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Hierarchieschmerzen

Freitag, 2. September 2016
Hierarchieschmerzen

Ein Drittel meiner Weiterbildungszeit ist nun verstrichen, doch noch immer fällt mir das Einfügen in die Hierarchie des Universitätsklinikums schwer. Dabei bin ich alleine schon aufgrund meiner Biografie – groß geworden in einer kinderreichen Familie und selber auf dem Weg zu einer immer kinderreicheren Familie, Mitgliedschaften in vielfältigen Organisationen, seit Jahren Arzt und damit in ein hierarchisches System eingebunden usf. – Hierarchien gewohnt und habe das Gefühl, mich in diesen gut einfügen zu können. Doch gerade seit Beginn dieser derzeitigen Weiterbildung zum Geriater komme ich immer wieder an meine Grenzen und stelle fest wie sehr mich die Verpflichtungen der Hierarchie anstrengen; ich habe dafür im Gespräch mit Freunden den Begriff der „Hierarchieschmerzen“ gewählt.

Ein Oberarzt zum Beispiel zitierte mich kürzlich in sein Büro und legte mir nahe, wie ich die Arztbriefe zu schreiben habe. Die Kritik war nur zum Teil berechtigt, denn Hauptauf­gabe des Arztes ist nicht der Arztbrief sondern die Patientengenesung und nach fast zehnjähriger ärztlicher Tätigkeit habe ich Erfahrungen in der Dokumentation und weiß, wie gut meine Briefe trotz auch mir bekannter Schwächen sind; das erklärte ich ihm sachlich, was leider Anlass einer Eskalation des Gespräches war und in dessen Verlauf ihm einige unschöne Sätze über die Lippen kamen.

Ich bleibe in Konfliktsituationen zumeist ruhig, auch wenn es in mir noch so brodelt, aber das schien in diesem Fall den mir in der Hierarchie höherstehenden Oberarzt noch mehr zu ärgern und am Ende verwies er mich des Raumes „bis ich mich beruhigt habe“, was mir als Hohn angesichts meiner Ruhe und seiner Aufgeregtheit, Röte im Gesicht und lauten Stimme schien.

Das ist nur ein deutliches von vielen Beispielen eines erschwerten ärztlichen Arbeitens innerhalb dieser am Universitätsklinikum stark ausgeprägten Hierarchie. Denn auch wenn der Ausgang dieses Streites gut war – ich besprach die Situation mit dem Chefarzt, dieser schlichtete dann den Streit, und ich versuchte mich dem Oberarzt anzupassen ohne exzessiv Zeitverluste aufgrund des Mehraufwandes zu erleiden – so wurde mir meine schwache Rolle in diesem Gefüge überdeutlich. Übrigens ist auch das Gerede über „flache Hierarchien“ in den USA meist naiv – denn Hirarchien existieren und sind eben nur besser versteckt durch oft weicher wirkende, aber trotzdem starke Sanktions­möglichkeiten.

Woher kommt dieser Drang nach Aufdrängen einer bestimmten Meinung auf einen Untergegebenen? Sie scheint dem Menschen auf alle Fälle tief verinnerlicht. Post­moderne Philosophen sprechen in diesem Kontext von Authentizität und Emanzipation und haben dabei natürlich gerade solche Gesellschaftsgefüge wie die Hierarchie im Blick und wie sich der einzelne Mensch in seiner „Geworfenheit“ (Martin Heidegger) aus solch einem „stahlharten Gehäuse“ (Max Weber) befreit, soweit das natürlich überhaupt möglich ist.

Doch ich bin eben derzeit eingebunden und muss mich mit den Gegebenheit arrangieren. Es bleibt immerhin die Lektion, dass gerade an Universitätskliniken und hier die besonders bekannten wie in meinem Fall eben Vanderbiltuniversität, das frei nach Michel Foucault als Zentrum medizinischer Macht starke interindividuelle Netzwerke und Abhängigkeiten gebildet hat, Hierarchien besonders stark ausgeprägt sind und ich eben darin gefangen.

Wie gehe ich damit um? Stillhalten und die verbleibenden Monate einfach aussitzen? Den Oberarzt meiden? Mich anpassen an seine Meinung, auch wenn sie eher als Schikane denn als Bereicherung empfunden wird? Die Lösung wird eine Mischung aus diesen und weiteren Ansätzen sein. Mein Fazit: In ein großes Krankenhausnetzwerk eingebunden zu sein hat viele Vorteile, aber gerade aus Hierarchiesicht auch Nachteile, mit denen manche besser als andere umgehen, wie das auch der Fall bei richtigen Schmerzen ist. Es sind eben Hierachieschmerzen.