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Stammzelltourist erwirbt Neoplasie vom Spender

Freitag, 8. Juli 2016
Stammzelltourist erwirbt Neoplasie vom Spender

Der gute Ruf, der der Stammzelltherapie vorauseilt, hat Quacksalber und Betrüger auf den Plan gerufen. In vielen Ländern gibt es mittlerweile Institute und Kliniken, die die Therapie bei Erkrankungen anbieten, für die sie derzeit nicht erprobt ist, geschweige denn empfohlen wird. In den meisten Indikationen dürfte sie derzeit ein Placebo sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Behandlung harmlos ist, wie ein 66-jähriger US-Amerikaner erfahren musste, der sich in China, Mexiko und Argentinien gleich mehrfach wegen der Folgen eines Schlaganfalls behandeln ließ.

Die Behandlung bestand in der Infusion von Stammzellen in den Liquorraum. Diese intrathekalen Injektionen haben den Mann nicht von den Behinderungen befreit, die der Schlaganfall hinterlassen hat. Sie haben vielmehr neue Probleme verursacht. Als der Mann sich schließlich in die Hände von „Schulmedizinern“ begab, entdeckten diese in der Kernspintomographie eine auffällige Raumforderung, die sich von der Lumbal- bis zur Thorakalwirbelsäule erstreckte.

Bei der Operation entfernte das Team um den Neurochirurgen John Chi vom Brigham and Women’s Hospital in Boston dann einen langgestreckten Tumor, dessen Ausmaße sie überraschte. Noch überraschender war der histologische Befund. Es handelte sich um einen sehr zellreichen Tumor, dessen Zellen neben dem Proliferationsmarker MIB-1 (MKI67) auch die Marker OLIG2 und SOX2 aufwiesen. OLIG2 zeigt, dass es sich um Glia-Zellen, also das „Stützgewebe“ des Nervensystems handelt. SOX2 ist dagegen ein Stammzel-Marker, der normalerweise im Rückenmark eines erwachsenen Menschen nicht gefunden wird.

Chi geht deshalb davon aus, dass sich der Tumor aus den Zellen der Stammzelltherapie entwickelt hat. Das bestätigte auch ein genetischer Fingerabdruck der Zellen. Er belegt, dass die Zellen nicht vom Patienten stammen. Die Stammzellen eines unbekannten Spenders hatten demnach beim Patienten einen Tumor ausgelöst, der laut Chi viele Anzeichen einer bösartigen Krebsgeschwulst hatte.

Die Induktion von Tumoren gehört zu den derzeit viel diskutierten möglichen Risiken der Stammzelltherapie. Die Zellen befinden sich in einem genetischen „Urzustand“, aus dem sich nicht nur alle gesunden Zellen des Körpers entwickeln können, sondern auch Tumore. Bei Tierexperimenten kommt es häufiger zur Bildung von Teratomen. Sie können alle menschlichen Gewebe wie Haare, Zähne oder Haut enthalten und werden deshalb auch als „Wundergeschwulst“ bezeichnet. Normalerweise sind sie gutartig, es gibt aber auch Teratokarzinome mit einem äußerst bösartigen Wachstum. Die Behandlung in einer Stammzellklinik kann deshalb unberechenbare Folgen haben.