwurzelten jungen Menschen, die die Erwartungen, die ihr Dorf auf sie setzt, nicht werden erfüllen können und in der Fremde nicht glücklich, geschweige denn heimisch werden
- für die afrikanischen Länder, die ihre korrupten Systeme weiter auf Auslandsüberweisungen bauen anstatt auf eigene Entwicklung zu setzen
- für die europäischen Staaten, die keinen Arbeitsmarkt für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte haben und durch die enttäuschten jungen Männer aus anderen Kulturkreisen destabilisiert werden.

Wir müssen vielmehr Schule, Bildung, Wirtschaftskooperation mit diesen Ländern bestärken, als zu meinen, arme Länder könnten unsere Kinderarmut ausgleichen!