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Notruf von einem Fischerboot

Freitag, 21. Oktober 2016
Notruf von einem Fischerboot

Mittwoch, 19.10.2016

Notruf von einem Fischerboot
Hier auf dem Mittelmeer vor der libyschen Küste sind wir nicht allein. Neben der Sea Watch gibt es mittlerweile 9 NGOs, die mit ihren Schiffen bereitstehen, in Seenot geratene Flüchtlingsboote ausfindig zu machen und die Menschen darauf zu retten: Ärzte ohne Grenzen (Schiffe: Bourbon Argos, Dignity I), Proactiva Open Arms (Astral), SOS Mediterranee (Aquarius), Boat Refugee Foundation (Golfo Azzurro), Jugend rettet (Iuventa), Life Boat Project (Minden), MOAS (Phoenix, Topaz Responder), Sea-Eye (Sea-Eye) uns Safe the Children (Vos Hesta).

Die Schiffe unterscheiden sich zum Teil beträchtlich in ihrer Größe und Ausstattung. Daher unterscheiden sich auch die Aufgaben, die diese Schiffe übernehmen. Während kleine Schiffe wie die Sea Watch 2 oder die Minden nach Booten in Seenot Ausschau halten, Schwimmwesten an Menschen in wenig hochseetauglichen Booten verteilen und dringende medizinische Primärversorgung leisten, sind sie nicht dafür ausgelegt, viele Flüchtlinge für längere Zeit an Bord zu nehmen und sie schließlich nach Italien zu transportieren. Größere Schiffe wie die Bourbon Argos auf der anderen Seite können problemlos mehrere hundert Migranten aufnehmen, sie medizinisch versorgen und sicher aufs italienische Festland transportieren.

Ohne dass sich die Organisationen einer gemeinsamen Einsatzleitung unterordnen würden, besteht zwischen den Schiffen ein sehr enger Kontakt und reger Austausch, so dass nicht nur eine möglichst durchgehende Kontrolle der internationalen Gewässer vor Libyen gewährleistet ist, sondern auch für den Fall, dass tatsächlich ein Boot aufgefunden wird, die Aufnahme der Flüchtlinge und der Transport nach Italien möglichst reibungslos funktionieren. Die Einsatzleiter der verschiedenen Schiffe stehen über eine Whats App Gruppe in Kontakt und berichten sich gegenseitig über die Boote, die sie entdecken, die Anzahl der Geretteten und Toten, falls es welche gab, sowie weitere wichtige Besonderheiten.

So können große Schiffe kleineren zu Hilfe kommen, falls diese zwischenzeitlich Flüchtlinge aufnehmen mußten, diese aber nicht lange bei sich an Bord versorgen können. Außerdem können sich die Einsatzleiter ein Bild verschaffen von der aktuellen Fluchtdynamik. Wo kommen die Boote her? Wieviele? Wann? Sind noch weitere zu erwarten? Wie ist die Situation der Flüchtlinge an Land, die noch darauf warten, auf ein Boot zu steigen?

Heute morgen waren wir in unserer Region vor der Westküste Libyens nördlich von Zuwarah, Sabratah und Az Zawiyah in einer lockeren Gemeinschaft mit drei weiteren Hilfsschiffen: Bourbon Argos, Vos Hestia und Topaz Responder. Die Schiffe stehen in Sichtweite und nur wenige Seemeilen voneinander entfernt. Darüber hinaus dümpelt seit Tagen ein Containerschiff in dieser Region. Die See ist noch ruhiger als gestern. Für die kommenden Tage ist weiterhin gutes Wetter vorausgesagt, außerdem wird der Wind, der heute noch aus dem Osten kommt, drehen und aus Südost wehen - dies erleichtert es den Booten von der libyschen Küste aufs offene Meer zu gelangen.

Heute morgen habe ich gemeinsam mit Friedrich Wachdienst auf der Brücke. Friedrich hat noch davor einen Kuchen gebacken, so dass wir unseren Kaffee mit einem warmen Stück Marmorkuchen genießen können, während wir aus noch müden Augen das Radar im Blick behalten und das Meer um uns herum bis an den Horizont mit dem Fernglas absuchen. Nichts ungewöhnliches. Später schreckt uns wieder ein unklares Radarsignal auf, doch auch dieses Mal ist es nur von einem Vogelschwarm hervorgerufen worden.

Wir erhalten die Nachricht, dass weiter im Osten ein irisches Kriegsschiff ein Flüchtlings­boot mit 118 Menschen retten konnte, außerdem wurden 7 Leichen geborgen. Die Vos Hestia wird uns verlassen und sich in diese Region aufmachen, um die Flüchtlinge zu übernehmen und nach Italien zu bringen. Später am Abend erfahren wir außerdem, dass auch die Minden, ein ehemaliger deutscher Seenotrettungskreuzer, über hundert Flüchtlinge aus einem havariertem Holzboot gerettet hat, die ebenfalls von der Vos Hestia übernommen werden. Es wurden auch Leichen geborgen. Auch die Golfo Azzurro konnte Menschen in Seenot retten.

