aerzteblatt.de

Vom betreuten Trinken und anderen Freuden

Freitag, 16. September 2016
Vom betreuten Trinken und anderen Freuden

Im Mittelalter war gerade an den Königs- und Fürstenhöfen das Schachspiel auch eine Sache der Damen. Davon künden etliche bildliche Darstellungen wie auch das erste Schachbuch der Geschichte, vom großen spanischen König Alfons X. dem Weisen aus dem Jahre 1283, in dem er ihnen explizit seine Reverenz erweist, wie auch die Tatsache, dass mit der Unwandlung des Wesirs (im Russischen ist er in der Bezeichnung „fers“ für die Dame noch erhalten) in die Dame aufgrund des Vorbilds der schachspielenden Königin Isabella von Spanien um 1500 das weibliche Geschlecht auch ins Schachspiel Einzug hält.

Und wie! Als stärkste Figur überhaupt kann sie über das ganze Brett jagen – wie bescheiden erscheint dagegen der König, der sich immer nur ein Feld weit bewegen darf – und Angst und Schrecken verbreiten, nicht zuletzt beim feindlichen König, während ihre Vorgängerfigur, der Wesir, noch weit schwächer war. Die Dame tat dem Schachspiel in jeder Hinsicht gut.

In einem merkwürdigen Kontrast dazu verloren indes die Frauen das Interesse am „Königlichen Spiel“, erst in den letzten Jahren ist wieder eine gewisse Renaissance zu verspüren, vielleicht mit ausgelöst durch das Vorbild der ungarischen Polgar-Schwestern, von denen vor allem Judit, die jüngste, viele Jahre beherrschend war und sogar in die männliche Weltspitze vordrang.

Dieses Verhältnis spiegelt sich durchaus auch bei den deutschen Ärzteturnieren wieder, wo einige wenige (tapfere) Frauen den Kampf gegen die numerische männliche Übermacht aufnehmen, aber gleichzeitig bestens mithalten können und vor allem dem Flair und Geist der Veranstaltung so gut tun.

Diesmal waren es ihrer insgesamt sechs, wobei an erster Stelle unbedingt Dr. Utta Recknagel erwähnt werden muss. Seit vielen Jahren (immerhin war es heuer schon das 24. Turnier) hält sie die Fahne der Damen hoch, aufgrund ihrer Liebenswürdigkeit und Fairness (die einem Gegner bei einem „groben Bock“ schon einmal ein Remis schenken kann) von allen hochgeachtet. Als bei der Siegerehrung die lobenden Worte und Geschenke auf sie schier „niederprasselten“, war es ein bewegender Augenblick nicht nur für sie, sondern für den ganzen Kursaal in Bad Neuenahr. Vielleicht noch ein im Nachhinein eher heiterer Vorfall, als Frau Dr. Recknagel im Foyer verzweifelt ausrief: „Ich habe die Gabel nicht gesehen!“ und der Sohn von Dr. Christian Bordasch, auch einem Mann der ersten Stunde, der dieses Mal schier über sich selbst hinauswuchs, mich fragte: „Was ist eine Gabel?“ Tja, das Idiom der Schachspieler ist schon eigen.

Zufällig war ich Augenzeuge bei einem anderen „Vorfall“, der sich so vielleicht nur unter Frauen abspielen kann. Dr. Monica Toma bot ihrer Gegnerin, Dr. Susanne Stolz, remis an, worauf diese ungläubig schaute und vielleicht gar nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Schließlich – immerhin sind es Schnellpartien mit dem unerbittlichen Diktat der Uhr – macht Frau Toma einen Zug, allerdings  war es ein riesiger Fauxpas, nach dem sie unmittelbar matt war. Sie selbst nahm dies fast leichthin zur Kenntnis, während Frau Stolz ganz erschüttert schien, dass sie ihrer Gegnerin solch Leid „antun“ musste und diese zu trösten versuchte.

Dr. Anna Küßner-Brochhagen und Dr. Helene Giss, die einen prächtigen Einstand feierte, hatten sogar ihre Babys mitgebracht. Natürlich geht das nur, wenn hilfreiche männliche Geister, sei es der Ehemann oder der Vater, beide auch ausgesprochen schachkundig, den Nachwuchs derweil hüten. Besonders bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei Frau Küßner-Brochhagen für ihre originellen „schachgetränkten“ Grüße, stets eine große Freude.

Last, but not least aber zu Dr. Bergit Brendel. Bevor sie eine wohlbestallte Dermatologin wurde, stand sie früher schon einmal nächtelang um Opernkarten an, statt sich der Vervollkommnung ihres Schachspieles zu widmen. Leider müssen indes immer noch ähnliche Eskapaden vermeldet werden. Statt den Schachabend ihres Vereins aufzusuchen, geht sie des Öfteren zum „Betreuten Trinken“. Doch honni soit qui mal y pense! Hierbei berät und betreut eine Weinhändlerin die Gruppe. Vermutlich ist es umgekehrt wie bei der Hochzeit zu Kana, wo erst nach Christi Verwandlung von Wasser in Wein der gute Wein ausgeschenkt wurde.

In jedem Fall versprach ihr Prof. Dr. Peter Krauseneck, ein Weinkenner vor dem Herrn, der sich in Ahrweiler wieder mit einem Jahresvorrat eingedeckt hatte, bei „Wohlver­halten“ eine Flasche Wein. Jetzt kann man rätseln, was Wohlverhalten bedeutet – vermutlich, wenn sie gegen ihn verliert. Aus der Vergangenheit sind nämlich gegenteilige Episoden überliefert.

Jetzt aber Schach pur.

Diagramm

(wKg3, Ta1, Tf1, Ld1, Sc1, Ba6, c3, e4, f3, f5, h4;
sKg8, Tb2, Td8, Lc6, Sf6, Ba7, b3, c4, e5, f7, g7, h6)

Wie konnte Dr. Brendel als Schwarze, beim Schach immer angriffslustig, in der Bundesliga der Frauen ihre Gegnerin Verena Wegner in wenigen Zügen mattsetzen?

Lösung zeigen

Nach 1...Sh5+ 2.Kg4 (2.Kh3 Sf4+ 3.Kg3 Tg2 matt) Tg2+! 3.Kxh5 (3.Kh3 Sf4 matt) Kh7! gab die Weiße wegen des unausweichlichen Matts durch 4...g6+ 5.fxg6 fxg6 auf. Allerdings hätte des eingeklemmten weißen Königs letztes Stündlein auch nach 3...f6! nebst 4...Le8 matt geschlagen. Wie es Euch gefällt!