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Hochspezialisiertes Universitätsklinikum

Montag, 11. Juli 2016
Hochspezialisiertes Universitätsklinikum

Ein Universitätsklinikum ist im Regelfall Hort eines sehr umfangreichen Wissensstandes und neigt gerade angesichts dieser immensen Informationsmenge nicht nur zur Spezialisierung, sondern zur Unter- und Unterunterspezialisierung. Beispielsweise gibt es nicht nur Allgemeinnephrologen, sondern eben Nephrologen, die sich vor allem mit der Dialyse, andere, die sich mit Stoffwechselstörungen beim Nierengeschädigten und wiederum andere, die sich mit Elektrolytentgleisungen beschäftigen, und es überrascht nicht, wenn gerade an diesen akademischen Zentren eine Vielzahl an Koryphäen zu finden sind, jeder eine Art Fürst seines abgesteckten und oftmals kleinen Medizinfachgebietes. Diese sind Ansprechpartner für ihre jeweilige Thematik, halten mehrmals im Jahr Vorträge hierzu und betreiben oft mehrere Forschungsprojekte, zum Teil mit Millionenbudget.

Die Geriatrie, mein gegenwärtiges Weiterbildungsfach und selber eine Unter­spezialisierung des Fachgebietes Innere Medizin, was übrigens ja auch ein Untergebiet eines größeren Faches, nämlich der Humanmedizin ist, kennt ebenfalls viele Auffächerungen: Es gibt an der Vanderbiltuniversität den Spezialisten für das Thema der Herzerkrankungen im geriatrischen Bereich, einen, der sich mit Protein­markierungs­stoffen beim alternden Menschen auseinandersetzt, einen anderen, der vor allem Palliativmedizin in der Geriatrie betreibt und so weiter.

Kürzlich arbeitete ich mehrere Tage mit einem Gerontopsychiater zusammen, ein Kollege, der national und international bekannt für seine Forschungen zum Thema leichtgradiger Demenz ist, selber eine internationale Studie leitet, ein eigenes Labor mit diversen Doktoranden unterhält und in seinen wenigen Sprechstunden nur Patienten mit demselben Problem, nämlich mit einer Demenz im frühen Stadium, betreut und behandelt. Die Diagnostik und Therapie ähneln sich bei jedem, stets werden dieselben Studien zitiert, aber jeder Patient fühlt sich geehrt, von solch einem bekannten Experten behandelt und gesehen worden zu sein.

Die Vorteile liegen auf der Hand, und fast zwangsläufig scheint es das Ziel der allermeisten Ärzte zu sein, solch ein Nischenfeld für sich zu finden. Die an mich gerichteten Fragen sind auch genau in diese Richtung zielend: Welche Nische strebe ich an? Auf welches Thema will ich mich konzentrieren, boshaft gesagt: beschränken? Viele der Studenten und Assistenzärzte, mit denen ich arbeite, haben aufgrund dieser Fragen schon ihren Weg abgesteckt.

Es erstaunte mich nicht, als mir eine 25-jährige Medizinstudentin angab, ihr Ziel sei es, Retinaspezialistin zu werden, also Augenärztin, die sich auf die Netzhaut konzentriere. Ein anderer Student wollte Darmkrebsarzt werden, also eine Unterunterspezialisierung eines internistischen Fachgebietes anstreben, alles sieben, acht oder mehr Jahre Weiterbildungszeit von ihrem gegenwärtigen Stand aus entfernt. Das ist wohl dem Druck des Universitätsklinikums geschuldet, wo jeder ein Experte auf seinem Gebiet sein möchte.