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So viele Tote

Donnerstag, 27. Oktober 2016
So viele Tote

Dienstag, 25.10.2016

So viele Tote
Vor uns auf dem Meer treibt eine Leiche. Die Frau muss schon seit Tagen tot im Wasser gelegen haben, es ist kein schöner Anblick. Wir nehmen sie an Bord. Die Bergung des toten Körpers bringt uns an unsere Grenzen. Unerträglicher Verwesungsgestank, der Körper ist aufgedunsen, die Haut löst sich, das Gesicht ... In diesem Zustand fällt es uns schwer, sie als Menschen wahrzunehmen. Immer wieder müssen wir uns abwenden, um frische Luft zu atmen, um nicht zu erbrechen.

Wie ist sie gestorben? Ist ihr Boot gekentert? Ist sie von einem Boot gefallen? Ist sie womöglich zuerst gestorben oder bewusstlos geworden und dann von anderen Passagieren über Bord geworfen worden? Ist sie die einzige Tote oder sind mit ihr noch weitere Menschen gestorben? Wie war ihr Name? Woher kam sie? Werden ihre Angehörigen je erfahren, dass sie hier gestorben ist?

Wenig später erblicken wir die Reste eines untergehenden blauen Schlauchboots. Eigentlich sind die Boote aus hellgrauem Gummi, aber von den Booten, die wir am Donnerstag hier in der Nähe gerettet haben, war eines ebenfalls blau. Womöglich ist dies nun das aufgegebene Wrack. Oder es ist ein anderes, ein gekentertes Boot, dessen Insassen nicht gerettet werden konnten? Vielleicht war die Frau, deren Leiche wir aufgenommen haben, auf diesem Boot gewesen?

Wir bergen das Boot und erkennen, dass das Wrack Brandspuren aufweist. Die Kriegsschiffe, die im Auftrag von Frontex patrouillieren, werfen oft, nachdem die Insassen gerettet wurden, Brandsätze in die leeren Schlauchboote, um die Boote zu zerstören. Andere Organisationen, wie wir auch, markieren die Boote lediglich mit einer Aufschrift, damit ersichtlich ist, dass die Insassen gerettet wurden.

Die Motoren wurden oft schon vor unseren Rettungen, spätestens aber nachdem wir die letzte Person evakuieren konnten, von ‚engine fishers’ entfernt. Wir hindern sie nicht daran, gehen nicht auf Konfrontation mit ihnen. Wir achten lediglich darauf, dass sie sich von den Booten fern halten solange noch Menschen darauf sind, um diese nicht zu gefährden.

Heute habe ich mich noch einmal mit Jon darüber unterhalten, gestern eine Pause zu machen und es jedem frei zu stellen, ob und wieviel er oder sie sich am Aufräumen des Schiffes und Reinigen der Westen beteilige möchte. Jon stellte fest, dass er im Rückblick mit dieser Entscheidung sehr unzufrieden gewesen ist. Die Entscheidung habe dazu geführt, dass eine unangenehme Arbeit, die Wäsche der Rettungswesten, an einigen wenigen hängen geblieben sei und damit für diese besonders viel Zeit in Anspruch genommen habe.

Bedeutungsvoller als dies finde er jedoch, dass sich die auf dem Mikrokosmos eines Schiffes notwendige Gruppensolidarität aufgelöst habe. Er habe kein Verständnis für ein Nachgeben unserer Bemühungen Menschenleben zu retten für den Zeitraum, für den wir uns dieser Aufgabe verschrieben haben. Wir hätten kein Recht, unsere Belastungen in diesen wenigen Tagen so stark hervorzuheben, denn wir seien allesamt Privilegierte und ein Arbeiter stehe alltäglich unter weit größerer körperlicher Belastung als wir dies tun.

Für mich ist das eine Zwickmühle. Persönlich teile ich Jons Meinung und ich schäme mich dafür, dass auch ich gestern mich nicht die ganze Zeit am Aufräumen und Reinigen beteiligt habe. Er hat Recht,  dass wir mit der Bereitschaft der Teilnahme an dieser Mission auch Verantwortungen übernommen haben.

Zunächst haben wir Verantwortung für die Flüchtlinge übernommen. Wir sind aus einer Gruppe von Bewerbern für diese Aufgabe ausgewählt worden,  die wir nach reiflicher Überlegung uns entschieden haben zu übernehmen. Wir haben uns im Vorfeld Gedanken gemacht, wir haben überlegt was uns erwarten würde, welche Belastungen auf uns zukommen könnten. Wir wußten von den Gefahren. Die Mission ist nun schwerer geworden als erwartet, belastender. Und dennoch sind  wir weiterhin verpflichtet zu unserem Wort zu stehen und unserer Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen gerecht zu werden.

Wir haben aber auch eine Verantwortung gegenüber unserer Mannschaft, gegenüber jedem einzelnen, mit dem wir uns auf dieses Schiff, auf diese Mission begeben haben. Wir sind hier auf uns gestellt und in dieser Abgeschiedenheit des Schiffes sind wir auf jeden einzelnen angewiesen, müssen uns auf einzelnen und seinen Einsatz für die Gruppe und für unser gemeinsames Ziel, unsere Aufgabe verlassen können. Alles andere muss dahinter zurückstehen.

