aerzteblatt.de

Im Zielgebiet

Dienstag, 18. Oktober 2016
Im Zielgebiet

Dienstag, 18.10.2016

Im Zielgebiet
Während der Nacht sind wir in unserem Zielgebiet am Rande der 24-Seemeilen-Zone vor der libyschen Küste angekommen. Hier treiben wir nun, ohne dabei weite Strecken zurückzulegen, auf der Höhe von Sabratah und Az Zawiyah westlich von Tripolis. Bisher wurden hier die meisten Boote entdeckt, denn die Küste ist in diesem Bereich aufgrund der Sandstrände geeignet für das Ablegen der Schlauchboote. Ganz in der Nähe von uns, noch in Sichtweite am Horizont, patrouilliert die 'Vos Hestia', ein größeres Schiff, das von 'Safe the Children' gechartert wurde, und wie wir für die Rettung von Flüchtlingen bereitsteht. Ebenso ist die 'Topaz Responder' von 'MOAS' auf dem Weg in unser Gebiet.

Das Meer ist verhältnismäßig ruhig, der Seegang ist lange nicht mehr so stark wie zu Beginn unseres Törns. Die Seekrankheit halten wir momentan ganz gut in Schach, manche von uns mithilfe von Vomex-Kaugummis und Scopolamin-Pflastern, die leider den Effekt haben, dass die Sehschärfe in der Nähe eingeschränkt ist, was gerade unsere Journalisten und Fotografen belastet. Und doch schwankt es immer wieder ganz ordentlich und daher ist es eine ungewohnte Erfahrung wieviel Energie man allein dafür aufwendet, das Gleichgewicht zu halten, um nur halbwegs gerade zu laufen.

Die Arbeit in der Küche ist für Friedrich eine enorme Herausforderung, denn die Töpfe wandern auf dem Herd wie alle anderen Gegenstände auf den Arbeitsflächen. Unter Dusche muss man ebenso Acht geben nicht umzukippen, wie man beim Treppensteigen auf den schmalen Stufen aufpassen muss nicht abzurutschen. Eine Hand für das Schiff, eine Hand für Dich. Nach dieser Regel bewegen wir uns über das Schiff und greifen sooft möglich nach der Reling, nach einem Geländer, nach der Wand in den schmalen Gängen oder nach einem Türrahmen.

Jeden Morgen um 10 Uhr treffen wir uns alle zum Briefing auf dem Deck vor der Brücke. Wir besprechen den Plan für den Tag, verteilen anstehende Aufgaben, die Wachen auf 'Monkey Island'. Am Nachmittag wollen wir uns auf dem Achterdeck für ein weiteres Training mit den RHIBs zusammenfinden.

Der Wind kommt von Osten, nicht ideal für die Flüchtlingsboote, aber anders als bei stärkerem Nordwind ist es hierbei für die Boote noch möglich, an der Küste abzulegen. Ideal wäre Südwind oder Südostwind, der die Boote aufs offene Meer hinaustragen würde, weg von der Küste. Und obwohl die See nun viel ruhiger ist, sind die Wellen immer noch so stark, dass es die überladenen Flüchtlingsboote schwer hätten voranzukommen, und es sehr gefährlich wäre.

Um unser Boot herum entdecken wir plötzlich einen Schwarm Delfine. Sie tauchen immer wieder kurz auf, um gleich wieder zu verschwinden. Vermutlich sind sie auf der Jagd nach Fischen, denn sie werden von ein paar Möwen begleitet, die unruhig um sie herum tanzen, in der Hoffnung einen Teil der Beute zu erhaschen.

Weiter im Osten, in einer Region, in der in den vergangenen Tagen wiederholt Boote entdeckt wurden, wurde in den frühen Morgenstunden ein Boot mit mehr als 130 Personen ausfindig gemacht. Diese Menschen werden momentan von der Mannschaft der 'Golfo Azzuro', einem Schiff der niederländischen NGO 'Boat Refugee Foundation' gerettet. Leider verstehen wir viel zu wenig über die Vorgänge an der libyschen Küste.

Wir kennen die Wetterbedingungen, die es den Booten ermöglichen oder erleichtern sich auf den Weg zu machen. Immer wieder kam es jedoch vor, dass trotz idealen Wetters keine Boote unterwegs waren. Warum? Vielleicht gab es nicht genug Nachschub an Booten? Vielleicht gab es Streit oder Konflikte zwischen den Schleusern? Vielleicht waren nicht die 'richtigen' Leute der Küstenwache im Dienst, die mit den Schleusern gemeinsame Sache machen und dafür, dass sie die Boote passieren lassen, sich bezahlen lassen? Vielleicht gibt es Konflikte mit örtlichen Milizen oder Autoritäten? Wir können nur spekulieren und bereitstehen für den Fall, dass alle  Bedingungen zusammenkommen, die es den Booten erlauben, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen.