Am Mittag meldet sich die Koordinierungszentrale für Seenotrettungseinsätze, MRCC, die sich in Rom befindet, bei uns mit der Bitte, auf einem libyschen Fischerboot medizinische Hilfe zu leisten. Von dem Boot sei ein Notruf abgesetzt worden. Ein oder zwei Personen seien dort womöglich schwerer verletzt, es wird vermutet, dass zumindest eine Person stark blutet. Die Informationen sind ungenau und bleiben spärlich, denn die Mannschaft des Fischerboots spricht nur Arabisch, das Personal beim MRCC spricht nur Italienisch, während bei uns niemand Arabisch, und Noemi, eine unserer Journalistinnen, als einzige nur wenig Italienisch spricht. 

Das Schiff befindet sich nur wenige Meilen von uns entfernt und wir machen uns sofort auf den Weg dorthin. Ingo bittet Barbara, Bianca, die als Krankenschwester bei uns in der Crew ist, und mich,  den Medizinraum vorzubereiten. Wir richten zwei Bergetragen, außerdem halten wir das Material für i.v.-Zugänge und Infusionen bereit. Falls wir Patienten außerhalb unseres Schiffes versorgen müssen, stehen hierfür zwei große Rucksäcke mit der notwendigen Ausrüstung bereit.

Als das Fischerboot in unmittelbarer Nähe an der Steuerbordseite unseres Schiffes liegt, erläutert Ingo seinen Plan für das weitere Vorgehen. Wir werden uns dem Boot weiter nähern, um uns Seit an Seit zu treffen. Ingo bittet mich, ihn auf das andere Boot zu begleiten, zunächst ohne weitere Ausrüstung, um erst einmal die Situation einzu­schätzen und den Zustand der Verletzten zu beurteilen.

Doch kurz bevor wir mit dem Fischerboot zusammentreffen ändert sich der Plan. Auf der Bourbon Argos, dem Schiff von Ärzte ohne Grenzen, das ganz in der Nähe liegt, ist ein Arabisch sprechender Arzt, so dass es günstiger erscheint, wenn dieses Team die Beurteilung der Situation und der Patienten übernimmt. In einem Beiboot der Bourbon Argos nähert sich das Team dem Fischerboot, nimmt schließlich eine Person auf und kehrt wieder um in Richtung der Bourbon Argos.

Auf halber Strecke jedoch bleibt das Boot stehen. Minuten vergehen, in denen wir mit dem Fernglas zu erkennen versuchen, was auf dem Boot vorgeht. Gibt es Streit? Hat das Team Schwierigkeiten bei der Versorgung des Patienten? Dann fährt das Boot wieder zum Fischerboot zurück, die zuvor aufgenommene Person geht wieder auf das Fischerboot und das Schnellboot kehrt zur Bourbon Argos zurück. Später erfahren wir, dass lediglich eine Person nur leichte Verletzungen am Unterarm hatte, die nach der Rückkehr des Bootes an Land in Zuwarah im Krankenhaus behandelt werden können.

Nachmittags wieder Übungen mit den Booten. Nicht nur die Fahrübungen mit den Booten, ‚Mann-über-Bord’-Rettungsübungen, das Training von Ein – und Aussteigen vom fahrenden Schiff in die Boote sind wichtig, sondern auch das Auf- und Abladen der Boote vom Achterdeck mit dem Kran. Gerade bei stärkerem Wellengang mit dann stark schwankendem Schiff können die Boote, während sie am Kran hängen, weit schwingen und so beschädigt werden, das Schiff beschädigen oder die Crew gefährden. Um das zu vermeiden, müssen die Boote, solange sie am Kran hängen, mit Seilen in alle Richtungen fixiert werden.

Hierfür sind an allen Enden des Bootes insgesamt vier Seile befestigt an denen vier Personen das Boot in der Luft stabilisieren. Dies erfordert eine hohe Konzentration und Kraft, denn wenn es bedeutet eine große Anstrengung, das Schwingen wieder zu unterbinden, wenn es einmal begonnen hat. Mittlerweile jedoch ist das Kran-Team sehr gut eingespielt, so dass die Boote schnell und sicher zu Wasser gelassen werden und ebenso schnell und sicher wieder an Bord gelangen.

Nachdem die Boote wieder an Deck gehoben, festgezurrt und gereinigt sind, stürzen wir uns  von der Reling und schwimmen im Licht der Spätnachmittagssonne im angenehm warmen Mittelmeer.