Ich glaube wir alle sind stark genug, die Erlebnisse zu verarbeiten. Die Ereignisse der vergangenen Tage haben Spuren an uns hinterlassen. Diese Mission war für uns alle eine außergewöhnliche Erfahrung und wir kehren von dieser Fahrt verändert zurück. Wir werden Zeit brauchen, die Erlebnisse zu verarbeiten, wir werden Unterstützung brauchen, durch unsere Familien, durch Freunde und vielleicht auch durch professionelle Helfer. Wir werden mit den anderen Crewmitgliedern in Kontakt bleiben und uns austauschen, auch das wird uns helfen. Am meisten aber wird uns unsere Überzeugung helfen, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein und das richtige getan zu haben.

Zum Glück sind wir hier nicht allein. Wir haben Mitstreiter von anderen Organisationen, die sich wie wir aufopfern, um den Menschen, die hier vor unseren Augen in Lebensgefahr sind, Hilfe zu leisten. Es ist beschämend was hier passiert und noch beschämender ist es, dass wir unsere Augen abwenden, uns vor unserer Verantwortung wegducken. Wir alle, unsere Politik, unser Wirtschaftssystem, das wir alle stützen, denn wir leben darin und wir halten es aufrecht, wir alle tragen die Verantwortung für den Tod dieser Menschen, für den Tod derjenigen, die wir aus dem Wasser geborgen haben und genauso für den namenlosen Tod all jener, die niemals entdeckt werden, die unerkannt in Seenot geraten, ertrinken und deren Körper für ewig in den azurblauen Tiefen des Mittelmeers versinken.

Die Menschen sterben, weil sie arm sind, die Menschen sterben, weil sie schwarz sind, die Menschen sterben, weil sie Afrikaner sind oder Syrer, sie sterben weil sie keine Europäer sind. Wir wissen dies, wir akzeptieren dies, denn wir ändern unser Verhalten nicht. Wir tragen eine Mitschuld an diesen Toden.

Gegen Abend nimmt der Wind an Kraft zu. Auf den Wellen bilden sich Schaumkronen wie Sahnehäubchen. Der Bug taucht von den Wellengipfeln immer wieder so tief in die Täler hinein, dass ich jedes Mal erleichtert bin, wenn er wieder auftaucht. Die Wellen klatschen laut an den Bug, spritzen weit über die Reling aufs Schiff. Ich wundere mich, wie schnell ich mich an das Schwanken gewöhnt habe. Die Fortbewegung im Schiff ist bei starkem Seegang manchmal herausfordernd. Wie Besoffene torkeln wir durch die Gänge, stoßen zu beiden Seiten an die Wände, suchen Halt an Griffen, an Türrahmen oder Treppengeländern.

Wir verlangsamen unseren Gang, wenn sich der Weg vor uns plötzlich anhebt, um augenblicklich unseren Schritt zu beschleunigen, wenn wir uns wenig später auf einer nach vorn abschüssigen Schräge wiederfinden. Wir gehen die steilen Treppen mit den kurzen Stufen rückwärts hinab. In meiner Koje genieße ich es, in den Schlaf geschaukelt zu werden, zumindest  solange das Schwanken nicht so stark ist, dass es mich wechselnd an beide Seiten der Koje rollen und anstoßen läßt. Wir haben gelernt, die offenen Türen mit Haken zu sichern. Wir haben uns daran gewöhnt, Dinge nicht offen herumliegen zu lassen, sondern in den für sie vorgesehen Fächern, Kästen oder Schränken zu verstauen.

Spät am Abend übergeben wir den Leichnam, den wir am Morgen aus dem Wasser geborgen haben, an die Bourbon Argos. Dies war dringend notwendig, denn der Verwesungsgestank hat sich während des Tages über das ganze Schiff ausgebreitet. Im ‚Tausch’ übergeben uns die Kollegen von ‚Ärzte ohne Grenzen’ ein Schlauchboot, in dem 14 Leichen liegen, die bisher nicht geborgen werden konnten.

Auf dem Boden des Schlauchboots ist eine gefährliche Mischung aus Wasser und Treibstoff und die Leichen schwimmen darin, leidlich von Schwimmwesten bedeckt. Auf der Bourbon Argos ist eine instabile Patientin, die zur weiteren Behandlung dringend an Land geflogen werden muß. Ein Hubschrauber wird sie abholen, dieser kann jedoch nur 100 Meilen aufs offene Meer hinaus fliegen, daher muß die Bourbon Argos näher ans Ufer heranfahren und kann die Leichen im Schlauchboot nicht länger überwachen.

Wir binden das Schlauchboot an unser Heck, so dass es über Nacht in unserer Nähe verbleibt und wir hoffen es morgen an ein Schiff zu übergeben, das die Möglichkeit hat, die Leichen aus dem Boot zu bergen und für den Transport nach Italien zu lagern.

ulrike dramé am Freitag, 28. Oktober 2016, 06:26
Danke!
Danke an den Kollegen Alexander Supady - extrem interessant geschriebener Blog und sehr, sehr wichtig. Danke dafuer!
Und viel Erfolg, Mut und Kraft zu Ihrer schweren Arbeit.