In den letzten Tagen war es hier im Westen sehr ruhig, es wurden keine Boote entdeckt. Da wir den Grund für diese Ruhe nicht verstehen und sich das Wetter in den kommenden Tagen wahrscheinlich beruhigen wird, so dass wir gute Wetterbedingungen für die Flüchtlingsboote erwarten, werden wir zunächst weiter in dieser Region Ausschau halten.

Langes Warten, geduldige Stunden mit dem Fernglas auf 'Monkey Island' und vor dem Radar, um kein Boot zu übersehen. Denn unsere Wachposten, unsere Augen und unser Radar, gemeinsam mit den Wachposten der anderen Schiffe (im Moment in unserer Region also die Wachposten der Vos Hestia) sind die einzigen, auf die die Flüchtlinge vertrauen können. Es gibt kein funktionierendes durchgängiges Überwachungssystem, das diese Region im Auge behält.

Natürlich beobachten auch die Kriegsschiffe, die für Frontex in dieser Region die Grenze überwachen, dieses Seegebiet. Ein luxemburgisches Flugzeug, die Seagull 75, fliegt Aufklärungsflüge über dieser Region und wir vertrauen darauf, dass sie uns Nachricht über in Seenot geratene Boote geben würde, wenn es diese entdeckte. Da wir jedoch weder mit Frontex noch mit einzelnen Kriegsschiffen in festem Kontakt stehen, haben wir keinen Einfluss auf deren Tätigkeiten, und wir wissen nicht, in welcher Region sie mit welchen Schiffen unterwegs sind. Natürlich wäre für uns eine größere Unterstützung durch die Kriegsschiffe und durch Frontex wünschenswert, denn sie könnten uns unsere Arbeit sehr erleichtern, könnten Flüchtlinge aufnehmen, die wir gerettet haben, könnten uns bei der Suche nach Flüchtlingsbooten und der Rettung der Menschen unterstützen.

Plötzlich hören wir, dass sich ein Hubschrauber nähert. Mit dem Fernglas erkennen wir nur, dass er grau ist und relativ groß. Er fliegt direkt über uns hinweg. Nur wenige Augenblicke später ist er schon wieder aus unserem Blick verschwunden. Wir wissen nicht woher er kam, wir vermuten, dass es ein Armeehubschrauber war, vermutlich gehört er zur Frontex-Misson.

Wir sind nicht bereit, uns enger an Frontex oder einzelne Kriegsschiffe anzubinden, da unser Auftrag sich grundlegend von dem Frontex-Auftrag unterscheidet. Frontex möchte die Grenzen sichern, möchte Europa abschotten und nur diejenigen hereinlassen, die eingeladen wurden oder dort ansässig sind. Wir aber möchten es nicht dulden, dass Menschen bei dem Versuch nach Europa zu gelangen auf dem Mittelmeer ertrinken, wir möchten nicht dabei zusehen wie Menschen, die aus verschiedensten Gründen entschieden haben ihre Heimat zu verlassen auf dem letzten Stück des Weges zu einem Kontinent, der sich seiner Humanität rühmt und seiner Menschenrechte, vor unserer Augen sterben müssen.

Nicht jeder, der nach Europa gelangt, kann dort bleiben. Wir müssen nicht jeden aufnehmen, der zu uns kommen möchte, das kann kein Land, kann keine Gesellschaft verlangen, denn es könnte eine Gesellschaft, ein Land überfordern. Wir sind jedoch verpflichtet jeden, der entscheidet die Strapazen und Gefahren einer solchen Flucht auf sich zu nehmen, aus größter Gefahr zu retten, ihm ein guter Gastgeber zu sein und ihm eine sichere Zuflucht als Gast zu bieten, um ihm dann zuzuhören, seine Geschichte zu erfahren, die Gründe seiner Flucht.

Dann müssen wir entscheiden, ob wir ihn bei uns aufnehmen wollen oder müssen, ihm eine sichere Zuflucht gewähren, da er in seiner Heimat bedroht oder verfolgt wird, oder ob wir ihm dies verweigern können und ihn daher in seine Heimat zurückschicken können. Wie aber können wir dies entscheiden? Sind nur Kriege, Folter, Gewalt gute und gerechte Gründe für eine Aufnahme dieser Menschen bei uns? Dürfen wir Frauen zurückschicken in Gesellschaften, in denen sie unterdrückt werden, in denen sie nicht die gleichen Rechte haben wie die Männer in ihren Gesellschaften, etwas das wir für unsere Gesellschaften nicht akzeptieren? Dürfen wir Menschen zurückschicken in eine Heimat, in der sie hungern, in der die Jungen verzweifeln, weil sich ihnen keine Perspektiven bieten, sie keine Möglichkeiten haben zu lernen, Schulen zu besuchen, auf Universitäten zu gehen? Was ist gerecht?

Dr. med. Alexander Supady
(alexander.supady@universitaets-herzzentrum.de)