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Das Erlernen einer Knochenmarkpunktion

Donnerstag, 29. September 2016
Das Erlernen einer Knochenmarkpunktion

Seit Jahren arbeite ich als Internist und habe im Laufe der Jahre diverse Abnormalitäten der Blutzellen festgestellt und aufgearbeitet. Manchmal sind die Blutplättchen niedrig, ein andermal die weißen Blutzellen erhöht oder wiederum ein anderes Mal die Erythrozytenzahlen unzureichend, und trotz aufwendiger Blutuntersuchungen erschließt sich nicht immer die Ursache.

In solchen Fällen habe ich die Patienten zu einem Blutspezialisten, einem Hämatologen, überwiesen, und dieser ordnet oftmals eine Untersuchung des blutzellbildenden Knochenmarks, eine Knochenmarkpunktion, an. Sie ist technisch nicht besonders schwierig, meistens auch nur bedingt schmerzhaft, da unter Lokalanästhesie durchgeführt, und nur in den wenigsten Fällen kommt es zu nennenswerten Komplikationen.

Da ich diese Untersuchung mangels persönlicher Einarbeitung bisher nicht beherrsche, es mich aber schon seit geraumer Zeit stört, dass ich oft Patienten an Kollegen mit langer Wartezeit verweisen muss, habe ich beschlossen, im Rahmen einiger mir zur Verfügung gestellter Tage bei einem Hämatologen in Nashville zu arbeiten, um diese Knochenmarkpunktion zu erlernen.

Der dafür ausgesuchte Hämatologe hat eine sehr volle Praxis, betreut häufiger Ärzte in der Weiterbildung und täglich werden bis zu zehn solcher Eingriffe vorgenommen, alles gute Voraussetzungen zur Erlernung. Da die Punktionen noch nicht einmal von Ärzten, sondern von Krankenschwestern durchgeführt werden (der leitende Arzt flüsterte mir schmunzelnd zu, dass er die Punktionen „niemals so gut wie die Pflegekräfte machen könne“), ging ich davon aus, mehrere pro Tag machen zu können, doch weit gefehlt: Von acht Eingriffen durfte ich gerade einmal eine einzige an meinem ersten Arbeitstag durchführen.

Der Grund der niedrigen Zahl liegt in der Beschaffenheit des Gesundheitssystems und der Mentalität Amerikas: In diesem hochindividualisierten Gesellschaftssystem wird dem Patienten ein sehr hohes Mitspracherecht eingeräumt, und diese haben verständlicher­weise Angst, mehr Schmerzen beziehungsweise eine Narbe durch nicht-sachgerechte Punktion zu erleiden, entsprechend lehnten mehrere Patienten den Eingriff durch mich ab, bevorzugten den Krankenpfleger. Das kann ich den Patienten nicht verdenken, ist aber anders als in Deutschland, wo sie zu solchen Themen selten nur gefragt werden, wo man ihnen oft keine Möglichkeit lässt („der Assistenzarzt Dr. X wird den Eingriff machen“).

Darüber hinaus sind wir als Ärzte und Krankenpflegekräfte in den USA darauf erpicht, juristisch nicht belangt zu werden, den Patienten also zufriedenzustellen und keine Fehler zu machen. Das führt dann fast von alleine zu einem Spezialistentum, bei dem jeder einzelne Arzt und Mitarbeiter im Gesundheitswesen nur ein schmales Spektrum an Leistungen abdeckt, den Rest des von ihm nicht betreuten Spektrums an andere Kollegen weiterleitet. Da die Wartezeiten meistens nicht sehr lange sind und der Patient das Gefühl hat, einem Spezialisten, der seinen Fall schon öfters gesehen und den Eingriff schon sehr oft gemacht hat, gegenüberzusitzen, ist er mit diesem System auch sehr zufrieden.

Weiterhin wurde ich wahrheitsgemäß als „noch in der Knochenmarkpunktion uner­fahrener Arzt, der gerne zuschauen und, sofern Sie es erlauben, mithelfen möchte“ vorgestellt – dass die meisten dann mein Mitwirken ablehnen, ist fast schon selbstverständlich. Auch das wird in vielen europäischen Ländern wie Deutschland anders gehandhabt und gegenüber dem Patienten nicht immer die volle Wahrheit gesagt.

So geht also mein erster Knochenmarkpunktionstag zu Ende, und in der Rückschau bin ich überrascht, überhaupt eine Punktion gemacht zu haben – für die USA ist das eine gute Auslese gewesen.

img9000 am Freitag, 30. September 2016, 17:46
Zutreffend
Das spiegelt auch meine Erfahrungen wieder. Als ich noch Student war, galten die USA immer als das Ausbildungsmekka, insbesondere auch wegen der "see one, do one, teach one"-Mentalitaet bei invasiven Massnahmen. Damals waren die amerikanischen Studenten auch bei vielen praktischen Dingen deutlich besser aufgestellt als ihre deutschen Kollegen. Das hat sich in den letzten 5-6 Jahren doch schon sehr deutlich geaendert, wie von Dr. Niemann auch in diesem Fall gut beschrieben wird.