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Ein Tag Pause zur Erholung

Donnerstag, 27. Oktober 2016
Ein Tag Pause zur Erholung

Montag, 24.10.2016

Ein Tag Pause zur Erholung
Wir müssen unsere Ausrüstung, unsere Arbeitsmaterialen wieder einsatzbereit machen. Und wir müssen uns erholen, wieder zu Kräften kommen.

Zuerst haben wir die Schwimmwesten gereinigt. Hierzu haben wir die Westen nacheinander in warmes Seifenwasser in einer großen Tonne gebadet, dann auf vielen an Deck gespannten Leinen aufgehängt. Später, nachdem sie getrocknet waren, haben wir die Westen wieder in Säcke verstaut, immer 40 oder 50 Stück, die Säcke mit der Anzahl der Westen beschriftet und dann die Säcke wieder verstaut – auf dem Achterdeck unter den RHIBs, auf dem Oberdeck hinter dem Schornstein und auf ‚Monkey Island’ rund um den Schornstein herum.

Andere haben das Schiff geputzt, die Böden gewischt, gesaugt, die Bäder und die Toiletten gereinigt, Wäsche gewaschen.

Der Tag sollte der Erholung dienen, daher haben wir uns bewusst weit vom Rettungs­gebiet entfernt aufgehalten. Ich bin dafür eingetreten, dass jeder die Erholung suchen soll, die er benötigt und das Aufräumen und das Reinigen der Westen sollten nur diejenigen übernehmen, die sich dazu in der Lage fühlten. Natürlich wählten viele die Erholung und so blieb die Arbeit mit den Westen an einigen wenigen hängen.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Entscheidung die richtige war. Wir alle haben in den vergangenen Tagen außergewöhnliches erlebt und geleistet. Wir sind körperlich über uns hinaus gegangen und konnten so sehr vielen Menschen das Leben retten. Viele Menschen wären ohne unsere Hilfe heute nicht mehr am Leben. Die psychischen Belastungen waren ebenfalls außergewöhnlich.

Viele haben erstmals einen Toten sehen müssen, erstmals einen Menschen vor den eigenen Augen sterben sehen müssen. Die Hilflosigkeit, jemanden vor der eigenen Augen ertrinken zu sehen, in unmittelbarer Nähe, ohne dies verhindern zu können, ohne eingreifen zu können, ist nur schwer zu ertragen. Am Freitagmorgen, während des Zwischenfalls mit der libyschen Küstenwache fühlten sich viele bedroht, hatten Angst, dass auch wir, unser Boot gewaltsam angegriffen werden könnten. Ich habe argumentiert, dass wir nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen hätten, sondern auch gegenüber unseren Familien und unserem eigenen Leben und wir daher auch auf uns achtgeben müssten.

Die Arbeit mit den Westen ist anstrengend und sie nimmt viele Stunden in Anspruch. Die Westen müssen entwirrt werden, die Schnallen geschlossen und später, nach dem Trocknen, nach Modell sortiert in verschiedene Säcke gepackt werden. Das Sortieren ist wichtig. Wenn wir auf einem Boot Westen verteilen, müssen wir darauf achten, dass möglichst alle von der gleichen Sorte sind, denn es kann Unruhe aufkommen, wenn Einzelne im Boot ein Modell vorziehen, es als überlegen ansehen und dann ein Streit um die Westen entsteht.

Viele von uns schlafen, ruhen in der Sonne aus, lesen, schreiben. Die Stimmung ist ruhig, vielleicht ein wenig bedrückt. Wir führen Gespräche, zu zweit und in kleinen Gruppen. Wir versuchen unsere Erlebnisse, unsere Wahrnehmungen der vergangenen Tage untereinander zu teilen. Wir sorgen uns um einander und sprechen uns zu. Wir weinen. Niemand fühlt sich allein, es ist schön zu spüren, dass wir zusammenstehen, dass wir uns umeinander kümmern. Niemand von außen kann uns besser helfen als wir dies gegenseitig tun können. Niemand kann besser nachfühlen, in welcher Lage wir uns befinden, niemand kann besser verstehen welche Gedanken in uns kreisen, welche Ängste uns treiben.

Am Nachmittag hören wir, dass im Suchgebiet wieder vierzehn Schlauchboote entdeckt wurden. Die Helfer der anderen Organisationen sind vor Ort, aber auch sie haben ihre Belastungsgrenze weit überschritten. Kleine Schiffe wie die ‚Minden’ oder die ‚Sea-Eye’, die ‚Iuventa’ haben hunderte Flüchtlinge an Bord genommen, viel mehr als sie sicher versorgen und transportieren können, es wurden Leichen entdeckt und geborgen, die italienische Küstenwache schickt zusätzliche Schiffe, um die Retter zu unterstützen.

Gemeinsam entscheiden wir, dass wir unsere Pause vorzeitig beenden werden, um unsere Arbeitskraft und unser Equipment wieder für die Rettung der Menschen in größter Not einsetzen zu können.